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denn sie liebt nicht meine Jugend oder meine Person, die derVergänglichkeit und dem Alter unterworfen sind, sondern mei-nen Ruhm. Keine andern Gesinnungen geziemen auch einerPerson, die von deinen Händen gebildet, und durch deine Leh-ren unterrichtet wurde, die in deinem Umgänge nichts als Tu-gend und Reinheit der Sitten sah; die endlich auf dein Lobund deine Empfehlung mich zu lieben sich gewohnte. Denn dadu meine Mutter wie die deinige geliebt hast, so pflegtest dumich auch von Kindheit an zu bilden, zu loben, und mich alsden Mann anzukündigen, wofür mich jetzt meine Gattinn hält.Wir sagen dir also um die Wette Dank; ich, daß du sie mir,sie, daß du mich ihr gegeben, und uns gleichsam durch wech-selseitige Wahl miteinander verbunden hast. Lebe wohl!
9. Melissa an Klearete*).
Du scheinst mir von selbst und vermöge einer glücklichenNaturanlage so voll schöner und guter Gesinnungen zu seyn,daß dein so ernstlich bezeigtes Verlangen, erwas über de» Putzeiner Frau von mir zu hören, mir desto gewissere Hoffnunggibt, du werdest durch alle Stufen des Alters eine getreue An-hängerinn der Tugend seyn. Eine verständige und edel denkendeFrau muß sich dem Manne, mit dem sie gesetzmäßig verbundenist, immer in einem stillen unscheinbaren Putze nähern, aberkeineswegs prächtig, kostbar und mit entbehrlichen Auszierun-gen überladen ; in einer ganz einfachen, reinlichen weißen Klei-dung wird sie immer geputzt genug seyn.
Durchsichtige, ganz purpurne und mit Gold durchwirkteKleider müssen aus ihrer Garderobe gänzlich ausgeschlossen seyn.Die Hetären, die darauf ausgehen, so viele Männer als mög-lich in ihr Garn zu ziehen, mögen solcher Anlockungen nöthighaben; aber der Schmuck einer Frau, die nur einem Einzigengefallen will und soll, besteht in ihren Sitten, nicht in ihren Klei-
*) Melissa, eine von den berühmteren Frauen des pythagorischenOrdens. S. Wielands vermischte Aufsätze.