Druckschrift 
Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
Entstehung
Seite
73
Einzelbild herunterladen
 

Sinnestäuschungen.

73

dem Kritzeln der Feder, dem Bellen der Hunde, dem Knarrender Wagen Schimpfworte und Vorwürfe herausliört siehaben zweifellosIllusionen, während wir die typischenGesichtsphantasmen des Alkoholisten, dieStimmen, welcheden Sträfling im stillen Zellengefängnisse quälen oder be-glücken, höchst wahrscheinlich als Hallucinationen zu be-zeichnen haben. Zwischen beiden Formen giebt es allemöglichen Uebergiinge; ist doch die Illusion im Grundenichts Anderes als eine vielfach wechselnde Mischform vonnormaler Wahrnehmung mit hallucinatorischen Elementen.

Das Gemeinsame dieser ganzen Gruppe von Sinnes-täuschungen liegt in der vollkommenen sinnlichen Deutlich-lichkeit derselben. Der centrale Erregungszustand istdurchaus demjenigen beim normalen Wahrnehmungsvor-gange analog, und das entstehende Phantasma ordnet sichdaher unterschiedslos in die Keihe der übrigen Sinnesein-drücke ein. Die Kranken glauben nicht nur, zu sehen,zu hören, zu fühlen, sondern sie sehen, hören, fühlenwirklich.

Ein in vieler Beziehung' abweichendes Verhalten bietendagegen diejenigen nur uneigentlich so genannten Sinnes-täuschungen dar, die nichts Anderes sind, als Erinnerungs-bilder von besonderer Intensität. Die Reproduktioneines früheren Eindruckes pflegt in der Regel niemals die sinn-liche Deutlichkeit der Sinneswahrnelmiung selbst zu erreichen,sondern sich jederzeit ganz unzweideutig durch die geringereLebhaftigkeit und Schärfe von jeher zu unterscheiden. Indessenbestehen in dieser Beziehung erhebliche individuelle Differen-zen. Während von manchen Beobachtern den Erinnerungs-bildern jede genauere Ausprägung nach Farbe und Formabgesprochen wird, versichern Andere, besonders bildendeKünstler, dass dieselben bisweilen an sinnlicher Deutlichkeitder unmittelbaren Wahrnehmung nur sehr wenig nachgeben,ja ein von Br i er re de Boismont erwähnter Maler ver-mochte seine Erinnerungsbilder zu solcher Lebendigkeit zusteigern, dass er nach denselben zu porträtiren pflegte, alswenn er die Originale selbst vor Augen habe. Eine be-sondere Lebhaftigkeit gewinnen bekanntlich namentlich dieGesichtsreproduktionen im Traume und kurz vor dem Ein-