544
wenn doch, nur mit unberechenbar grösserm Arbeits- und Zeitauf-wand und stets wieder von Zweifeln beunruhigt und gestört, diedem Sangeskundigen und eignen Sanges Frohen gar nicht mehrnahen können.
Aber wiederum ist künstlerische Vollendung des Gesangs oderder tiefsten Empfänglichkeit und Verständniss dafür ohne Aus-bildung der Sprache, ohne befruchtenden und bildenden vertrautenUmgang mit der Dichtkunst, überhaupt mit der Litteralur, nichtwohl denkbar, wie oft uns auch einseitige, aber dabei hohe Begabungeines Sängers vergnügen, ja entzücken und jener höchsten Foderungvergessen machen möge.
Und so gelangen wir allerdings zuletzt zu der Einsicht: dassman vollendeter Mensch sein müsse, um vollende-ter Künstler zu sein, und dass die Bildung für eine Kunst,wenn sie sich vollenden will, weit über die Gränzen dieser Kunsthinaus sich auszudehnen habe, weil eben — wie wir oft gesehn —im Leben des Geistes keine scharfe Gränzlinie, innerhalb derenman sich absperre und genüge, gezogen werden kann*).
Sollen aber die vornehmsten Helfer in diesem Studium — mehrdürfen wir uns hier nicht gestatten ■— zum voraus bezeichnet wer-den: so nennen wir die Namen Seb. Bach, Händel, Gluckaus der Reihe der Musiker, die Luther’sche Bibel und Goetheaus dem weiten Reiche der deutschen Litteralur als diejenigen, de-ren vertrautester Umgang, deren tiefstes Studium Niemandem ohneunersetzlichen Schaden entbehrlich ist. Es versieht sich dabei vonselbst, dass Gluck nur in der Sprache, für die er komponirt hat,mit seinen französischen und italienischen Urtexten, wahrhaft er-kannt werden kann. Bei Händel in Bezug auf seine englischenTexte hindert den Verfasser Mangel an vertrauterer Kenntniss derenglischen Sprache an einem bestimmten Urtheil. Die Verwandt-schaft dieser Sprache mit der unsrigen scheint der Erkennlniss desKomponisten auch mit deutscher Ueberselzung förderlich; zudemmöchte mauche Eigenthiimliehkeit des englischen Idioms für reineund edlere Musikwirkungen dem deutschen Sinne störender sein,als der Verlust, den jede Uebersetzung in Vergleich mit dem Ori-ginal bringt. Doch hindert, wie gesagt, zu grosse Unkunde derSprache, dieser Vermuthung den Nachdruck eines vollkommen be-gründeten Urtheils zu geben. Die Sprache S ha ke s p ea re’s undByron’s birgt wohl Schönheiten andrer Art, die sich nur dem Ver-trauten erschlossen.
*) In des V'erf. Methodik (Die Musik des neunzehnten Jahrhun-derts und ihre Pflege) ist dieser Gedanke befriedigender ausgefiihrt undder Weg zur höchsten künstlerischen Vollendung gebahnt.