— 63 —
II. Das Kunstwerk.
Die romantische Theorie des Kunstwerks ist die Theorieseiner Form. Die begrenzende Natur der Form haben dieKrühromantiker mit der Begrenztheit jeder endlichen Reflexionidentifiziert und durch diese einzige Erwägung den Begriffdes Kunstwerks innerhalb ihrer Anschauungswelt determiniert.Ganz analog zu dem Gedanken, mit welchem in seiner erstenSchrift zur Wissenscliaftslehre Fichte die Reflexion an derbloßen Form der Erkenntnis sich manifestieren sieht (s.o. p. I4f.)bekundet den Romantikern das reine Wesen der Reflexionsich an der rein formalen Erscheinung des Kunstwerks. DieForm ist also der gegenständliche Ausdruck der dem Werke'■igenen Reflexion, welche sein Wesen bildet. Sie ist die Mög-lichkeit der Reflexion in dem Werke, sie liegt ihm also a priorials ein Daseinsprinzip zugrunde; durch seine Form ist dasKunstwerk ein lebendiges Zentrum der Reflexion. Im Mediumder Reflexion, in der Kunst, bilden sich immer neue Reflexions-/entren. Je nach ihrem geistigen Keim umfassen sie größereoder kleinere Zusammenhänge reflektierend. Die Unendlich-keit der Kunst kommt zunächst allein in einem solchen Zentrumals in eineni Grenzwert zur Reflexion, d. h. zur Selbsterfassungund damit zur Erfassung überhaupt. Dieser Grenzwert ist dieDarstelluhgsform des einzelnen Werkes. Auf ihr beruht dieMöglichkeit einer relativen Einheit und Abgeschlossenheit desWerkes im Medium der Kunst. — Weil aber jede einzelne Re-flexion in diesem Medium nur eine vereinzelte, eine zufälligesein kann, ist auch die Einheit des Werkes gegenüber derder Kunst nur eine relative; das Werk bleibt mit einem Mo-ment der Zufälligkeit behaftet. Diese besondere Zufälligkeitals eine prinzipiell notwendige, d. h. unvermeidliche einzu-gestehen, sie durch die strenge Selbstbeschränkung der Re-flexion zu bekennen, ist die genaue Funktion der Form. Prak-lische, d. h. bestimmte Reflexion, Selbstbeschränkung bildenIndividualität und Form des Kunstwerks. Denn damit dieKritik, wie oben (s. S. 58) ausgeführt wurde, Aufhebung allerI-iegrenzung sein könne, muß das Werk auf dieser beruhen,Ihre Aufgabe erfüllt die' Kritik, indem sie, je geschlossenerdie Reflexion, je strenger die Form des Werkes ist, desto viel-facher und intensiver diese aus sich heraustreibt, die ursprüng-liche Reflexion in einer höheren auflöst und so fortfährt.In dieser Arbeit beruht sie auf den Keimzellen der Reflexion,den positiv formalen Momenten des Werkes, die sie zu universal