Druckschrift 
1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
Seite
28
Einzelbild herunterladen
 

DIE GENIEN.

Die Genien oder Schutzgötter des Menschen waren es vorzüglich, wodurchin der Vorstellung der Alten die Menschheit sich am nächsten an dieGottheit anschloß. Die höchste Gottheit selber vervielfältigte sich gleichsamdurch diese Wesen, insofern sie über jeden einzelnen Sterblichen wachte, undihn, von seiner Geburt an bis zum Tode, an ihrer Hand durchs Leben führte. In diesem schönen Sinne war es, daß die Männer bei ihrem Jupiter und dieFrauen bei ihrer Juno schwuren, indem sie unter dieser Benennung sich ihreneigenen Genius oder ihre besondere schützende Gottheit dachten.An ihren Geburtstagen brachten die Alten ihrem Genius Opfer, der unterder Gestalt eines schönen Jünglings abgebildet war, dessen Haupt sie mitBlumen umkränzten.

Ein jeder verehrte auf diese Weise, durch ein zartes Gefühl gedrungen,in sich etwas Göttliches und Höheres, als er in seiner Beschränktheit undEinzelnheit selber war, und dem er nun wie einer Gottheit Opfer brachte,und gleichsam durch Verehrung das zu ersetzen suchte, was ihm an deut-licher Erkenntnis seines eigenen Wesens und seines göttlichen Ursprungsabging. (Karl Phil. Moritz, Götterlehre, 1791.)

DIE MYSTERIEN IM LEBEN DES VOLKES.

So wenig wir von den griechischen Mysterien wissen, wissen wir gleich-wohl unzweifelhaft, daß ihre Lehre mit der öffentlichen Religion im gerade-sten und auffallendsten Gegensatz war. Der reine Sinn der Griechen offenbartsich eben auch darin, daß sie das, was seiner Natur nach nicht öffentlich undreal sein konnte, in seiner Idealität und Abgeschlossenheit bewahrten. Manentgegne nicht, daß jener Gegensatz der Mysterien und der öffentlichen Reli-gion bloß darum habe bestehen können, weil jene nur wenigen mitgeteiltworden. Denn sie waren geheim nicht durch Einschränkung der Teilnahmean ihnen, die sich vielmehr auch über die Grenzen von Griechenland erstreckte,sondern dadurch, daß ihre Profanation, das heißt ihre Übertragung ins öffent-liche Leben, als Verbrechen betrachtet und bestraft wurde, und die Nation aufnichts so eifersüchtig war, als auf die Erhaltung der Mysterien in ihrer Geschie-denheit von allem Öffentlichen. Dieselben Dichter, welche ihre Poesie ganzauf die Mythologie gründen, erwähnen der Mysterien als der heilvollsten undwohltätigsten aller Einrichtungen. Überall erscheinen sie als der Zentral-punkt der öffentlichen Sittlichkeit: die hohe sittliche Schönheit der griechi-schen Tragödie weist auf sie zurück, und es möchte nicht schwer sein, in denGedichten des Sophokles bestimmt die Töne zu hören, in die er durch jene ein-geweiht worden. (Friedr. Wilh. Jos. Schelling, Philosophie und Religion, 1804.)

DIE ATHENER.

Ungestörter in jedem Betracht, von gewaltsamem Einfluß freier als irgend-ein Volk der Erde, erwuchs das Volk der Athener. Kein Eroberer schwächtsie, kein Kriegsglück berauscht sie, kein fremder Götterdienst betäubt sie,

28