Druckschrift 
2 (1825) Theorie der Beredsamkeit für alle Formen prosaischer Darstellung : nach den besten Quellen der Alten und der Neuern bearbeitet, und mit Mustern und Beyspielen belegt
Entstehung
Seite
380
Einzelbild herunterladen
 

58o

heiten, so unermeßlich das Gebieth der sinnlichen und sichtba-ren, so unbegränzt der Umfang der moralischen und geistigenWelt, so groß das Reich der Schöpfung ist: so groß ist derVorrath dessen, was menschliche Geister, menschliche Herzen,menschliche Sinne genießen können und sollen.

Und dennoch zeigt es die Erfahrung offenbar, daß nurWenige ihr Leben völlig genießen. Die Schuld davon scheintan den Menschen zu liegen, daß sie di? Kunst zu genießennicht verstehen und sich der Mittel zum Frohsey» nicht gehörigzu bedienen wissen. Oder heißt das wohl sein Leben genießen,wenn man immer nur die Mittel zum Genüsse häuft; wennman sein Leben verschweigt, verträumt, wenn man die Kräftezum Genüsse leichtsinnig Verschwender? Heißt das wohl seinLeben genießen, wenn man bloß für den Körper und die Sinnesorgt, aber seinen Geist vernachlässigt und die Bedürfnisse sei-nes Verstandes und Herzens unbefriedigt läßt?

Die Kunst, sein Leben zu genießen, setzt eine genaue Be-kanntschaft mit allen dem, was sich überhaupt genießen läßt,voraus. Werde also mit dir selbst, mit deinem kunstvollenKörper, mit deinem unsterblichen Geiste, mit deine» herrli-chen Anlagen und Kräften, mit deinen schätzbaren Vorzügen,mit dem, was du schon bist und hast, und was du noch künf-tig seyn und erlangen wirst, genau bekannt. Wie viel Ange-nehmes und Schönes kannst du nicht auf dem Schauplatze derNatur sehen, Horen, empfinden und genießen. Hier sind fer-ner die Menschen deine Brüder, ,die ihr gleicher Ursprung undihre gleiche Bestimmung so genau mit dir verbinden, derenWohlstand so innig in den deinigen verschlungen, deren Um-gang so lehrreich, so beglückend, so sehr Bedürfnis; für dich ist;o sey und leiste ihnen alles daS, was du sollst und vermagst,so wirst du dein Leben in ihnen und durch sie tausendfach genie-ßen und die Quelle deines Vergnügens unendlich vervielfälti-gen. Dort ist häusliches Glück; dort wohnen Eintracht, Freund-schaft und Liebe im engen Bunde beysammen ; dort ist es haupt-sächlich, wo man sein Leben genießt und seines Daseyns froh