nach, indessen sie ein Jüngstes an die Brust geschlossen trägt. Anmutiger istnicht leicht etwas gedacht und ausgeführt.
Wie manches Ähnliche übergehen wir, wodurch uns die großen Alten ge-lehrt, wie höchst schätzbar die Natur auf allen ihren Stufen sei, da wo sie mitdem Haupte den göttlichen Himmel und da wo sie mit den Füßen die tierischeErde berührt.
Noch einer Darstellung jedoch können wir nicht geschweigen: es ist dieRömische Wölfin. Man sehe sie, wo man will, auch in der geringsten Nach-bildung, so erregt sie immer ein hohes Vergnügen. Wenn an dem zitzen-reichen Leibe dieser wilden Bestie sich zwei Heldenkinder einer würdigenNahrung erfreuen und sich das fürchterliche Scheusal des Waldes auchmütterlich nach diesen fremden Gastsäuglingen umsieht, der Mensch mitdem wilden Tiere auf das zärtlichste in Kontakt kommt, das zerreißendeMonstrum sich als Mutter, sich als Pflegerin darstellt, so kann man wohlvon einem solchen Wunder auch eine wundervolle Wirkung für die Welterwarten. Sollte die Sage nicht durch den bildenden Künstler zuerst ent-sprungen sein, der einen solchen Gedanken plastisch am besten zu schätzenwußte? Wie schwach erscheint aber, mit so großen Konzeptionen ver-glichen, eine Augusta Puerperal
Der Sinn und das Bestreben der Griechen ist, den Menschen zu vergöttern,nicht die Gottheit zu vermenschen. Hier ist ein Theomorphism, kein Anthro-pomorphism! Ferner soll nicht das Tierische am Menschen geadelt werden,sondern das Menschliche des Tieres werde hervorgehoben, damit wir uns inhöherem Kunstsinne daran ergötzen, wie wir es ja schon nach einem unwider-stehlichen Naturtrieb an lebenden Tiergeschöpfen tun, die wir uns so gern zuGesellen und Dienern erwählen. (Joh. Wolfg. Goethe, Myrons Kuh, 1812.)
DER'ZERBROCHENE KRUG.
Ein ziegenfüßiger Faun lag unter einer Eiche in tiefem Schlaf ausgestreckt,undjdie jungen Hirten sahen ihn. „Wir wollen", sprachen sie, „ihn fest anden Baum binden, und dann soll er uns für die Loslassung ein Lied singen."Und sie banden ihn an den Stamm der Eiche fest, und warfen mit der ge-fallenen Frucht des Baumes ihn wach. „Wo bin ich?" so sprach der Faunund gähnte, und dehnte die Arme und die Ziegenfüße weit aus. „Wo bin ich?wo ist meine Flöte? wo ist mein Krug? Ach! da liegen die Scherben vomschönsten Krug! Da ich gestern im Rausch hier sank, da hab ich ihn zer-brochen. — Aber wer hat mich festgebunden?" so sprach er und sah ringsumher und hörte das zwitschernde Lachen der Hirten. „Bindet mich los,ihr Knaben!" rief er. „Wir binden dich nicht los", sprachen sie, „du singestuns denn ein Lied". „Was soll ich euch singen, ihr Hirten?" sprach der Faun;„von dem zerbrochenen Krug will ich singen; da setzet euch im Gras ummich her."
Und die Hirten setzten sich ins Gras um ihn her, und er hub an:„Er ist zerbrochen, er ist zerbrochen, der schönste Krug! Da liegen dieScherben umher.
154