Druckschrift 
1 (1897)
Entstehung
Seite
163
Einzelbild herunterladen
 

163

oder einander ausschliessender Gattungen bildet;« aber nicht ebenso möchte Lotze ich darin Recht geben, dass es die »Erinnerung« <an diese Verhältnisse des Weltinhaltes sei, was die Figuren, Rhyth-men, Beziehungen der Musik für uns werthvoll mache. *)^ Viel-mehr eben deshalb, weil die Musik selbst das schönste Beispieleiner werthvollen Fügung, Beziehung, Abstufung des Weltinhaltesbietet, wird es keiner Erinnerung an Etwas über die Musik hin-aus zur Erweckung eines werthvollen Eindruckes bedürfen. \Auchglaube ich nicht, dass Mozart und Schubert die Leute waren, inSchöpfung ihrer Symphonieen durch Erinnerungen an den Welt-gang über die Welt der Musik hinaus bestimmt zu werden; jaman kann fragen, ob eine Bewegung des Geistes in grossen oderharmonischen Verhältnissen des Lebens und Denkens ausserhalbder Musik überhaupt productiver für solche innerhalb der Musikmacht. Denn eben so leicht tritt in dieser Beziehung ein antago-nistisches als sympathisches Verhältniss ein.

Unstreitig zwar kann das ganze geistige Besitzthum des Men-schen durch den Eingriff der Musik in Schwingungen versetzt wer-den, und je nachdem diess Besitzthum ein bedeutendes oder un-bedeutendes, so oder so geartetes ist, was von dem frühemBildungsgänge des Menschen abhängt, wird die Musik durch dieSchwingung oder Stimmung, in die sie den Inhalt dieses Besitz-thums versetzt, bedeutendere oder unbedeutendere, so oder so ge-artete Wirkungen zu äussern im Stande sein; doch kann jemandverhältnissmässig sehr wenig allgemeine Rildung besitzen, undstärkere und höhere directe musikalische Eindrücke erhalten, dieMusik im eigentlichsten Sinne besser verstehen und mehr ge-messen, als der Gebildete, wenn er geübter als dieser im Auffassenund Verfolgen musikalischer Beziehungen ist und mehr musikali-sche Anlage hat, trotz dem, dass er wenig, der Andre viel undBedeutendes associiren kann; nur eben das Nebenproduct derMusik ist bei dem Andern bedeutender.

Das Vorige hindert nicht, dass wir in einer allgemeinen Be-trachtung der Künste, wie sie im Gange von Oben einzuschlagen

*; »Den Werth derselben halten wir für keinen eigenen, sie erscheinenschön, indem sie die Erinnerung der unzähligen Güter erwecken, die in demgleichen Rhythmus des Geschehens und nur in ihm denkbar sind.« (Gesch.S. 487.) Vergl. auch'»Ueber die Bed. d. Kunstsclionh.« S. 21.

11 *