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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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Man weicht von dem ursprünglichen Zwecke der Wissenschaften ab undmacht nur die Mittel zum Zweck. Über den gelehrten Hilfsmitteln vergißtman die Ergebnisse. Man sieht kaum einen Theologen oder Juristen, nurtheologische, juridische Philologen. Alle historischen Wissenschaften werdendurch die philologisch-kritische Gelehrsamkeit ungenießbar gemacht. Manfragt nicht nach dem Inhalt, nur nach der Schale. Man untersucht die Richtig-keit, nicht die Wichtigkeit der Zitate. Man freut sich kindisch, wenn mandiplomatisch erwiesen hat, daß dieser oder jener Ausspruch wirklich getanworden ist, ohne sich darum zu bekümmern, ob er auch innere Wahrheit hatund ob überhaupt etwas daran liegt. Man häuft mit unsäglichem Fleiße Nach-richten, unter denen man mit ebenso vieler Mühe wieder das Wenige zusam-mensuchen muß, was der Erinnerung wert ist. Man verschwendet ein jahre-langes Studium, um die richtige Lesart eines alten Dichters ausfindig zu machen,der oft besser gänzlich stillgeschwiegen hätte. Selbst die neuere Poesie wirdunter der Last der Gelehrsamkeit erdrückt. Die Sprache des natürlichen Ge-fühls und der lebendigen Anschauung wird nur zu oft verdrängt durch gelehrteÜberlegungen, Anspiegelungen und Zitate. Es gibt keinen Zweig der Literatur,auf welchen die Stubengelehrsamkeit nicht einen nachteiligen Einfluß übte.(Wolfgang Menzel, Die deutsche Literatur, 1836.)

DER VERURTEILTE WELTWEISE

Man stelle sich vor, es stünde zu unsern Zeiten ein Mann auf, welcher auf diewichtigsten Verrichtungen unserer Gelehrten von der Höhe seiner Empfin-dungen verächtlich herabsehen könnte, welcher mit einer sokratischen Stärkedie lächerlichen Seiten unserer so gepriesenen Weltweisen zu "entdeckenwüßte und mit einem zuversichtlichen Tone auszurufen wagte:Ach! eure Wissenschaft ist noch der Weisheit Kindheit,Der Klugen Zeitvertreib, ein Trost der stolzen Blindheit!Gesetzt, alle seine Ermahnungen und Lehren zielten auf das einzige, was unsein glückliches Leben verschaffen kann, auf die Tugend. Er lehrte uns, desReichtums entbehren, ja ihn fliehen. Er lehrte uns, unerbittlich gegen unsselbst, nachsehend gegen andre sein. Er lehrte uns, das Verdienst, auchwenn es mit Unglück und Schmach überhäuft ist, hochachten und gegen diemächtige Dummheit verteidigen. Er lehrte uns, die Stimme der Natur inunsern Herzen lebendig empfinden. Er lehrte uns, Gott nicht nur glauben,sondern, was das Vornehmste ist, lieben. Er lehrte uns endlich, dem Tode un-erschrocken unter die Augen gehen und durch einen willigen Abtritt von diesemSchauplatz beweisen, daß man überzeugt sei, die Weisheit würde uns die Maskenicht ablegen heißen, wenn wir unsere Rolle nicht geendigt hätten. Man bildesich übrigens ein, dieser Mann besäße nichts von aller der Kenntnis, die destoweniger nützt, je prahlender sie ist. Er wäre weder in den Geschichten, nochin den Sprachen erfahren. Er kenne die Schönheiten und Wunder der Naturnicht weiter, als insofern sie die sichersten Beweise von ihrem großen Schöpfersind. Er habe alles das unerforscht gelassen, wovon er, bei Toren zwar mitweniger Ehre, allein mit desto mehr Befriedigung seiner selbst, sagen kann:

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