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Die Romantiker wollten die Gesetzmäßigkeit des Kunst-werks zur absoluten machen. Aber das Moment des Zufäl-ligen ist nur mit der Auflösung des Werkes aufzulösen odervielmehr in ein Gesetzmäßiges zu verwandeln. Daher habendie Romantiker folgerecht eine radikale Polemik gegen dieGoethesche Lehre von der kanonischen Geltung der griechi-schen Werke führen müssen. Sie konnten Vorbilder, selbst-ständig in sich geschlossene Werke, endgültig geprägte undder ewigen Progression enthobene Gebilde nicht anerkennen.Am übermütigsten und geistreichsten hat sich gegen GoetheNovalis gewandt: „Natur und Natureinsicht entstehen zu-gleich 308 ), wie Antike und Antikenkenntnis; denn man irrtsehr, wenn man glaubt, daß es Antiken gibt. Erst jetzt fängtdie Antike an zu entstehen . . . Der klassischen Literaturgeht es wie der Antike; sie ist uns eigentlich nicht gegeben —sie ist nicht vorhanden — sondern sie soll von uns erst her-vorgebracht werden. Durch fleißiges und geistvolles Studiumder Alten entsteht eine klassische Literatur für uns — diedie Alten selbst nicht hatten" 309 ). „Man glaube nur auchnicht allzu steif, daß die Antike und das Vollendete gemachtsei; gemacht, was wir so gemacht nennen. Sie sind so ge-macht, wie die Geliebte durch das verabredete Zeichen desFreundes in der Nacht, wie der Funken durch die Berührungder Leiter oder der Stern durch die Bewegung im Auge" 310 )'.Das heißt, sie entsteht nur, wo ein schöpferischer Geist sieerkennt, sie ist kein Faktum im Goetheschen Sinn. Die gleicheBehauptung lautet an anderer Stelle: „Die Antiken sind zu-gleich Produkte der Zukunft und der Vorzeit" 311 ). Unmittel-bar darauf: „Gibt es eine Zentralantike oder einen Universal-geist der Antiken?" Die Frage berührt sich mit SchlegelsThese von der werkhaften Einheit der antiken Poesie, undsie beide sind antiklassizistisch zu verstehen. — Wie die antikenWerke, so gilt es für Schlegel auch die antiken Gattungenin einander aufzulösen. „Umsonst war es, daß die Individuen
gleichen lassen, die weniger unmittelbar das Leben als den starrenBau der Einzelorganismen zum Gegenstand haben. Die Erforschungder Kunstgattungen bezieht sich bei den Romantikern nur aufdie Kunst, während sie bei Goethe außerdem auch normative,pädagogische Tendenzen hinsichtlich des einzelnen Werkes undseiner Verfertigung verfolgt.
308) vgl. I. Teil, Kap. IV. 309 ) Schriften 69 f.
310 ) Schriften 563. 3tl ) Schriften 491.