37 '
erlernen möchten, nur die elastischen Schriftsteller zu lesen, dieentweder in derselben Epoche gemacht, oder Sie ganz oderin ihren wichtigsten Theilen besonders glücklich, geistreich undcon amoro abgehandelt haben. Einen solchen Genius hat, auchin den neuern Zeiten, fast jede Kunst und Wissenschaft einmahlgehabt, der sie gleichsam erschuf oder umschuf. Aus diesenQuellen schöpft man sie am reinsten, und es ist eine eben soangenehme als lehrreiche Betrachtung, wie sich die große Ideein ihrem Geiste formirte. Zu dem, wie spatere Zeiten sie com-menlirt, erweitert und verbessert haben, kommt man immernoch frühe genug.
Sowohl zu Ihrer eigenen Geistesausbildung, als wennSie künftig in den Fall kommen, schriftliche Aussatze verferti-gen zu müsse», wird es Ihnen vom größten Nutzen seyn, wennSie sich frühzeitig üben, ihre Gedanken leicht und mit Ord-nung und Klarheit auszudrücken. Ich billige es sehr, meinFreund, daß Sie sich recht oft in eigenen Compositionen üben.Unsere Gedanken bleiben so lange in einem unbestimmten Hell-dunkel, bis wir sie aussprechen oder schreiben, und mir wisseneigentlich nur so viel, als wir deutlich sagen können. Erst da-durch erhalten unsere Ideen bestimmten Umriß, werden unsselbst deutlich, und läutern sich. Jenes geschieht im Umgänge,dieses in der Einsamkeit des Scudirzimmers.
Lassen Sie sich im Anfänge nie einen neuen Gedankenentrinnen, den Sie selbst gehabt oder von Andern gehört ha-ben, ohne ihn so klar und so schön wie möglich aufzuschreiben,und Sie werden sehen, wie weit man in kurzerZeit mir diesemFleiße kommt. Es ist, als wenn wir gewisse glückliche Gedan-ken nur Einmahl in unserem Leben haben könnten; sie kommenuns wie durch eine Inspiration, und wer aus Bequemlichkeitdiese Einfälle, Blicke, Wahrnehmungen nicht durch Schrift sixi-ren mag, verdient sie kaum zu haben.
Wollen Sie dann etwas Ganzes componiren, so ist derPlan dasjenige, worüber Sie zuerst und am längsten Nachden-ken müssen. Er ist, wie alle Anfänge, das Schwerste; wenn
Aa 2