Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
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wären noch zahlreichere, wenn auch nicht so merkwürdige Beweisebeizubringen. Weniger ist dies der Fall mit dem wohltemperirtenKlavier und der Kunst der Fuge. Allein im letztem Werke wares Hauplabsicht, eine Musterreihe von Fugen und Kanons aufzu-slellen. Im erstem Werke waren achlundvierzig Fugen aus allenTönen*) zu geben. Dies ist in grösster Mannigfaltigkeit der Formauf das Geistreichste geschehn, und auch hier war die Wirkung desInstruments so wenig Hauptsache, dass (wie den Kennern längstbekannt) ein Theil der Fugen auf der Orgel eine günstigere Stellefindet, ja sogar Einzelnes (z. B. der Schluss der A moll-Fuge deszweiten Theils) auf dem Klavier von zwei Händeu unmöglich aus-geführt werden kann.

Eben so entschieden waltet die gleiche Rücksicht auf das Ver-mögen des Instruments bei Beethoven, den wir immer mehr alsden Hochmeister der Klavierkomposition zu erkennen haben. Nichtbloss in seinen homophonen oder in leichtern Formen gearbeitetenSätzen zeigt sich Zweistimmigkeit vorherrschend; auch in denspätem Werken, in denen er sich immer entsehiedner der Poly-phonie zu wandte, ist gleiches Streben merkenswert!]. In dieserHinsicht ist das Allegro seiner grossen Gmoll-Sonate (Op. 111)höchst bezeichnend. Es drängt im Hauptsätze, von Takt 19 an,nach der Dreistimmigkeit hin, oder vielmehr ist geradezu dreistimmigzu nennen; das Fugatothema mit seinem Gegensatz erscheintTakt 19 in Alt und Bass, Takt 23 umgekehrt in Bass und Alt;dann tritt Takt 27 das Thema in einer dritten Stimme (Diskant)auf, und man hat ein Viertel lang wirklich drei gleichzeitige Stim-men. Aber sogleich tritt der Bass ab und lässt die Oberstimmenallein. Dasselbe Spiel wiederholt sich im zweiten Theil**), nurdass da die Dreistimmigkeit ein paarmal drei oder vier Viertel an-hält, dann aber gehn zwei Stimmen in Dezimen mit einander. DiesesVerhalten ist um so auffallender bei dem kraftvollen und hochpathe-tischen Gang und der höchst ernsten Haltung der ganzen Kompo-sition. Gleiches ist bei der gewaltigsten aller Sonaten, der grossenB dur-Sonate (Op. 106) zu beobachten. Der übermächtige und über-reich dahin stürmende und bei allem Drang und Feuer so gehaltenernste erste Satz drängt immerfort, z. B. schon Takt 5 u. s. w.,daun Seite 4***), zur Mehrstimmigkeit, und weilt doch fast durch-gehend im rein Homophonen oder Zweistimmigen. Ja, S. 7 w'ird

*) Der Namewohltemperirtes Klavier deutet, wie bekannt, auf die Stim-mung nach gleichschwebender Temperatur (allgem. Musiklehre, S. 13, 75), durchwelche alle Tonarten auf gleiche Tonmaasse gehracht und brauchbar geworden,im Gegensätze zur ungleichschwebenden, in der dies nicht der Fall.

**) Seite 8 und 9 der Originalausgabe von Schlesinger in Berlin.

***) D er Originalausgabe von Artaria in Wien.