Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
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Wenn wir oben an dem unsterblichen Mozart und anderwärtsan andern seiner hohen Genossen irgend einen Punkt ihres Bildensals minder genügend bezeichnen: so bedenke man, dass keinemMenschen Vollkommenheit zu Theil wird und dass die Kunst vielzu umfassend ist, als dass sie das Erbtheil eines Einzigen, voneinem Einzigen zu vollenden und zu erschöpfen sein könnte. Diewahre Liebe und Verehrung verträgt sich nicht nur mit solcherErkenntniss, sondern sie bewährt sich in ihr als eine tiel'begriin-dete vor jener phantastischen, die ihren Gegenstand vielleichtnur den allgerühmten Namen umklammert, ohne zu wissen, wassie eigentlich an ihm hat.

Solche absichtliche und feige Blindheit würde übrigens Nieman-dem übler zu stehn kommen, als dem, der sich um seine und and-rer Bildung gewissenhaft bemüht. Nicht der Name und Ruhmeines grossen Mannes, und nicht der Enthusiasmus, den er in unserweckt hat, sind lehrreich und bildend, sondern die Einsichtin sein Wesen und Handeln, die aber nicht ohne Prüfung und Ur-theil erreichbar ist. Jener Enthusiasmus könnte uns höchstens zuNachahmern des bewunderten Vorgängers machen; es giebt aber inWahrheit nichts Unnülzers und Enbefriedigenders, als in der Kunstdie Nachahmer. Nur Prüfung und Einsicht, die uns in Liebeund Ehrfurcht geübt an den Werken der Meister heranreifenlassen, sind die ächte Form der Dankbarkeit gegen jene; durchsie bringen ihre Werke aber- und abermals neue Frucht. Gottselbst hat seine Werke unserin Uriheil nicht entzogen.

Sodann wenn an irgend einem Werk oder einer Reihe vonWerken eine mangelhafte Seite hat erkannt werden müssen: meineman nicht, dass hier etwa durch Hinzulhun und Bessern noch nach-geholfen werden könne. Ein Kunstwerk tritt aus den Händen desMeisters als ein abgeschlossenes, für sich vollendetes Werk. Kaumdem Meister gelingt dann noch eine wahrhafte Verbesserung. EinDritter, wohl gar aus späterer Zeit Zutretender, ist in den ge-heimsten Tiefen seiner Individualität doch nur ein Fremder und dieKunstweise der neuern Zeit ist dem Werke der frühem fremd undstörend. So unleugbar in Mozarts Zeit und einem Theil seinerWerke das Instrument und seine Behandlung noch nicht zu derspätem Vervollkommnung gediehen waren: so gewiss würde Um-schreibung Mozartscher Komposition nach neuerer (z. ß. Beet-hovenscher) Weise die Einheit des Werkes zerstören, mit demMozartschen Geist in Widerstreit gerathen. Denn wahrlich, ermüsste nicht der wahre Künstler gewesen sein, wenn sich nichtsein Geist und seine Behandlung des Instruments auf das Innigstedurchdrungen, wahrhaft idenlifizirt hätten. So gebührte es Ihm und