64
so können wir sagen: dass kein Jahrhundert so fruchtbar antiberschwänglichen Ideen, aber auch keines so reich an positivenFortschritten war, als dasjenige, dessen erste Hälfte wir voreinigen Jahren beschlossen haben. Leider dürfen wir uns nichtverhehlen, dass sich unter einer Klasse jüngerer Chemiker einevorherrschende theoretisirende Richtung kundgiebt. Nicht Jeder,der im Stande ist, eine Elementaranalyse auszuführen, hat auchdie Befähigung, aus den Resultaten der Analyse folgerechte Schlüssezu ziehen. — Liebig sagt: die Elementaranalyse ist nur ein Mittel,um zum Verständniss zu gelangen, sie ist nicht das Verständnissselbst.
Aus allen Weltgegenden strömten nicht allein junge, sich derChemie widmende Leute, sondern auch ältere Lehrer der Chemienach Giessen, um sich zu Chemikern zu bilden oder zu vervoll-kommnen. Denjenigen, die sich einem speciellen Fache der Che-mie, wie der Färberei, der Landwirtschaft, der Mineralogie,Physiologie, Pharmacie oder anderen Zweigen, welche sich auf dieChemie stützten, widmen wollten, rieth Liebig, ehe sie das beson-dere Fach wählten, die Chemie im Allgemeinen zu studiren underst, nachdem sie so zu einer gewissen Reife gelangt wären, sichspeciell mit diesem oder jenem Fache zu befassen. So kamen zuden Specialfächern stets gründlich ausgebildete Chemiker, derenGesichtskreis viel weiter reichte, die daher mehr leisteten als diefrüheren Specialisten, deren Gesichtskreis höchst beschränkt war.
Wenn vor Liebig die organische Elementaranalyse nur an-nähernde Resultate lieferte, da die, nach dem Verbrennen desKohlenstoffs mit Kupferoxyd erhaltene Kohlensäure gemessen undaus dem Volum nach Correction auf Barometerstand und Tem-peratur der Kohlenstoff berechnet wurde, so kam Liebig durchdie Construction des Kugelapparates — in welchem die durchAetzkali absorbirte Kohlensäure und das durch Chlorcalcium ab-sorbirte Wasser direct gewogen werden konnten, um aus beidendann den Kohlenstoff- und Wasserstoffgehalt der organischenStoffe zu berechnen — zu genauem Resultaten.
Was die genaue Bestimmung des Stickstoffgehalts organischerKörper anbetrifft, so wurde dieselbe ebenfalls in Liebigs Labora-torium durch Will und Varrentrapp verbessert; diese glühetendie Stickstoff enthaltende organische Substanz mit Natronkalk,wodurch Ammoniak frei wurde, das sie in Platinsalmiak über-führten und aus welchem sie den Stickstoffgehalt berechneten.Im Jahre 1832 trat Liebig mit Geiger zusammen, um das frühervon letzterem herausgegebene Magazin der Pharmacie von nun an alsAnnalen der Chemie und Pharmacie erscheinen zu lassen; beideForscher hatten sich zur Aufgabe gemacht, in dieser Zeitschrifteine strenge Kritik über die aufgenommenen Arbeiten auszuüben,welche den Vortheil bot, dass die, welche Arbeiten für die Zeit-schrift lieferten, gründlicher und vorsichtiger wurden und nichtheute in die Welt schickten, was morgen widerlegt werdenmusste. War solch scharfe Kritik auch für den, welchen sie betraf,