schrei, als ob zum Turnkleid die rote Mütze als Ergänzung hinzukommenund man den Turnplatz in ein Bollwerk verwandeln würde, aus ihm gegen
Staat und Thron Sturm zu laufen.--------
Von der Bildung und Pflege, welche der Grieche in ihrer Vollheit genoß,ist uns die eine Hälfte, die des Leibes, zugrunde gegangen, und mit ihr dieHälfte der Güter, welche das Leben bieten kann. Eine halbe Gesundheit, einehalbe Kraft, ein halbes Gefühl unserer selbst und der Freude, ein halbes Lebenist uns zurückgeblieben. Nicht einmal kommt dem Geiste zugut, was dem Leibentzogen ward. — —
Die Kränze des Ruhmes werden jetzt nur Auszeichnungen anderer Art undoft für Dinge, welche besser unterlassen und verhüllt würden, geflochten.Jene für die glücklichen Kämpfe wohlgeübter Kraft und Gelenkheit sind mitdem ritterlichen Turnen und Stechen verdorrt. Wer mit dem Speer oder imRingen, im Lauf, Sprung oder Wurf sich auszeichnet, fände nicht mehr Ruhmals, nach Pindar, der Hahn, der auf dem Hofe kämpft. Umsonst, ohne indie bessere und lebendigere Ansicht dieser Dinge einzudringen, lesen wir dieSchriften des Altertums. Ihre Worte fassen wir, ihren Gedanken folgen wir;aber den Sinn und die Gesinnung, aus welcher sie hervorgehn, die geheimeKraft, welche die Blüten und Früchte, die uns Wohlgefallen, hervortreibt,bleiben uns verschlossen, und ein Werk, welches, wie die pindarischen Ge-sänge, das Leben und seine Zierden in ihrer Ganzheit darstellt und auf jedemBlatte neben der Tugend des Geistes auch die des Leibes, neben Weisheit undTapferkeit die Stärke des Armes und die Behendigkeit der Füße mit Lobschmückt und den höchsten Ruhm ebenso auf der Rennbahn wie auf demSchlachtfelde, aus den Schulen der Weisheit wie aus den Kampfübungen desTurnlehrers entspringen läßt, ist uns fremd, seltsam und zum Rätsel gewor-den. Ich klage deshalb nicht uns und diese Zeit an; denn kein Geschlecht istdurch sich selbst gebildet, noch kann es in seiner Mutter Leib zurückgehen,um sich anders und edler zu gestalten; aber die Einsicht in unsern Zustandund a in das Bessere sollen wir zu gewinnen bemüht sein, und, wie du getan undzu tun'nicht müde wirst, darauf hinarbeiten, daß die nach uns Heranwachsen-den für dasselbe erzogen und seines Besitzes froh werden. — —In welcher Weise und Ausdehnung es bei uns in vorchristlichen Zeiten ge-wesen ist, liegt im Dunkeln. Kaum ist davon eine andere Nachricht, alsjene bei Tacitus von^dem kriegerischen Tanz, den nackte Jünglinge zwischenaufgestellten Schwertern vor dem versammelten Volke aufführten, zu uns ge-langt. Das Kühne und Gefährliche des Spiels setzt lange Übung und große,durch langes Turnen erworbene Gewandtheit, der kriegerische Geist des Volkesund der Bedarf der Schlachten Mannigfaltigkeit und Beharrlichkeit der Turn-übungen voraus. Ferner deutet jener Wagetanz, vor dem versammelten Volkeaufgeführt, auf festliche Zeit, und die Feste sind nicht ohne Götter, denensie gefeiert wurden. Man darf also annehmen, daß die Turnübungen bei Festenund Opfern zur Schau gebracht, unter den Schirm der deutschen Ehre ge-stellt und durch ihre Feste geweiht waren. Daß aber die verschiedenen Artenvon Übungen auf gleiche Weise vor dem Volke gezeigt, daß die Sieger geprie-sen und belohnt wurden, läßt sich vermuten, nicht beweisen. Noch jetzo
202