Du hast noch nie so tief aus meiner Seele gesprochen, rief Diotima.Ich hab' es von dir, erwidert' ich.
So war der Athener ein Mensch, fuhr ich fort, so mußt' er es werden. Schönkam er aus den Händen der Natur, schön an Leib und Seele, wie man zu sagenpflegt.
Das erste Kind der menschlichen, der göttlichen Schönheit ist die Kunst.In ihr verjüngt und wiederholt der göttliche Mensch sich selbst. Er will sichselber fühlen, darum stellt er seine Schönheit gegenüber sich. So gab derMensch sich seine Götter. Denn im Anfang war der Mensch und seine Göt-ter eins, da, sich selber unbekannt, die ewige Schönheit war. — Ich sprecheMysterien, aber sie sind. —
Das erste Kind der göttlichen Schönheit ist die Kunst. So war es bei denAthenern.
Der Schönheit zweite Tochter ist Religion. Religion ist Liebe der Schön-heit. Der Weise liebt sie selbst, die Unendliche, die Allumfassende; das Volkliebt ihre Kinder, die Götter, die in mannigfaltigen Gestalten ihm erscheinen.Auch so war's bei den Athenern. Und ohne solche* Liebe der Schönheit, ohnesolche Religion ist jeder Staat ein dürr Gerippe ohne Leben und Geist, undalles Denken und Tun ein Baum ohne Gipfel, eine Säule, wovon die Kroneherabgeschlagen ist.
Daß aber wirklich dies der Fall war bei den Griechen und besonders denAthenern, daß ihre Kunst und ihre Religion die echten Kinder ewiger Schönheit—. vollendeter Menschennatur — sind, und nur hervorgehn konnten aus voll-endeter Menschennatur, das zeigt sich deutlich, wenn man nur die Gegenständeihrer heiligen Kunst und die Religion mit unbefangenem Auge sehen will,womit sie jene Gegenstände liebten und ehrten.
Mängel und Mißtritte gibt es überall und so auch hier. Aber das ist sicher,daß man in den Gegenständen ihrer Kunst doch meist den reifen Menschenfindet. Da ist nicht das Kleinliche, nicht das Ungeheure der Ägypter und Goten,da ist Menschensinn und Menschengestalt. Sie schweifen weniger als anderezu den Extremen des Übersinnlichen und des Sinnlichen aus. In der schönenMitte der Menschheit bleiben ihre Götter mehr denn andere.Und wie der Gegenstand, so auch die Liebe. Nicht zu knechtisch und nichtgar zu sehr vertraulich! —
Aus der Geistesschönheit der Athener folgte denn auch der nötige Sinn fürFreiheit.
Der Ägyptier trägt ohne Schmerz die Despotie der Willkür, der Sohn desNordens ohne Widerwillen die Gesetzesdespotie, die Ungerechtigkeit in Rechts-form; denn der Ägyptier hat von Mutterleib an einen Huldigungs- und Ver-götterungstrieb; im Norden glaubt man an das reine, freie Leben der Naturzu wenig, um nicht mit Aberglauben am Gesetzlichen zu hängen.Der Athener kann die Willkür nicht ertragen, weil seine göttliche Naturnicht will gestört sein, er kann Gesetzlichkeit nicht überall ertragen, weiler ihrer nicht überall bedarf. Drako taugt für ihn nicht. Er will zart be-handelt sein und tut auch recht daran.
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