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1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
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strich mit seiner Macht und seinem Glänze zu Boden, und, ehe der Menschnoch gehen gelernt hat, muß er knieen, eh' er sprechen gelernt hat, mußer beten, ehe sein Herz ein Gleichgewicht hat, muß es sich neigen, undehe der Geist noch stark genug ist, Blumen und Früchte zu tragen, ziehetSchicksal und Natur mit brennender Hitze alle Kraft aus ihm. Der Ägyptierist hingegeben, eh' er ein Ganzes ist, und darum weiß er nichts vom Ganzen,nichts von Schönheit, und das Höchste, was er nennt, ist eine verschleierteMacht, ein schauerhaft Rätsel; die stumme finstre Isis ist sein Erstes undLetztes, eine leere Unendlichkeit, und da heraus ist nie Vernünftiges ge-kommen. Aus dem erhabensten Nichts wird Nichts geboren.Der Norden treibt hingegen seine Zöglinge zu früh in sich hinein, und wennder Geist des feurigen Ägyptiers zu reiselustig in die Welt hinaus eilt, schicktim Norden sich der Geist zur Rückkehr in sich selbst an, ehe er nur reise-fertig ist.

Man muß im Norden schon verständig sein, noch eh' ein reif Gefühl ineinem ist, man mißt sich Schuld von allem bei, noch ehe die Unbefangenheitihr schönes Ende erreicht hat; man muß vernünftig, muß zum selbstbewußtenGeiste werden, ehe man Mensch, zum klugen Manne, ehe man Kind ist; dieEinigkeit des ganzen Menschen, die Schönheit läßt man nicht in ihm gedeihnund reifen, eh' er sich bildet und entwickelt. Der bloße Verstand, die bloßeVernunft sind immer die Könige des Nordens.Aber aus bloßem Verstand ist nie Verständiges, aus bloßer Vernunft ist nieVernünftiges gekommen.

Verstand ist ohne Geistesschönheit wie ein dienstbarer Geselle, -der denZaun aus grobem Holze zimmert, wie ihm vorgezeichnet ist, und die gezim-merten Pfähle aneinander nagelt, für den Garten, den der Meister bauen will.Des Verstandes ganzes Geschäft ist Notwerk. Vor dem Unsinn, vor dem Un-recht schützt er uns, indem er ordnet; aber sicher zu sein vor Unsinn und vorUnrecht ist doch nicht die höchste Stufe menschlicher Vortrefflichkeit.Vernunft ist ohne Geistes-, ohne Herzensschönheit wie ein Treiber, dender Herr des Hauses über die Knechte gesetzt hat; der weiß so wenig als dieKnechte, was aus all' der unendlichen Arbeit werden soll, und ruft nur:tummelt euch, und sieht es fast ungern, wenn es vor sich geht, denn am Endehätt' er ja nichts mehr zu treiben, und seine Rolle wäre gespielt.Aus bloßem Verstände kommt keine Philosophie, denn Philosophie ist mehr,denn nur die beschränkte Erkenntnis des Vorhandenen.Aus bloßer Vernunft kommt keine Philosophie, denn Philosophie ist mehr,denn blinde Forderung eines nie zu endigenden Fortschritts in Vereinigungund Unterscheidung des möglichen Stoffs.Leuchtet aber das Göttliche £v biacpepov feauxw, das Ideal der Schönheit derstrebenden Vernunft, so fordert sie nicht blind, und weiß, warum, wozu siefordert.

Scheint, wie der Maitag in des Künstlers Werkstatt, dem Verstände dieSonne des Schönen zu seinem Geschäfte, so schwärmt er zwar nicht hinausund läßt sein Notwerk stehn, doch denkt er gern des Festtags, wo er wandelnwird im verjüngenden Frühlingslichte. (Friedr. Hölderlin, Hyperion, 1799.

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