Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
538
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stimme. Das ganze Gebilde war offenbar nur durch den Doppelchordarstellbar.

So viel, um die eigenthümlichsten Gestaltungen des Doppelchorsanzudeuten. Zu erschöpfen sind sie schon darum nicht, weil jedesneue Werk neue Gebilde bringen kann; auch würde eine erschö-pfende oder möglichst erschöpfende Darstellung eher nachtheilig undhindernd, als vortheilhaft sein, da sie der Erfindung mehr als noth-wendig Vorgriffe. Ohnedem kann und will die Lehre das Studiumder Meisterwerke nicht überflüssig machen, sondern vielmehr aufdasselbe nach Kräften binführen und vorbereiten. Unsre Liebe undunsre Bildung, beide können die stete, tiefste Durchdringung derMeisterwerke nimmer entbehren, ja ohne sie nicht wohl gedachtwerden.

Dritter Abschnitt.

Die Formen des Doppelchors.

Haben wir im vorigen Abschnitte die Macht des Doppelchorsangeschaut, in ihm eins der gewaltigsten Organe der Kunst erkannt:so ist doch eben in der Weise dieser Macht ein letzter Grund fürsparsame, nicht nach Willkühr, sondern nach innerer Nothwendig-keit zu treffende Anwendung (S. 524) gegeben. Die Massenwirkung(S. 526) bringt im Verhältniss zur Grösse der Masse auch Mangelan freier Bewegsamkeit und Durcharbeitung, so wie Schwierigkeitder Auffassung mit sich. Die Ablösung eines Chors durch denandern (S. 530) halbirt die Kraft des ausführenden Personals undkann nicht ohne Bedenken lange fortgeführt werden; ähnlich verhaltes sich mit allen dem Doppelchor eignen Gestaltungen. Man erkennt:dass der Doppelchor den einzelnen Moment mit überwiegenderKraft darstellen kann, dass er aber eben desshalb um so schnel-ler seine Aufgabe erfüllt, um so weniger das Bedürfniss unddas Recht weiter Ausdehnung hat.

Niemand wird die Macht der in No. 519 bis 521 mitgetheiltenSätze verkennen, aber keinem derselben wird man breitere Aus-führung wünschen oder ohne Verderbniss zufügen können.

Daher begreift man, dass der Doppelchor sich auf die breitemKompositionsformen, namentlich auf Choralfiguration und Fuge, inder Regel nicht einlässt; diese Formen würden in Anwendung aufihn zu weite Ausdehnung erhallen müssen. In Bezug auf die Fugeist dies schon früher genügend besprochen worden. In Bezug aufdie Choralfiguration ist dem Verfasser nur der weiterhin zu bespre-chende Einleitungschor in die Malthäische Passion als Ausnahmebekannt. Seb. Bach hatte hier ein in höchster Feierlichkeit vor-