Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
514
Einzelbild herunterladen
 

- 314 -

Uebergewicht, das Ganze die Lebendigkeit und das vorüberwallendeWesen einer Verkündung von erweckendem Inhalt an sich nehmen.So hat Händel komponirt; dies bedingte seine Form.

Oder endlich: könnte jener Anfang des ersten Psalms, den wiranderswo (Th. II, S. 496) als Text einer Tripelfuge bezeichnethaben, —

Wohl dem, der nicht wandelt im Rath der GotlloseD, — noch tritt

auf den Weg der Sünder, — noch sitzet, da die Spötter sitzen.

Motette werden? — Nein. Sein zweiter und dritter Satz sagt imWesentlichen dasselbe, was der erste; beide können also nur mitdem ersten — oder, wenn sie getrennt, nach ihm behandelt werdensollten, ohne Gewicht (was sie an sich als blosse Wiederholungennicht haben) vorübergeführt, nicht zu der Wichtigkeit der Motet-tensätze erhoben werden.

Betrachten wir nunmehr den nachfolgenden Text aus einer Kir-chenmusik Seb. Bach’s.

1. Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben.

2. Du schlagest sie, aber sie fühlen es nicht, — du piagest sie,aber sie bessern sich nicht.

3. Sie haben ein härter Angesicht, denn ein Fels und wollen sichnicht bekehren.

Er lasst vor allem zwei Hauptgegensätze erkennen: dass Gottnach dem Glauben sehe und wie man sich ihm verschHesse. DasLetztere scheint unter 2. und 3. in drei verschiednen Formen inziemlich gleichem Sinn ausgesprochen; doch kann man in der letz-ten Form auch den Sinn angedeutet finden, dass eine Verhärtungvon Grund aus, vielleicht eine absichtliche oder doch schon zur Le-bensgewohnheit gewordne vorhanden sei, während zuvor (in 2.) nurder augenblicklichen Achtlosigkeit gedacht war. So sehen wir dreiwichtige Sätze vor uns — oder vier, denn der zweite unterschei-det im Nichtfühlen und im Nicht-sich-Bessern auch zwei erheblicheMomente, — deren jeder beherzigt sein will, und die doch in ein-ander greifen als ein untrennbar Ganzes.

Hier haben wir die Nothwendigkeit der Motettenform vor Augen.

Bach führt nach einer breiten und eifrigen instrumentalen Ein-leitung den ersten Gedanken als Satz, als ein Feststehendes auf;zuerst so, —

TTprr *

Herr! dei - ne Augen se heil nach dem Glauben

dass nach dem Anruf des ganzen Chors eine Stimme (der Alt) denVorredner macht und dann erst der Chor bekräftigt. —