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Übrigens soll diese Parallele den Tacitus nicht herab sehen;er bleibt immer ein Meister in der Geschichte, und ein großerMeister; allein er hat seine Manier; man mag ihn mit Mi-chael Angela vergleichen, den Livius mit Raphael. Wie Mi-chael Angela, gefällt sich Tacitus nur in grausamen, schreckli-chen Scenen; Livius, gleich dem Raphael, stellt bloß edleGegenstände mit Grazie dar. Die Meister-- und Lieblingswcrkedes Michael Angela sind: ein Leidender auf der Folter, einKranker in den letzten Zügen, indessen Raphael durch einehimmlische Jungfrau entzückt.
Im Livius ist eben so viel Moral enthalten, als im Ta-citus; allein jener setzt denkende Leser voraus, welche die Fol-gen aus den erzählten Begebenheiten selbst abzuziehen wissen;dieser hingegen erschöpft die ganze Moral, und sie verschlingtbey ihm die Geschichte. Er glaubt seine Leser unfähig, sie selbstzu finden, verlangt aber doch, daß man alle seine moralischenRäthsel errathen soll.
Livius gleicht dem Germanicus; eben die Seelengröße,die Freymüthigkeit. Tacitus gleicht dem Tiber; eben die künst-liche, undurchdringliche Häucheley. Daher leihen auch beydeSchriftsteller den geschilderten Personen ihre eigenen Charak-tere : die Helden des Livius sind Götter; die Götter des Ta-ritus sind Teufel.