Dornenhecken der Theologie, die Probleme des römischen Rechts: das ganzeWissen der Zeit umspannte der Geist dieses bleichen, zarten Jünglings. Undunter seiner Hand wurden alle Fragen einfach und plan. Seine wasserklarelateinische Prosa floß in Rede und Schrift eben und geordnet dahin: ihre kurzenSätze haben einen eigenen magistralen Nachdruck; ihre Gliederung ist logischmeisterhaft. Ihm wird alles einfach. Auch der Zusatz von Trivialität fehltihm nicht, den stets eine Masse von Hörern bedarf. Im Sammeln, Sichten,Verbinden, Vereinbaren und Formulieren hatte Melanchthon zu allen Zeitenwenige seinesgleichen. Es bezeichnet seine didaktische Natur, daß die meistenseiner Schriften aus den Vorlesungen entstanden. Er warf sie eilig hin; dannerst gab er ihnen von Auflage zu Auflage die Vollendung. Dabei war in ihmeine ihrer selbst unbewußte wissenschaftliche Kühnheit, auf unangebrochenemBoden über alle Schwierigkeit vorwärts zu schreiten. So entstanden die di-daktisch vollkommensten Lehrbücher, welche bis dahin in Deutschland ge-macht worden waren. Er suchte in ihnen nur abzuschließen, was die vor-handenen Leistungen boten. So lehnte er an Aristoteles, die Tradition undAgricola seine Dialektik an. Wir wissen jetzt, daß auch seine griechischeGrammatik nicht neuen Ergebnissen, sondern ihrer didaktischen Trefflich-keit den durchschlagenden Erfolg verdankte. Aber er führte alles, was er an-faßte, zu einer einfachen Vollendung, als wäre nun nachher nichts mehr andem Gegenstande zu tun.
So außerordentliche Gaben standen bei ihm im Dienst des schönsten Talents,sittliche Wirkungen still, doch unwiderstehlich zu üben. Und zwar hatteer stets im Sinne der sokratischen Schule, zumal des Aristoteles und Cicero,durch Aufklärung des Verstandes ruhige und gediegene sittliche, ich möchtesagen sittigende Wirkungen auszuüben getrachtet. Die Studien waren diesemfriedlich beschaulichen Geiste der Weg zur sittlichen Bildung, waren doch erselbst und seine liebsten Freunde, vor allem sein Camerarius diesen Weg ge-gangen. Nur von diesem Grundzug seines Wesens aus versteht man ihn ganzin seinen Stärken und auch in seinen Schwächen. Die Sittigung Deutschlandsdurch eine ideale Auffassung der menschlichen Dinge, wie das Studium derAlten und ein einfach inniges Christentum sie gewähren: das war das ganzeZiel aller erschöpfenden Arbeit dieses großen Lebens. Diesem Ziel ist er nach-gegangen in der einfachen Schulstube, auf dem Katheder, als Schriftsteller,als Diplomat und Vertreter der Protestanten in Religionsgesprächen und aufReichstagen unter mächtigen Fürsten. Ihm war es gleichviel, wie und wo erdaran arbeitete. Und jede Arbeit tat er, als wäre er für sie geboren. Neigung»Gabe und Schicksal machten ihn in diesem höchsten Sinne zum „LehrerDeutschlands" (Praeceptor Germaniae). Er nahm die ganze Nation in seinenUnterricht. In dieser Lehre ging er von einer universalen teleologischenBetrachtung aus, durch welche die Welt ihm zum Hause Gottes wurde. Unddas Ziel solchen Unterrichts war eben die fortschreitende Sittigung der Welt-Das war die Form, in welcher das neue Lebensideal des deutschen Protestantis-mus, die Gegenwart Gottes im Leben und in der wirkenden selbstmächtigenPerson, seine Seele erfüllte. Wie in Holzschnitten Dürers das Christkinddas schlichte enge Bürgerhaus und alle harte Arbeit darin verklärt: so strahl*
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