Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
476
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Verfolgen wir die Seite 473 angekniipfte Uebersicht weiter, sofinden wir

6) in der dritten (oben ausgelassenen) Strophe des zweitenTheils die Stimmen dem cantus ßrmus vorangegangen,

7) die vierte und fünfte durch die Stimmen ohne Zwischen-tritt des Orchesters verbunden,

8) die Ordnung der Stimmeintrilte mannigfach verschieden.

Ueberall herrscht diatonische Führung in den Stimmen vor,

also das Motiv aus No. 441, wenn man diese einfachste und all-gemeinste Bewegungsweise Motiv nennen will. Ueberall wird sieganz frei für den Ausdruck oder auch blos für das Aussprechendes Textes gebraucht und wie man am entschiedensten bei denAusgängen von No. 449, 450, 454 und bei der Strophenverbindungin No. 455 sieht zu den mannigfachsten Resultaten und Schlüs-sen gelenkt. Wie treffend fast überall das Wort hervorgehoben, wiereich.das Musikalische sich zugleich mit dem Ausdruck des Textesentfaltet, wie erhaben und tief rührend sich das Ganze in innigsterWahrheit und Treue des Sinns ausgestaltet hat, wird Jeder vonselbst fühlen und prüfen.

Hiermit ist nun, dürfen wir hoffen, der volle Anblick der wich-tigen Form gegeben. Sie ist, wie wir schon S. 466 gesagt, nicht blosals Kunstform an sich, sondern als eins der vornehmsten ßildungs-miltel wichtig. Wie w T ir im Rezitativ lernten, eine einzelne Stimmezu musikalischer Rede zu bringen, so gilt es hier, zwei, dreiStimmen reden zu lassen (denn das, und nicht irgend ein Mo-tivenspiel ist offenbar die Hauptsache), aber unter den schwierigenBedingungen, die ein cantus ßrmus und die ihm nothwendige Mo-dulation dem freien Redefluss entgegensetzen. Daher ist es aller-dings nicht möglich, sich überall in voller, freier Kraft dem Ausdruckdes Textes zu widmen; es genügt aber auch, w'enn dessen Haupt-momente ihrer Bedeutung gemäss gefasst und irn Uebrigen die Be-wegungen der Rede im Allgemeinen wiedergegeben werden. Dies,und nicht mehr, hat auch Bach nur gewollt und vermocht. Wasdabei von dem vollsten Ausdruck des Worts, wie er nur im Re-zitativ erlangbar ist, aufgegeben werden muss, ersetzt sich durch diefestere liedmässige und damit musikalisch reichere Gestaltung der ein-zelnen Figuralmelodien und der Komposition in ihrer Ganzheit, diesonach gewissermassen als eine Verknüpfung der rezitativischen undder Liedweise und zwar für das reiche Organ des Chorsgelten darf.

Hiermit ist auch der einzige methodische Wink begründet, des-sen es zu der Ausübung dieser Kunstform bedürfen kann.

Dass eine solche Komposition leichter und sicherer gelingt, wennman sie erst in leichtem Entwurf arbeitet und daun ausführt, ist uns