Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
422
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Die Stimmung ist ein allgemeines Element. In ihr könnendaher verschiedne, viele Individuen Übereinkommen. Hieraus folgt,dass die Liedform ebensowohl für Ein Individuum (einen Solo-sänger), als für mehrere gleichzeitig wirkende Einzelne(Solostimmen), als endlich für verbundne Massen (Chor) geeignetsein kann. Mehrere, ganze Massen können gleichzeitig von Freude,Schmerz und zwar von diesem bestimmten Schmerz u. s. w. er-griffen werden, mithin in dem allgemeinen Ausdruck des gemeinsa-men Gefühls Übereinkommen, das heisst, auf Musik übertragen, einLied mit innerer, psychologischer Wahrheit gemeinsam singen. ImEinzelnen hingegen, wenn auf dasselbe vorzugsweise Gewicht ge-legt werden sollte, würden sie auseinandergehn, es würde sichsogleich die Verschiedenheit der Einzelnen, von denen der einelebhafter, der andre träger ist, der eine diesen, der andre jenenPunkt lebendiger auffasst u. s. w., gellend machen und ein Zusam-menbleiben mit psychologischer Wahrhaftigkeit nicht denkbar sein,wie S. 419 in Bezug auf das Rezitativ angedeutet worden.

Wir haben uns zuerst mit dem Lied für eine einzelne Stimme,dann mit der Liedkomposition für mehrere und Chor zu beschäfti-gen. Die für beide Gattungen des Lieds bestimmte Liedform selbstist von ihrer rein - musikalischen Seite bereits aus Th. II, S. 18,bekannt. Wie eine Komposition, und so auch ein Lied, den be-stimmten Ausdruck einer Vorgesetzten (vom Gedicht angeregten)Stimmung haben könne, wie ferner ein Gedicht nach seinem ge-sammten und besonders auch nach seinem Gefühlsinhalt zu ver-stehen : das alles fällt ausserhalb des Gebiets der Kompositionslehre.Naturell und allgemeine Bildung müssen den Komponisten über denSinn seines Gedichts aufklären; eignes Gefühl und die zum eignenErlebniss gewordne Kenntniss vom Wesen der Musik, dann derZusammendrang aller Kräfte im schöpferischen Augenblick müssenihm die Weisen des Ausdrucks erschliessen. Die Kompositionslehrezeigt blos, wie er das, was in ihm ist, zur Gestalt zu bringen hat.

Hier also wo auch diese Gestalt wenigstens abstrakt schonbekannt ist bleibt der Lehre nur wenig zu thun. Sie hat nurnachzuweisen, welche Gedichte und wie diese Gedichte in Musik,und zwar in Liedform zu übertragen sind. Die Lehre hat eineleichte, der Komponist eine unerschöpfliche Aufgabe.