den Wölbungen aller Teile! wie angespannt das Ganze! Dieses Auge faßtden Baum bei der Wurzel.
Über allen Ausdruck ist die reine Selbstigkeit dieses Mannes. Beim erstenAnblicke scheint was Verderbendes dir entgegen zu streben. Aber die treuher-zige Verschlossenheit der Lippen, die Wangen, das Auge selbst! — Groß istder Mensch, in einer Welt von Großen. Er hat nicht die hinlässige Verachtungdes Tyrannen, er hat die Anstrengung dessen, der Widerstand findet, dessen,der sich im Widerstände bildet, der nicht dem Schicksale, sondern großenMenschen widerstrebt, der unter großen Menschen geworden ist. Nur einJahrhundert von Trefflichen konnte den Trefflichsten durch Stufen hervor-bringen.
Er kann keinen Herrn haben, kann nicht Herr sein. Er hat nie seine Lustan Knechten gehabt. Unter Gesellen mußt er leben, unter Gleichen und Freien.In einer Welt voll Freiheit edler Geschöpfe würd' er in seiner Fülle sein. Unddaß das nun nicht so ist, schlägt im Herzen, drängt zur Stirne, schließt denMund, bohrt im Blicke! Schaut hier den gordischen Knoten, den der Herrder Welt nicht lösen konnte. (Joh. Wolfg. Goethe, in Lavater: Physiognom.Fragmente, 1775/78-)
CORNELIUS SCIPIOS GESTALT.
Das ist der Jüngling, den das Schicksal auserkoren, der Retter Roms zuWerden, der das Glück an seinen Siegeswagen fesselte, in dessen ritterlicherTugend sich der Heldensinn seiner Zeitgenossen am herrlichsten verklärt.Er hat unbestritten für seine Zeit als der erste Mann Roms gegolten, und seinerGröße hat sein Volk gehuldigt. In ihm erkennen wir die eine Richtung römi-schen Geistes in selbiger Zeit.
Fragen wir, welche Ursachen dem Scipio diese Stellung seinen Zeitgenossengegenüber sicherten, so stehe ich nicht an, als erste Grundlage seiner Größegerade seine Jugend zu bezeichnen. Der Aufgang seines Jünglingsaltersfiel mit dem Beginn der verhängnisvollen Zeit zusammen, welche die ganzeKraft des römischen Volks erweckte, welches eine neue Richtung und dieäußerste Anstrengung der Kraft gebot. Scipio hatte kaum die männlicheToga angelegt, als er in der Schlacht am Tessin seinen verwundeten Vatera us dem Kampfgetümmel rettete. Auch später hatte er mit dem Volkejedes Mißgeschick geteilt und die Schlacht bei Cannä mitgefochten. Sow ar er recht eigentlich der Sohn der Zeit, deren Streben er begriff, derenKraft er in sich trug, die zu leiten er sich berufen fühlte. Das römische"olk hatte erkannt, daß durch die Tatkraft eines jugendlichen Helden ihmRettung werden müsse. Darum vertraute es dem tollkühnen Flaminius,dem verwegenen Minucius, dem unbesonnenen Terentius Varro. Aber inScipio bewunderte es mehr als rohe Tapferkeit. Es war zunächst der be-s °nnene Mut und die Geistesgegenwart, die er im entscheidenden Augenblickbewies. Als andere zitterten, ordnete er die Trümmer des bei Cannä geschlage-ne n Heeres. Mit hohem Selbstvertrauen und furchtbarem Ernste zerstörte erdle Pläne des Metellus und seiner Rotte, die feige ihr Vaterland in der Stunde
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