das Bedürfnis dazu ohnedies in sich fühlen, und gerade dieses Bedürfnis desUmgangs mit großen Vorgängern ist das Zeichen einer höheren Anlage. Manstudiere Moliere, man studiere Shakespeare, aber vor allen Dingen die altenGriechen und immer die Griechen."
„Für hochbegabte Naturen", bemerkte ich, „mag das Studium der Schriftdes Altertums allerdings ganz unschätzbar sein, allein im allgemeinen scheintes auf den persönlichen Charakter wenig Einfluß auszuüben. Wenn das wäre,so müßten ja alle Philologen und Theologen die vortrefflichsten Menschen sein.Dies ist aber keineswegs der Fall, und es sind solche Kenner der griechischenund lateinischen Schriften des Altertums eben tüchtige Leute oder auch armeWichte, je nach den guten oder schlechten Eigenschaften, die Gott in ihreNatur gelegt oder die sie von Vater und Mutter mitbrachten."„Dagegen ist nichts zu erinnern," erwiderte Goethe; „aber damit ist durch-aus nicht gesagt, daß das Studium der Schriften des Altertums für die Bil-dung eines Charakters überall ohne Wirkung wäre. Ein Lump bleibt freilich einLump, und eine kleinliche Natur wird durch einen selbst täglichen Verkehrmit der Großheit antiker Gesinnung um keinen Zoll größer werden. Alleinein edler Mensch, in dessen Seele Gott die Fähigkeit künftiger Charaktergrößeund Geisteshoheit gelegt, wird durch die Bekanntschaft und den vertraulichenUmgang mit den erhabenen Naturen griechischer und römischer Vorzeit sichauf das herrlichste entwickeln und mit jedem Tage zusehends zu ähnlicherGröße heranwachsen." (Eckermann, Gespräche mit Goethe, 1827.)
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