in deutlichen, ewigen Begriffen dem Auge jedes Sehenden für alle Zeiten dar,in welchen sich Menschheit in diesen Formen genießt und fühlt, in welchenMenschheit nach diesen Formen wirkt. Sie gibt uns also nicht nur eine sicht-bare Logik und Metaphysik unsres Geschlechts in seinen vornehmsten Gestal-ten, nach Altern, Sinnesarten, Neigungen und Trieben; sondern, indem sie diesemit Sinn und Wahl darstellt, ruft sie als eine zweite Schöpferin uns schweigendzu: „Blicke in diesen Spiegel, o Mensch; das soll und kann dein Geschlechtsein. So hat sich die Natur in ihm mit Würde und Einfalt, mit Sinn und Liebegeoffenbart. Also erscheint das Göttliche in deinem Gebilde; anders kann esnicht erscheinen".
Auf diesem Wege gingen die Griechen; zu dieser Idee arbeiteten sie hin.Ohne ihre Kunst würden wir manche Gedanken ihrer Dichter und Weisennicht verstehen; als öde Worte schwebten sie vor uns vorüber. Nun hat siedie Kunst sichtbar gemacht und damit auch den ganzen Geist der Komposi-tion ihrer Schriften, den Zweck ihrer Sittenformung und was sie sonst unter-scheidet, in anschaulichen Bildern dem menschlichen Verstände vorgestellt;kurz, anschauliche Kategorien der Menschheit gegründet. Davon verstandennun freilich jene Barbaren nichts, die in einem Basaltkopfe Jupiters nichtsals den schwarzen Kopf eines Satans, im schönen Apollo einen wahrsagendenbösen Geist und in der himmlischen Aphrodite eine unzüchtige Dirne zer-störten. Der einzige Begriff, daß alle diese Kunstwerke Gegenstände der Ab-götterei, Behausungen orakelgebender, lustverführender, böser Dämonenseien, hing wie ein schwarzer Nebel vor ihren Augen, daß sie den wahrenDämon, das Ideal der Menschenbildung in ihren reinsten Formen nicht zuerkennen vermochten. Auch keinem von denen wird er sichtbar, die in derStatue nur die Statue, in der Gemme den Edelstein und in allem nur Pracht,Zierat, herkömmlichen Geschmack oder Altertums- und mechanische Kunst-kenntnisse suchen. Am weitesten entfernt davon eine falsche und enge Theorie,die sich gegen jede Äußerung und Offenbarung des menschenfreundlichen,wahrheitdarstellenden Gottes hinter Wortlarven mit einem kalten Stolzebrüstet. Zu uns wird der Dämon der Menschennatur aus den Werken derGriechen rein und verständlich sprechen können: denn wir werden ihn mit-fühlend, sympathetisch hören. (Joh. Gottf. Herder, Briefe zur Beförderungder Humanität, 1795.)
DIE GRIECHISCHE DICHTUNG.
Wandelt die Gottheit auch in irdischer Gestalt? Kann das Beschränkte jevollständig, das Endliche vollendet, das Einzelne allgemeingültig sein? Gibtes unter Menschen eine Kunst, welche die Kunst schlechthin genannt zu wer-den verdiente? Gibt es sterbliche Werke, in denen das Gesetz der Ewigkeitsichtbar wird?
Mit richterlicher Majestät überschaut die Muse das Buch der Zeiten, dieVersammlung der Völker. Überall findet ihr strenger Blick nur Rohigkeit undKünstelei, Dürftigkeit und Ausschweifung in stetem Wechsel. Kaum erheitertdann und wann ein schonendes Lächeln über die liebenswürdigen Spiele derkindlichen Unschuld ihren unwilligen Ernst.
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