212
III. Tonioa.
Die therapeutische Leistung der mehr beim Volke wie beiAerzten als Stomachica in Ansehen stehenden Bittermittel beschränktsich im wesentlichen auf jene dyspeptischen Zustände, bei denen diesecretorische Thätigkeit des Magens herabgesetzt ist, welche sich durchmangelnde Esslust, zeitweise auftretende Uebelkeit, Aufstossen, Flatulenz,Cardialgien und Koliken, unregelmässigen Stuhlgang, hypochondrischeStimmung und andere nervöse Störungen äussert; ausserdem bedientman sich ihrer in Fällen von allgemeiner Schwäche, Blutarmuth undherabgekommener Ernährung, welche Zustände ihrerseits Atonie desMagens und damit einen Nachlass der Verdauungsthätigkeit bedingen,in solchen Fällen häufig in Verbindung mit Eisenpräparaten. Gegenintermittirende Fieber und als Wurmmittel haben sie sich wenig wirk-sam erwiesen. Reizungszustände des Magens contraindiciren ihre An-
wendung.
a) Amara mera, Reine Bittermittel.
Sie enthalten ausser einem oder mehreren Bitterstoffen keinen für die Wirkungin Betracht kommenden Bestandtheil.
73. Radix Gentianae, Enzianwurzel. Die getrocknete Wurzelvon Gentiana lutea L., Gentiana Pannonica Scop. und einigenanderen grossen Enzianarten der Gebirge Süd- und Mitteleuropas(G. punctata L., G. purpurea L.).
Bis 5 Cm. dicke, wenig ästige, meist mehrköpfige, aussen rothbraune, im Innernbraungelbe, wenn gehörig trocken brüchige, aber leicht Feuchtigkeit anziehende unddann zähe, biegsame Wurzel, am Querschnitte fast gleichmässig gelbbraun, mit undeut-lich strahligem Holzkörper, der durch einen glänzend dunkelbraunen Cambiumring vonder Kinde getrennt ist. Geruch süsslich, an alte Feigen erinnernd; Geschmack intensivund rein bitter.
Enthält einen krystallisirbaren, farblosen, in Wasser leicht löslichen Bitterstoff,Gentiopikrin, glykosider Natur, spaltbar in Zucker und Gentiogenin, einenkrystallisirbaren Farbstoff, Gentisin (Gentianin, Gentiansäure), reichlich (12—15%)unkrystallisirbaren Zucker (daher in manchen Gebirgsländern zur Bereitung desEnzianbrantweins benutzt), aber kein Stärkemehl. Aus dem Safte der frischen Wurzelwurde von Meyer (1882) eine besondere kryatallisirbare Zuckerart. Gentianose, er-halten. Der getrockneten fehlt dieselbe. Die Zellwände sind der Sitz von Pectinstoffen,wodurch besonders die starke Quellbarkeit der Wurzel und ihre Benützung zur An-fertigung von Qnellsonden, gleich der Laminaria, bedingt ist.
Die Enzianwurzel gehört zu den beliebtesten reinen Bittermitteln.Genaue Untersuchungen über ihre physiologische Wirkung, sowie überjene ihres Bitterstoffes fehlen. Die älteren Angaben über die Wirkunggrosser Gaben (Erbrechen, narkotische Erscheinungen etc.) sind wenigvertrauensvverth. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Verwechslungmit einer giftigen Wurzel.
Intern meist nur im Infus, oder Macerat.-Aufguss zu 2,0—10,0auf 100,0 bis 200,0 Col. mit Wasser oder Wein, für sich oder häufigin Combination mit anderen bitteren und aromatischen Mitteln.
Präparate: l.Extractum Gentianae, Enzian-Extract, Ph.A.et Germ. Wässeriges Extract von gewöhnlicher Consistenz. Intern zu0,2—0,5 pro dos. (1,0—5,0 pro die) in Pillen und Mixturen.
2. Tinctura amara, T. stomachica, Magentinctur. Nach Ph. A.aus Cort. Fr. Aurant., Herba Cent. min., Rad. Gent., Fol. Trif. fibriniaa. 2, Natr. carb. cryst. 1 und Aq. Cinnam. spirit. 100. Nach Ph. Germ,aus Ead. Gentianae, Herba Cent. min. aa. 3, Cort. Fruct. Aur. 2, Fruct.