■MIHHW UuLB Düsseldorf + 4162 631 01 V3220 ■HIHHBBHIHDlMHHHHHMHHIMMBnHlBHHHBDHB^^KMMi^BraaHBHHVf^M^^aiinM ^\ H G de Magis Grundzüge der Geschichte der Pharmacie und derjenigen Zweige der Naturwissenschaft, auf welchen sie basirt. In zwei Abtheilungen. Erste Abtheilung. Die Perioden der Geschichte der Pharmacie. Zweite Abtheilung. Lebensbeschreibung der Förderer derselben. Von Carl Frederking, Magister der Pharmacie honoris causa, Directo* der pharmaceutiseh-chemischen Societät (d Riga, Ehrenmitglied der pharm. Gesellschaften von St. Petersburg, Moskau und Philadelphia, so wie des Vereins atudirender Pharmaceuten in Dorpat. J)v 2"Voi Göttingen, V a n d e n h o e c k & Ruprecht's Verlag. 1874. ■^^^^■■■■■■■■■H MMBimnnMBHnHw EMMQOT Vo rrede. Obgleich sich für die Bearbeitung verschiedener Zweige der Pharmacie viele practisch thätige Apotheker fanden und noch finden, so wurde der Geschichte der Pharmacie jedoch geringeTheil- nahme geschenkt. In den Lehrbüchern der Pharmacie von Tromms- dorff, Geiger, Göbel, Marquart, Silier, auch in meinem Lehrbuche der pharmaceutischen Chemie (1870) ist die Geschichte der Pharmacie nur dürftig behandelt, ausführlicher finden wir sie in Buchners Inbegriff der Pharmacie. Ueber die letzten 40 Jahre findet sich in den altern Ausgaben genannter Werke sehr wenig. Pliillipps Geschichte der Apotheker (der Verfasser ist Arzt), übersetzt von H. Ludwig, schildert mehr die Verhältnisse der Apotheker Frankreichs, als die anderer Staaten, und obgleich dieses "Werk viel des Interessanten (namentlich aus früheren Jahrhunderten) bietet, so enthält es dazwischen auch viel Lächerliches, ich möchte sagen — Unwürdiges, so dass dadurch sowol der Arzt, wie der Laie abgeschreckt werden, oder sich nur für das, die Apotheker lächerlich machende, interessirte, daher auch kein richtiges Ur- theil über den pharmaceutischen Stand durch Studiren des Buches zu erlangen ihnen gelingen wird. Bei der Bearbeitung des vorstehenden Grundrisses hat sich der Verfasser die Aufgabe gestellt — nicht eine vollständige Geschichte der Pharmacie als Wissenschaft, sowie der socialen Verhältnisse derselben — sondern nur die Hauptperioden der Pharmacie dem Leser vorzuführen. Durch die Aufzählung der Hauptperioden der einzelnen Zweige der Naturwissenschaft sollte dem Anfänger Gelegenheit gegeben werden zu erkennen, wie sich die Naturwissenschaft nach und nach aufbaute, aber auch, wie gerade die Pharmaceuten unter die neissigsten Baumeister derselben zu zählen sind. Dass die einzelnen Zweige der Naturwissenschaft je nach ihrem Einflüsse auf die Entwickelung der Pharmacie mehr oder weniger ausführlich behandelt werden mussten, z. B. die Chemie und Botanik ausführlicher als Physik, Zoologie und Mineralogie, liegt auf der Hand. Zu keiner Zeit ist eine richtige Würdigung der Pharmacie nöthiger geworden, als heut zu Tage, wo Leute, die keine Idee vom Wesen derselben haben, den Stand des Apothekers zu ver- ■H dächtigen suchen, wo man von enormen Procenten faselt, die der Apotheker weder hat, noch haben kann, da ein grosser Theil des Gewinns, namentlich bei kleinem Geschäftsuinsatze, durch die Höhe der Unkosten absorbirt wird. Der Apotheker kann nicht wie der Kaufmann nach der Grösse seines Capitals oder Credits seinen Umsatz vermehren, selbst Nebengeschäfte zu betreiben, hält oft schwer, da in der Apotheke ein nicht unbedeutendes Capital steckt, das erst nach und nach herausgeschlagen werden kann. Leider hat fast jeder Stand am Apotheker etwas zu modeln, dem Einen hat er zu geringe klassische Bildung, der Andere möchte ihn zum Krämer stempeln, der die Wissenschaft gänzlich entbehren könne, ein Dritter sieht ihn als Gewerker an und der gemeine Mann sucht im Apotheker den ärztlichen Handlanger. Durch kurze Lebensbeschreibungen der Förderer von Naturwissenschaft und Pharmacie (2. Abtheilnng des Werkchens) beabsichtigte ich den jungen Fachgenossen Muster vorzuführen, denen nachzustreben sie sich bemühen sollten. Sollte es mir gelungen sein 1) die jungen Fachgenossen zu fleissigem Studium anzuregen, 2) den Aerzten und dem Publicum einen richtigen Begriff von dem pharmaceutischen Stande durch dieses Büchelchen beigebracht zu haben," so würde ich den Hauptzweck zur Herausgabe erfüllt sehen. Riga, den 30. April 1874. C. Frederking. -'««jiJH Systematisches lnhaltsverzeichniss zur 1. Abtheilung. Seite Einleitung 3 Eintheilung und Zweck der Geschichte 4 1. Periode. Pharmacie von den Aerzten ausgeübt 6 2. Periode. Trennung der Pharmacie von der Medicin, Galens Zeitalter 9 Apotheker als Diener der Aerzte 10 3. Periode. Zeitalter der Araber 10 Stein der Weisen und Alchemie 11 4. Periode. Gründung der ersten Apotheke in Italien 12. bis 15. Jahrhundert 12 Gründung von Apotheken in Deutschland 13 Erfindung der Buchdruckerkunst ' 14 Die Naturwissenschaft des 13. und 14. Jahrhunderts 15 5. Periode. Jatrochemie des 15., 16. und 17. Jahrhunderts 16 Die Naturwissenschaft dieser Zeit 16 Aerzte und Apotheker in einer Person 17 Pariser Apothekerordnung des 15. Jahrhunderts 17 Alchemistische Zeichen und Sprache 18 Apotheken im Norden Europas 19 Alchemie des 17. Jahrhunderts 21 Naturwissenschaft des 17. Jahrhunderts 22—24 6. Periode. Phlogistontheorie, Arcana 25-27 7. Periode. Linnes Reformation der Botanik 28 Pharmacie dieser Zeit 29 Die ersten freien Apotheker Russlands 30 Naturwissenschaft dieser Zeit 31 Priesley's und Scheele's Wirken für die Chemie 32 Entdeckung des Sauerstoffgases 32 8. Periode. Antiphlogistisches System der Chemie 33 — 37 Nomenclatur- (neue) Oxydation 34—35 Pharmacie dieser Zeit ^6 Naturwissenschaft dieser Zeit 37—42 9. Periode. Stoechiometric 42—49 Electrochemie 49—51 Pharmacie dieser Zeit 51—58 10. Periode. Isomorphie und Entdeckung der Pflanzenalkaloide 58—60 Pharmacie dieser Zeit 61 11. Periode. Neugestaltung der organischen Chemie durch Liebig 61 — 69 Einfluss der Chemie auf Industrie 65 Aethertheorie 67 Naturwissenschaft dieser Zeit, namentlich der Physik 70—79 Pharmacie dieser Zeit 79—87 Geheimmittellehre 81 Das Apothekergewerbe des 19. Jahrhunderts 86 VI Die Apothekervereine Pharmacie ausserhalb Deutschlands 12. oder Schlussperiode, Pharmacie der Jetztzeit Falsche Beurtheilung der Pharmacie von Seiten der Aerzte des Publicums Nöthige Reform der Pharmacie Substitutionstheorie der Chemie Atom, Molekül und Aequivalent Säurehydrate sind Wasserstofi'säuren Homologe Reihen Quantivalenz der Elemente und Radicalu Typentheorie Structurformeln Kolbes Ansichten Radical-Isolirungen Siedepunkt organ. Flüssigkeiten Naturwissenschaft in neuester Zeit und Seit« 87 91 92 93—96 96—102 102 104 108 111 112-116 116 118 118—121 121 122 125—127 Zur 2. Abtheilung. Kurze Lebensbeschreibung der Pharmaceuten und Naturforscher. Aerzte und Naturforscher vorchristlicher Zeit ,, aus dem 1. Jahrhundert 55 55 55 55 „ 2. 3—8. 51 5' 55 55 ,, v kj. 15 55 55 55 „ 8-10. 55 55 55 5» „ 11-12. 55 _ 55 55 55 „ 13-14. Naturforscher 5» „ 13-14. Aerzte ); „ 15. Naturforscher 5* „ 15. Aerzte und Apotheker 55 „ 16. Naturforscher 55 „ 16. Aerzte und Apotheker 55 „ 17. Naturforscher 15 „ 17. Aerzte und Apotheker vor Lavoisier geboren Naturforscher „ „ ,, Aerzte und Apotheker 1843 — 1800 geb. Naturforscher ,, „ Aerzte und Apotheker im 19. Jahrhunderte geboren Naturforscher ,, ,, ,, Zusätze 131 133 135 135 136 138 138 140 142 142 143 145 148 154 157 168 174 207 234 263 287 Druckfehlerverzeichniss. *) 5 11 13 16 20 24 28 29 32 38 38 40 42 44 48 66 83 86 100 103 103 106 Z. 26 statt Capp ist zu lesen Cap. ,, 17 ,, Alkezengi ist zu lesen Alkekengi. ,, 3 v. u. statt Apother ist zu lesen Apotheker. ,, 6 ,, „ „ der Aufhebung ist zu lesen des Aufblühens. „ 11 „ ,, „ Crall ist zu lesen Croll. „ 5 „ „ „ Plackert ist zu lesen Plenkert. „ 10 „ „ „ 17. Jahrb. do. 18. Jahrh. „ 22 „ „ „ antiphlogist. do. phlogistischen. » 11 „ „ „ Mölybd. do. Molybdän.— ,, 14 statt Mohrsen ist zu lesen Mohr, sen. „ 15 „ Guiburt do. Guibourt. „ 4 v. u. statt Johann ist zu lesen Joseph. „ 15 statt Sehmide ist zu lesen Schiede. ,, 20 v. u. statt 139,2 Eisen ist zu lesen 339,2 Eisen. 111 „ 17 u. 111 116 119 122 123 132 136 137 144 150 154 164 173 5„ „ „ HgClHg=100 ist zu lesen HgCl (Hg: 7 „ „ „ Rudolph ist zu lesen Rudolphi 10 „ „ „ verkaufen do. kaufen. 5 ,, „ „ Anton ist zu lesen Anthon. 5 do. Tecknik, (Komma). 10 statt ; ist zu lesen Pharmaoeut, (Komma). 28 hinten Basen —. 22 nach ferricum statt Fe''/3 fe?/ 3 . Oxydsalzes ,, Fe 2 fe 2 Oi Hi 18 v. u. statt CjHjHN ist zu lesen C 2 H 3 0 N. E) U) u. statt CH 2 ist zu lesen nCH 2 . 100...) 23 12 v, 11: 9 statt Chloräthyl CV^] ist zu lesen 0> j!i 17 v. 18 „ statt OP ist zu lesen PO. NO) , N0 2 i » NOj ao - N0 2 j , 4 „ „ ,, Butyryldehyd ist zu lesen Butyrylaldehyd. , 20 statt =2H ist zu lesen - 2H. , 22 statt glühenden ist zu lesen glühendem. , 13 v. u. statt formacibus ist zu lesen fornacibus. , 5 statt Krabatinge nannt ist zu lesen Krabatin genannt. 3 v. u. statt geb. ist zu lesen gest. , 7 „ „ ,, Joubert ist zu lesen Jaubert. , 15 statt Kochlalze ist zu lesen Kochsalze. , 6 „ Leuchtein „ Leuehstein. , 4 v. u. nach ursprünglich ist zuzusetzen Apotheker. , 6 „ „ statt Chr. Conr. ist zu lesen: Kurt Sprengel, geb. 1766, gest. 1833, Professor in Halle, schrieb verschiedene botan. Werke. *) Durch ni» Entfernung des Druckorts meist veranlasst. VIII S. 189 „ 203 „ 224 „ 224 ,. 228 „ 235 „ 247 „ 250 „ 251 „ 254 „ 263 „ 270 „ 283 '. 10 statt febrile ist zu lesen febrilis. „15 „ Suwarow do. ■ Suworow. , 9 v. u. statt nere ist zu lesen mehre. , 3 „ „ „ Rossingault ist zu lesen Boussingault. i, 35 statt Zeneker ist zu lesen Zenker. , 8 nach Faber ist zu lesen: letzter Apotheker in Minden, hat sich besonders u. s. w. i, 3 v. u. statt phantis ist zu lesen plantis. i, 9 „ „ ist nach Laboratorien einzuschalten: der Peterab. pharm. Gesellschaft. , 3 v. u. statt 1813 ist zu lesen 1819. , 4 „ „ „ Moskau do. Mologa. , 10 ist bei Jacobi zuzusetzen: gest. 1874. , 10 v. u. statt Kakadyl ist zu lesen Kakodyl. , 18 statt Buch ist zu lesen Lehrbuch. I) I at Erste Abtheilung. Die Perioden der Geschichte der Pharmacie. DEBHWIHBB^ Einleitung. Der Anfang der Geschichte der Pharmacie datirt aus der ältesten Zeit, Jahrtausende vor dem Beginne christlicher Zeitrechnung; einer Zeit, in der die Völker noch auf der niedrigsten Stufe der Cultur standen und hängt dieselbe bis in die ersten Jahrhunderte christlicher Zeitrechnung mit der Geschichte der Medicin zusammen, sie war ein Theil der medicinischen Wissenschaften und wurde die Pharmacie von den Medicinern ausgeübt. Als die medicinischen "Wissenschaften an Ausdehnung gewannen und namentlich in Chirurgie (deren Zweck Behandlung äusserer Schäden), Pharmacie (deren Zweck Einsammlung roher Naturkörper, Zubereitung von Arzneimitteln und Arzneien — welche letztere zum Einnehmen, oder zu äusserlicher Anwendung geschickt gemachte Arzneimittel sind —) zerfielen, wozu nach Celsus noch ungefähr 300 Jahre vor Christo die Diaetetik kam, bereitete sich allmälig die Trennung der Pharmacie von der Medicin vor. Als die Zahl der als Arzneimittel in Anwendung kommenden Naturkörper wuchs und chemisch ganz veränderte Naturkörper in den Gebrauchskreis der Arzneimittel gezogen wurden, erforderte die Ausübung der Pharmacie: 1. Kenntnisse der in der Natur vorkommenden Körper (Naturgeschichte); 2. Kenntnisse der aus fremden Ländern kommenden Theile der Naturkörper, die zum Theil schon einer Zubereitung unterworfen waren, (Pharmacognosie) oder pharm. Waarenkunde; 3. Kenntnisse, durch welche die Rohprodukte ihrer innern Natur nach verändert wurden (Chemie); 4. nannte man die Kunst, die gewisse Handgriffe erforderte, durch welche Arzneimittel mit einander vermengt, respective zu Arzneien zubereitet wurden, praktische Pharmacie, in neuerer Zeit pharm. Technik. In unserem Jahrhunderte, wo die Naturwissenschaften zur höchsten Stufe der Entwicklung kamen, musste auch das Studium der Pharmacie (als angewandter naturwissenschaftlicher Theil) an Ausdehnung gewinnen und wurden Lehrstühle der pharm. Botanik und Pharmacognosie einestheils und der pharm. Chemie anderntheils auf den grösseren Universitäten Deutschlands und Frankreichs errichtet, die Professoren und Studirenden dieser Fächer zur philosophischen Facultät und nicht, wie leider noch in einigen Staaten, wo man die Pharmaceuten nicht von der ärztlichen Oberaufsicht zu entlassen sich entschliessen kann, zur me- dicinischen Facultät gezählt. Da nun die Naturwissenschaften zu den philos. Facultätsstudien gerechnet werden und der Phar- maceut fast ausschliesslich diese zu hören verpflichtet ist, so ist die Hingehörigkeit zur medic. Facultät nichts weiter als ein alter Zopf, den abzuschneiden wol an der Zeit wäre. Da jeder der Professoren, der zur medic. Facultät gehört, Dr. medicinae sein muss, so ist die Folge, dass auf solchen Universitäten nicht Pharmaceuten, sondern Mediciner die pharm. Fächer (was nicht zum Vortheil der Pharmacie ausfällt) lehren. I. Die Geschichte der Pharmacie zerfällt: 1) In den allgemeinen Theil, der nur ein Bild vom ersten Entstehen bis zur neuesten Zeit aufrollen soll und zwar: a) von ihrer Stellung zur Medicin in den ältesten Zeiten, als sie ein Theil der Medicin war und b) von ihrer Entwickelung als selbstständiges Gewerbe nicht allein, sondern auch als Wissenschaft; als letztere ist sie ein angewandter Theil der ganzen Naturwissenschaft. 2) In die specielle Geschichte der einzelnen Medicamente, doch wird dieser Theil wol nicht mit Unrecht in den Lehr- und Handbüchern der pharm. Naturgeschichte, pharm. Chemie und pharmaceutischen Technik, bei der speciellen Behandlung der dahin gehörenden Medicamente, besprochen. Der Zweck der allgemeinen Geschichte der Pharmacie ist: 1) Eine übersichtliche Darstellung, ein möglich treues Gemälde geistigen Fortschritts zu geben, wie die Entwickelung der naturwissenschaftlichen Zweige, welche der wissenschaftlichen Pharmacie als Basis dienen, von Jahrhundert zu Jahrhundert wuchs und auch der, für sich unbedeutende Stein dem Ganzen zur Stütze zu dienen bestimmt war. 2) Soll die Geschichte aber auch den Männern, welche die Wissenschaft zu fördern sich zur Aufgabe gemacht hatten, ein Denkmal setzen, indem sie ihre Namen der Nachwelt aufbewahrt, denn der Geist der Zeit ist ein Bild des Geistes der Männer, die ihr Jahrhundert durch geistige Thätigkeit zierten, oder wieGöthe im Faust sagt: Was ihr den Geist der Zeiten heisst, Das ist im Grund der Herrn eigener Geist, In dem die Zeiten sich bespiegeln. i.*% 3) Soll die Geschichte dieser Männer die Jünger der Wissenschaft zu Fleiss und Thätigkeit anspornen, auch am Weiterhau der Wissenschaft mitzuhelfen*). Ernst Wagner sagt: Lässt ein Virtuos sich auf einem Instrumente hören, so findet das Instrument Liebhaber! Dieser Ausspruch hat sich namentlich in der Naturwissenschaft nach Linnes Auftreten für das Studium der Botanik, nach Lavoisiers, Berzelius und Liebigs Auftreten in der Chemie bewahrheitet. 4) Hat die Geschichte der Pharmacie aber auch die Aufgabe, die socialen Verhältnisse der Pharmacie in den verschiedenen Perioden ihrer Entwickelung zu schildern und die Gebrechen aulzudecken, an welchen sie zu verschiedenen Zeiten kränkelte. Zur Erfüllung des angedeuteten Zweckes soll nun 1) die allgemeine Geschichte der Pharmacie nach den Perioden ihrer Entwickelung 2) eine ganz kurze Lebensbeschreibung a) der für die Entwickelung der Pharmacie thätigen Aerzte und Apotheker, b) der berühmtesten Physiker, c) „ „ Chemiker, d) „ „ Zoologen, Botaniker und Mineralogen geben, wobei ich nur bedauern muss, von manchem Manne der Wissenschaft aus Mangel an biographischem Material nur wenig berichten zu können, obgleich mir die Lehrbücher der Pharmacie von Buchner, Geiger, Marquart-Ludwig, Capp und Brandes, Göbel und Silier, die Lehrbücher der Geschichte der Chemie von M. Kopp, Th. Gerding, R. Wagner, die Geschichte der Apotheker von Phillips, übersetzt von Herrm. Ludwig, Dumas Philosophie der Chemie, übersetzt von Rammeisberg, Vorträge über die Entwickelungsgeschichte der Chemie u. s. w. von Ladenberg, A. Wurtz Geschichte der chemischen Theorien, übersetzt von A. Oppenheim, Berzelius Lehrbuch der Chemie, das biographisch-literarische Handwörterbuch zur Geschichte der exacten Wissenschaften von Poggendorff, die Lehrbücher der Botanik von Wildenow, Schieiden, Decandolle (übersetzt von Bunge), das Lehrbuch von Moritz Seubert, wie auch das Archiv der Pharmacie, die Bunzlauer pharm. Zeitung, das Nordische Centralblatt für Pharmacie, das Gaugersche Repertorium der Pharmacie und andere Werke zu Gebote standen; ausserdem danke ich noch einzelnen Herren gütigst für ihre brieflich mitgetheilten Nachrichten. Was die Geschichte der Botanik anbelangt, so erhielt ich erst nach Beendigung des Manuscripts ein zwar kurzes, aber höchst interessantes Werkchen: Dr. W. Hess, die Entwickerung der Pflanzen- *) Dieses war der Grundgedanke, den der Verfasser vorliegenden Werkchens im Auge hatte, nicht eine gründliche Aufzählung aller geschichtlich-wichtiger Thatsachen glaubte er daher aufstellen zu müssen, sondern nur einen kurzen Ueberblick der wichtigsten Perioden der Geschichte der Pharmacie und der Naturwissenschaften. kuiide, Göttingen bei Vandenhoeck und Ruprecht 1872, das namentlich den Freunden der Botanik zum Studium zu empfehlen ist. In den ältesten Zeiten, als die Naturwissenschaft noch in der Kindheit stand, als sie nur ein Chaos von ungeordnetem Wissen, ein blosses Haufwerk von speciellen Kenntnissen, ohne jeden wissenschaftlichen Zusammenhang war, fallen die Epochen der Geschichte der Pharmacie mit der Entwicklung der Medicin zusammen. Als man jedoch eine systematische Anordnung der Naturkörper und eine wissenschaftliche Auffassung der Chemie angebahnt hatte, musste namentlich die Entwickelung der Botanik und der Chemie als Grundlage für die Bildung der Epochen dienen. 1. Abtheilung. Allgemeine Geschichte der Pharmacie und der Naturwissenschaft, insofern sie für die Pharmacie von Interesse war. 1. Periode. Die Pharmacie als Zweig der Medicin, wird von den Aerzten ausgeübt. Es liegt in der Natur des Menschengeschlechts, selbst der unkultivirtesten Völker, beim Erkranken des Leibes nach Mitteln gegen dasselbe zu suchen, die Erfahrungen, welche man in der Anwendung von Naturkörpern als Arzneimittel machte, zu sammeln und wo nöthig in gleichen Fällen anzuwenden. Die Kennt- niss dieser Mittel vererbte sich erst durch die Tradition von Generation zu Generation. Als das Menschengeschlecht sich mehrte, Einer hier, der Andere dort Beschäftigung, je nach Neigung und Fähigkeiten suchte, beuteten Einzelne die traditionellen Erfahrungen zum Besten ihrer Nebenmenschen aus; so entstanden die ersten Aerzte. Die Wiege der Medicin und Pharmacie finden wir in dem, mit Pflanzen verschiedener Art reich gesegneten Oriente, bei den Völkern der Hindus, den Aegyptern, sowie bei den Griechen und Hebräern. Das Pflanzenreich spendete die ersten Arzneimittel, leider fehlen uns jedoch, selbst aus der Zeit nach der Erfindung der Buchstabenschrift, Aufzeichnungen über diese ältesten Tra- ditionen. Ob es wahr ist, dass das älteste Werk über Medicin von einem chinesischen Kaiser 2699 vor Christo stamme, ist schwer zu beweisen. Der Name Pharmacie taucht zuerst in Aegypten auf. Der König Osinandias hatte über den Eingang seiner Bibliothek die Aufschrift ,, Pharmacie der Seelen" setzen lassen; das Wort Pharmacie war jedenfalls dem Schatze der bekannten Arzneimittel entlehnt. Nach Plinius hatten die Aegypter die Kunst der Medicamen- tenbereitung von den Magiern erlernt. Nach Strabo (einem alten Geschichtschreiber) besassen die Indier und Assyrer die Kenntniss von vielen Arzneimitteln. Das Einsammeln und Zubereiten der Arzneimittel, die Behandlung innerer und äusserlicher Krankheiten waren in den Händen der Aerzte; es hatte noch keine Theilung der eigentlichen Medicin und Pharmacie stattgefunden, Könige, Patriarchen, Priester und Propheten, als die geistig höher stehenden, übten die Arzneikunst aus, unter diesen nennt die Geschichte Machaon und Podaleirios, zwei Söhne des Aesculap*), die zur Zeit, als die Griechen vor Troja standen (1280 —1270 v. Chr.), die nöthigen Medicamente zur Heilung der Verwundeten anwendeten. Vor diesen nennt sie schon um 1200 v. Chr. den Asklepios**). Von den Aegyptern erlernten die Griechen die Arzneikunst und werden unter ihnen genannt Pythagoras 580—500 v. Chr., Hippokrates 460—337 v. Chr., Themison von Laodicea im 4. Jahrhundert v. Chr., Aristoteles 384—322 v. Chr., Theophrastus von Eresos 372—296 v. Chr., Herophilos um 344, Erasistratus um 325, Eudemus, Anti- oehus Philometer, Mantias, Apollonius von Memphis, Apollonius Mys, Archagatus 260—200 v. Chr., HeraMid von Tarent, Attalus Philometer, Mithridates Eupalor, Cleophant, Nicander von Colo- phon, Heras von Kappadocien. Auch Frauen, die sich im Alter- thume als Aerzte Ruf erworben, nennt die Geschichte, so: Ago- dice, eine Dame Athens, Aspada von Milet in Jonien, Artemisia, Königin von Carien und Cleopatra, die prunksüchtige Königin von Aegypten. Als Mathematiker und Physiker dieser Zeit sind zu nennen: die unter den Aerzten schon aufgeführten Pythagoras, Aristoteles, Herodotos 484—408 v. Chr. und Empedokles um 450 v. Chr., Diogenes von Apollonia um 450 v. Chr., Diogenes aus Sinope 414—324 v. Chr., Archimedes 287-212 v. Chr., Hero (Heron) 284—221. Die Chemie ist in dieser Zeit ein rein empirisches Gewerbe, am verbreitetsten unter den Aegyptern, bei ihnen finden wir auch *) Aesculap wurde unter die Götter versetzt, daher der Gott der Arzneikunde, welcher mit dem Mercurstabe in der Mythologie abgebildet wird. **) Siehe 2. Abtheilung, wo über die hier genannten Aerzte und Naturforscher das Nähere zu finden. ■■^■MM »w?^ MMH BDBMHIHHMHHRHHW die erste Spur alchemistischen Treibens. In Aegypten finden wir Schmieden, Glashütten, auch kannte man schon einige Salze und besass Kenntnisse in der Metallurgie und der Färberei mit organischen Stoffen, auch Essig und Bier war den Aegyptern bekannt. Bei denselben nannte man die Alchemie erst hermetische Kunst, nach Hermes Trismegistos (wahrscheinlich eine mythologische Person — Priester oder Mittelperson zwischen Mensch und Gott) *). Die Botanik, Zoologie und Mineralogie bestand nur in Benennungen einzelner Pflanzen, Thiere und Steine nach ihren hervorragendsten Eigenschaften, weder an eine Classification, noch ein Forschen nach dem inneren Wesen derselben war zu denken. Hippokrates führt in seinem medicinischen Werke 230 Pflanzen auf, Aristoteles, Theophrast und Phanias nennen schon 500 Pflanzen und suchen sie zu beschreiben. Nicander von Colophon schrieb über Gifte und Gegengifte. Als in Griechenland die Flamme der Civilisation zu erlöschen begann, siedelten Kunst und Wissenschaft nach Rom über. Der erste Arzt Roms hiess Archagatus. Am Ende vorchristlicher Zeitrechnung lebte in Rom zur Zeit des Augustus (63 v. Chr. — 14 n. Chr.) Celsus, der besonders für die Trennung der Medicin von der Pharmacie war, ferner: Cra- tevas 100 v. Chr., ein berühmter Rhizotom, Tiberius Claudius Menecraies, Erfinder des Diachylon im ersten Jahrhundert v. Chr. Als sicher steht, dass man zu dieser Zeit anfing, die Arzneikunst in die eigentliche Medicin (Behandlung innerer Krankheiten), Chirurgie (Behandlung äusserer Uebel), Diätetik (Gesundheitslehre) und Pharmacie zu trennen. Unter den Aerzten aus dem ersten Jahrhundert vor und nach Christo sind noch zu nennen: Asclepiades, Dioscorides, letzterer schrieb eine Materia medica und gab in derselben Vorschriften zur Bereitung von Arzneimitteln, unter denen auch anorganische, wie: Blei- und Zinkoxyd, Arsenpräparate, Schwefelantimon, Schwefelquecksilber, Pottasche, Alaun und Grünspan sich fanden, ferner führte er circa 600 Pflanzen an. Scribonius Largus Designalianus schrieb ein Werk, das als die erste Pharmacopoe anzusehen ist. Unter den Naturforschern dieser Zeit sind zu nennen: Cajus Plinius Secundus, der Aeltere 23—79 n. Chr., Marcus Vitruvius Pollio (15 n. Chr.) schrieb über Nutzhölzer. *) Trismegistos der 3mal vergrösserte. 2. P eriode. Zeitalter des Galen, Trennung der Medicin und Pharmacie vom 2. bis 7. Jahrhundert n. Chr. Dieser Zeitabschnitt ist namentlich für die Medicin von grosser Bedeutung, da man in ihm anfing die Anatomie zu cul- tiviren und nach genauer Erkennung der Krankheiten zu forschen; auch die Wirkung der Arzneimittel wurde genauer geprüft. Das Forschen nach diesen Richtungen muss auch als mächtigster Hebel zur Trennung von Medicin und Pharmacie angesehen werden. Der wichtigste Arzt dieser Zeit war Claudius Galenus (siehe Lebensbeschr. im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung). Der Name Galenisclie Mittel, für Mengungen, einfache Auszüge u. s. w. hat sich bis in unsere Zeit erhalten. Bei der Bereitung der Arzneimittel bediente man sich zu dieser Zeit vieler Beschwörungsformeln, ein Unfug, der sich mehre Jahrhunderte hindurchzog. Die Trennung von Medicin und Pharmacie, die sich zu Ga- lens Lebenszeit nur vorbereitet hatte, kam nach dessen Tode zu Stande, wir finden daher erst im 3. Jahrhundert den Namen Pharmaceutae, und verstehen darunter Aerzte oder Heilkünstler, die sich mit der Bereitung von Arzneimitteln beschäftigen, aber auch Kranke behandeln. Pharmacopöus wurde der genannt, der Arzneimittel bereitete, ohne die ärztliche Praxis auszuüben, also der Apotheker nach heutigem Begriffe, man nannte solchen auch Sellvlarius, weil er seine Käufer auf der Schwelle des Ladens sitzend, erwartete. Pharmacopolae hiessen die Verkäufer roher Arzneimittel, diese waren unsern heutigen Droguisten zu vergleichen, doch trugen die Pharmacopolae ihre Arzneimittel zum Verkaufe herum, ähnlich wie wir später die sächsischen Balsamträger finden, Cicero nennt sie daher Pharmacopolae circumforaneae. Herbarii, griechisch QiZotöfiov, hiessen die Kräutersammler. Pharmaceutria nannte man zu Neros Zeit eine Classe von Medica- mentenhändlern und verstand darunter Vergifter oder Zauberer, doch war dieses wahrscheinlich nur ein Spottname. Aus dem 3. bis zum 8. Jahrhundert sind als berühmte Aerzte zu nennen: Isac Jud'dus, Andromachus, Aelius, Alexander Trolles, Oribasius, Paulus von Aegina. Das wichtigste Compositum unter den Arzneimitteln dieser Zeit ist der Theriac des Andromachus. Galen blieb 6 Jahrhunderte hindurch die erste Autorität der Aerzte, doch wurden auch Hippokrates Werke fleissig studirt. In die Mode kamen damals die Gegengifte, Antidota und die Alexipharmaca. Im 4. Jahrhundert nach christlicher Zeitrechnung schildert uns die Geschichte der Medicin eine Classe von Staatsbürgern, smm ■■PQnBnnraBP 10 welchen es oblag, Arzneien nach Verordnung der Aerzte herzustellen, dieselben waren aber mehr Diener der Aerzte, als selbstständige Apotheker. Sowol in dieser Zeit, als auch in vielen folgenden Jahrhunderten hatte sich der letzte Rest von Wissenschaft in die Stille der Klöster zurückgezogen, in die Freistätten, wo sie vom Kriegslärm weniger belästigt wurden, und traten die Mönche theils als Aerzte, theils als ausübende Apotheker, aber auch als Alchemisten und Botaniker auf, was der Pharmacie nicht zum Schaden gereichte, nur ist es zu bedauern, dass durch das geheiinnissvolle Wesen, das das Klosterleben umgab und von der Aussenwelt abschloss, die gemachten Entdeckungen und Erfahrungen grösstentheils verloren gingen. Zwar fand sich manches, das spätere Gelehrte den geschriebenen Pergamenten der Klosterbibliotheken entnahmen, doch war das nur sehr wenig. Die Naturforschung lag in der Zeit vom 4. bis zum 8. Jahrhundert ganz darnieder, weder für Physik und Chemie, noch für Mineralogie, Botanik und Zoologie trat ein bedeutender Mann auf. In der an blutigen Kriegen reichen Zeit, die dem Sturze des Römerreichs vorausging, als die Vandalen in die südlichen Länder Europas einfielen, bis zum Sturze der Römischen Oberherrschaft (476) konnten weder Kunst noch Wissenschaft erstarken. Der Kriegslärm, die Feudaltyrannei, eisernes Faustrecht, Sclaverei und Noth verscheuchten die Musen aus der christlichen Welt, doch fanden diese unter den Muhamed verehrenden Arabischen Kha- lifen eine Freistätte. Besonders günstige Aufnahme fanden aber namentlich Me- dicin und Alchemie, obgleich die Araber nicht unerfahren in beiden waren. Die Khalifen förderten, wenn sie das Schwert in die Scheide gesteckt hatten, die Geistesausbildung ihrer Völker mit grossem Eifer und nahmen selbst christliche Gelehrte in ihre Dienste; der Muhamedaner war jedenfalls, was den Glauben anbetraf, humaner als die Römische Priesterkaste. 3. Periode. Das Zeitalter der Araber. 7. bis 12. Jahrhundert. Fünf Jahrhunderte hindurch, vom 7. bis zum 12. Jahrhundert waren es die Araber, die sich der Pflege der Wissenschaften, besonders der Medicin, Chemie, Mathematik, Physik und Botanik angelegen sein Hessen. Der Khalif Almansor (regierte von 754—775) wurde der Gründer der Akademie von Bagdad, woselbst auch eine Apotheke zu finden war. Die Araber setzten vielen Wörtern den Artikel AI vor, daher Alchemie, Alkali u. s. w. Unter Alchemie verstanden sie aber 11 fast nur die Kunst, unedle Metalle in edle, namentlich in Gold, zu verwandeln, also Goldmacherkunst. Geber und sein Schüler Dschahir waren es, welche anfingen, den Stein der Weisen zu suchen. Die Idee vom Stein der Weisen gehört diesen beiden, derselbe sollte ein Mittel sein, allen Krank- heitsstoff aus dem Körper zu entfernen, ja dem Tode die Macht über die Lebenden ganz zu entreissen vermögen. Von dieser Zeit an hiessen die, welche Gold und den Stein der Weisen herzustellen vorgaben, Adepten oder Alchemisten, die meisten Aerzte dieser Zeit zählten zur Classe der Adepten. Aber auch einen Beigeschmack von Theosophie hatte die Alchemie dieser Zeitperiode, der ihr Jahrhunderte lang anhing und der eigentlichen Forschung hemmend in den Weg trat. Dass das alchemistische Treiben der Aerzte dieser Zeit An- lass zur Entdeckung vieler neuer Arzneimittel geben musste, liegt auf der Hand. Namen wie Alkali, Alkohol, Camphor, Julep, Kermes, Alkezengi, Looch, Roob, Syrup u. a. m. sind Arabische Benennungen. Der berühmteste Arzt der Araber, Geber, ein verstümmelter Name für Dscliafer el Sadik (der Wahrhaftige), auch Abu — Mussa-Dchafer-el-Safi wurde 697 geboren und starb 765, sein Schüler: Dschabir-el-Tarsufi (aus Tarsus) beide sind die Verfasser mehrer chemischen Schjriften. Geber kannte den Quecksilbersublimat, den Höllenstein, den Eisensafran, die Salpetersäure und die Verbindungen vieler Metalle mit Schwefel. Als Grundlage der edlen Metalle sieht er das Quecksilber und den Schwefel an. Von Geber und Dschabir existiren eine grosse Anzahl Schriften, nicht allein über fast alle Zweige der Medicin (mit Ausnahme der Anatomie, da kein Leichnam nach Muhamedanischem Gesetze zergliedert werden darf) und Alchemie, welche letztere von dieser Zeit an mehr Eingang in Europa findet. Die Geber- schen Schriften siehe 2. Abtheilung unter Geber. Sabur Ehnsahel im 9. Jahrhundert, derselbe schrieb ein Buch, Krabatin genannt, das als Pharmacopoe angesehen werden muss. Abul Zakeryja Jahja-Ben Maseweih, zwischen 780—875, war der Sohn eines Apothekers. Es gab also zu seiner Zeit und eigentlich schon früher Apotheker unter den Arabern. Johannitius oder Honein Ben Ishao (um 800). El Rüzi oder Rhazes (850—923). Haly Abbas der Magier, oder Ali-Ben-el Abbas, um 950. Avizenna (Iben oder Ebu Sina) Abu-Ali el Hosein, Ben Ab- dalah, Ben el Hosein Ali, Scheich el Reis (oder Fürst der Aerzte), gestorben 1037, hinterliess ein Werk, in welchem er viele Pflanzen beschrieb und benannte. Gebrüder Serapion zu Ende des 4. Jahrhunderts. Hassan Habatollah-Ebu Talmid im 12. Jahrhundert. Abulcasein, gest. 1106. Avenzoar, gest. 1162. Kohen Altar oder Israeli Naruni. ■HPMHHHnBNHnm n^nsm 12 Z?/ Baithar, gest. 1248. Dieser führt 1400 Pflanzen in seinem Reisewerke auf. Oseibia, geb. 1203, gest. 1269. Zu dieser Zeit war schon eine vollkommene Scheidung der Medicin von der Pharmacie eingetreten, doch waren noch viele Aerzte Apotheker. 4. Periode. Gründung der ersten Apotheke in Italien bis zum Zeitalter der Jatrochemie vom 12. bis zum 15. Jahrhundert. Zur Zeit Constantins von Karthago entstanden die ersten Apotheken in Italien, welche Stationes und die Apotheker selbst Confectionarii genannt wurden. Die erste Europäische Apotheke wurde zu Salerno errichtet, der Stadt Siciliens, in welcher 1150 die eine lange Zeit hindurch berühmte medicinische Schule gegründet wurde, eine Schule, die zu grossem Rufe gelangte und sehr wichtig für die Ausbildung der practischen Heilkunde werden sollte. Gründer dieser Schule waren die Araber, deren Fürsten sich selbst nach geschlossenem Frieden der Ayzneikunde mit grossem Eifer widmeten. Auch eine zweite Schule, die Schule von Neapel, für welche König Roger I. und später Kaiser Friedrich II. viel thaten, blühete in dieser Zeit und erfreute sich eines grossen Rufs. Friedrich II. stellte Aerzte und Apotheker unter strenge Controlle, weshalb man sicher sagen kann, dass die erste Apothekerordnung aus der Zeit des Kaisers Friedrich IL stammt. Die Alchemie verbreitete sich im 11. und 12. Jahrhundert immer mehr, jedoch bezeichnen Gewinnsucht, Schwärmerei und vielseitiger Betrug dieselbe in diesen, sowie in den folgenden Jahrhunderten, ja diese gehen auch zum Theil auf Medicin und Pharmacie über, daher waren die strengen Gesetze Kaiser Friedrichs nicht allein zeitgemäss, sondern eine Nothwendigkeit. Durch die Kreuzzüge kamen viele neue Arzneimittel des Orients im Gebrauch und wurden wichtige Handelsartikel. Die Gelehrten Spaniens und Italiens zeichnen sich besonders als Uebersetzer Griechischer und Römischer*) sowie Arabischer med. Werke aus, man findet in denselben nicht allein eine genaue Aufzählung der Krankheitssymptome, sondern auch eine gründliche Beschreibung der Medicamente und gibt viel auf Com- positionen. *) Bis zu dieser Zeit hatten die Aerzte Bich nur Rath bei den Griechischen und Römischen Schriftstellern suchen müssen, es war also eine Kenntniss dieser Sprache eine Nothwendigkeit für dieselben, in unserer Zeit sind die Verhältnisse anders. 13 Aus dieser Zeit wollen wir nun folgende, für die Entwicke- lung der Medicin und Pharmacie wichtige Männer nennen: Constantin von Carihago, gest. 1087, bereiste verschiedene Länder und trat dann in ein Kloster, wo er viele Werke der Araber in das Lateinische übersetzte und ihnen dadurch Eingang in Europa verschaffte. Nicol. Praepositus aus dem 12. Jahrhunderte. Joh. und Mathäus Platearius in derselben Zeit. Im 13. Jahrhundert finden wir unter den Khalifen Mon- stranser die Akademie und das Medicinalcollegium zu Bagdad noch einmal sich aufschwingen, nachdem in den 5 Jahrhunderten vorher ihr Ruhm durch viele jüdische Schulen erloschen schien, es war dies aber auch gleichsam der letzte Seufzer der untei - - gehenden Cultur eines grossen Reichs. In Europa sah es jedoch in dieser Zeit traurig mit der Medicin und Pharmacie aus, die Medieiner, Pharmaceuten und Chemiker des 12. und 13. Jahrhunderts waren meist nur Adepten und Alchemisten, sie verloren sich — den Weg der Erfahrung verlassend — in geheimnissvolle Gaukeleien und Hessen, in abergläubische Träumerei versunken, keine reelle Forschung aufkommen. Die widrigsten Thiere, wie Schlangen und Kröten, Blut und Fett, ja sogar Excremente von diesem und jenem lebenden Wesen, mussten dem Arzneischatze ihren Tribut zahlen, ich erinnere nur an Mumien, getrocknetes Menschen- und Thierblut, getrocknete Kröten und Album graecum (Hunde-Excremente). Fast zu Ende des 13. und zu Anfang des 14. Jahrhunderts sehen wir in Deutschland, England und Frankreich einige hervorragende Aerzte auftreten, weiter nach Norden begegnen wir, was Kunst und Wissenschaft betrifft, totaler Finsterniss, das Licht der Schulen von Salerno und Neapel reicht nur für Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland aus. Im 13. bis 15. Jahrhundert wurden in Deutschland die ersten Apotheken errichtet; die erste derselben von einem gewissen Wiliken in Münster 1267, dann weiter in Augsburg 1285, in Nürnberg 1403, in Basel 1404, in Leipzig 1409, in Stuttgart 1458 und in Halle 1493. In London 1345, in Kopenhagen 1465, in Stockholm die erste Apotheke 1552 von Lucas errichtet, Diplom von Gustav Wasa. Zu Schwedischer Zeit wurden in Riga von Dr. Fischer die erste Apotheke (die jetzige Langer'sche) und 1675 von Baltzer Wohler (die jetzige Schwanapotheke) die zweite (Diplome von Carl XL) errichtet. In Russland finden sich die ersten Apotheken Ende des 16.Jahrhnuderts. Bis zu dieser Zeit, selbst noch in den folgenden Jahrhunderten, standen die Apotheker aber auf einer sehr niedern Stufe der Bildung, sie waren theils Droguisten, theils Bader, theils Conditoren, letzteres namentlich die Französischen Apotheker; die Aerzte sahen die Apother nur als ihre Handlanger an. Ein nicht unbedeutender Theil der Aerzte hatte selbst Apotheken und hielt zur Ausübung der Pharmacie Gehülfen, die sie den Dienstleuten gleich betrachteten. Dass solche Verhältnisse Anlass ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■BBBMBl^^MIHIMHBHWi 14 zur Prellerei des Publicums geben mussten und selbst der reellere Arzt die Gelegenheit lockend fand, Geld zumachen, liegt nahe*). In dieser Zeit war die Zunge fast der einzige Prüfstein bei Anschaffung und Verfertigung von Medicamenten. Der grösste Theil der Arzneimittel bestand aus Rohmaterialien aller 3 Naturreiche und Mengungen dieser — den sogenannten Galenischen Mitteln — wie gemischten Pulvern, Latwergen, Pflastern und Salben. Neu angekommene Waaren und die Zusammenmengung des eben so berühmten wie beliebten Theriaks wurden vom Medicinal- collegium besichtigt, respective beaufsichtigt, wobei der Apotheker die Herren dieses Collegiums mit Speise und Trank regaliren musste. An Stelle des Medicinalcollegiums kam in kleineren Städten wol auch der Hochwolweise liath mit einem Arzte der Stadt als Kenner der Güte von Arzneimitteln, da diese Herren aber wenig von der Güte der Arzneimittel verstanden, so wurde das Essen und Trinken, „worin die Herren besser Bescheid wussten", die Conditio sine qua non, leider hat sich dieser Modus — die Beaufsichtigung der Apotheken durch Aerzte — noch in vielen Staaten erhalten, fällt auch das Essen weg, so steht es doch um die Apotheken-Revision der meisten Aerzte misslich, da ihnen die Praxis bei der Prüfung abgeht, wodurch oft Verlangen gestellt werden, die zu den Unmöglichkeiten gehören, während das, worauf es hauptsächlich ankömmt, ihnen entgeht. Im 13., 14. und 15. Jahrhundert sehen wir erst die Arzneikunst und in ihrem Gefolge alle Zweige der Naturwissenschaft sich von Italien und Spanien aus über die nördlichen Länder Europas verbreiten, doch flüchten sie sich meist noch in den Heerd der Wissenschaften jener Zeit, in die Stille der Klöster. Nicht unerwähnt darf es bleiben, dass 1333 in Venedig ein botanischer Garten, der meist medicinisch - wichtige Pflanzen enthielt, bestand. Die Erfinduug der Buchdruckerkunst durch Johannes Gutenberg (Gänsefleisch) im Anfange des 15. Jahrhunderts machte die Wissenschaft zum Gemeingute Aller, die zu lesen und zu denken verstanden, bis dahin fanden sich die Schriften (Pergamente) meist nur in den Klöstern und kamen nur ausei-wählten Jüngern, den Mönchen, zu Gute; durch den Druck der Bücher wurden sie Eigenthum der Weltkinder. Wie die Erfindung des Schiesspulvers, die man einem Fran- ciskanermönche, Berthold Schwartz zuschreibt, die jedoch eigentlich von Boger Baco stammt, in der Kriegsführung eine Umwälzung hervorbrachte, ebenso musste die Buchdruckerkunst von unberechenbaren Folgen sein. Die erste Erfindung betrachtete man *) Einige wenig beschäftigte Aerzte der Neuzeit finden solche Einrichtung höchst lockend und möchten gern einen Rückschritt zu diesem für sie lukrativen Verhältnisse des 15. Jahrhunderts machen. Zu welchem Betrüge schon das Selbstdispensiren der Homöopathen führte, darüber haben uns einige med. und pharm. Journale aufgeklärt. 15 in jener Zeit als eine vorn Teufel stammende, letzte nannte man göttlichen Ursprungs, mit welcher Ansicht jedoch die Mönche, namentlich die, welche U. von Hütten Dunkelmänner nannte, nicht übereinstimmten; da die Buchdruckerkunst ihrem Ansehen Abbruch that, ihr Einkommen (Abschreiben) schmälerte und die Laien zu klug machte. Die Wirkungen, welche durch physikalische Instrumente oder durch chemisches Aufemanderwirken von Stoffen hervorgebracht wurden, besonders solche Experimente, welche die Sinne star'k afficirten, fasste man in dieser Zeit unter den Namen Magie zusammen, dieselbe ist die Tochter des Fetischmus oder Priesterbetrugs und wurde ihr die Nekromantie, Schwarzkunst oder Todten- beschwörung, sowie die Taschenspielerkunst zugesellt, doch finden wir unter den Magiern jener Zeit Männer von hohem wissenschaftlichen Rufe, denen die Naturwissenschaft manche Entdeckung zu danken hat, so dem Augustinermönche, spätem Erzbischofe von Regensburg Albert von Bollstüd, derselbe kann auch als der erste wissenschaftliche Bearbeiter der Botanik in seinen 7 Büchern von den Gewächsen angesehen werden. Doch wichtiger für die Ermittelung der Chemie und Physik sind: Roger Baco, Englischer Franciskanermönch, welcher viel experimentirte und die Meinung aussprach, dass nur die von den Chemikern durch das Experiment erlangten Resultate als Wahrheit anzunehmen seien, und Raimundus Lullius (Lull). Alle 3 sind trotz gründlicher Kenntnisse doch Alchemisten vom reinsten Wasser (siehe Näheres in der 2. Abtheilung, Naturforscher des 12. und 13. Jahrhunderts). Neben diesen Magiern sind noch folgende die Pharmacie fördernde Aerzte zu nennen: Joh. von St. Amand, Pietro de Tussignano senior, Nicolaus Myraphus Alexandrinus, Thaddäus von Florenz, Johannes Aclu- arius, Pietro von Albano genannt Petrus Aponensis, Dinus a Garbo, Thomas a Garbo, Arnold von Villanova auch Arnold de Bachune genannt, Mathias Sylvaiicus, Giacomo de Dondis und Giovanno de Dondis (siehe 2. Abtheilung, 13. und 14. Jahrhundert) , Nicol. Liotiicerus, Johann de Vigo, Ortolph Meydenberger oder Megtenberger auch Ortolph von Bayerland genannt, Ricettario, Paulus Suardus, Saladin von Asculo, Isao und Joh. Isac Hol- landus, Berthol Montagnana, Johann Sonnecke oder Dronnecke von Caub auch Joh. von Cube genannt, Theod. Ulsenius. Mit der nicht direct die Medicin betreffenden Naturforschung war es in jener Zeit schlecht bestellt, da fast nur Aerzte sich mit den verschiedenen naturwissenschaftlichen Zweigen befassten und die Nichtärzte die Medicin, wenn auch nur als Laien, bei ihren Schriften ins Auge fassten. Unter den Schriftstellern über Naturwissenschaft, die nicht die ärztliche Praxis ausübten, sind aus dem 15. Jahrhundert nur zu nennen: Petrus de Crescentis (1235—1320) beschrieb 300 medicinische Pflanzen. 16 Marco Polo machte um 1296 einige wichtige botanische Entdeckungen. Basilus Valentinus, ein Benedictinermönch in Erfurt (siehe Naturforscher des 15. Jahrhunderts). 5. Periode. Das Zeitalter der Jatrochemie oder medicinischen Chemie vom 15. bis 17. Jahrhundert. An Stelle des unfruchtbaren Suchens nach der Goldtinktur oder dem Steine der Weisen beginnt in dieser Zeit das Forschen nach neuen anorganischen chemischen Verbindungen und deren Wirkung auf den erkrankten Organismus. Obgleich die chemische Zersetzung dieser Präparate im Organismus nicht erkannt werden konnte, weil hiezu die Chemie noch zu weit zurück war, so kam man durch blindes Hin- und Hertappen doch wenigstens zu practisch-brauchbaren Resultaten, auch waren es hauptsächlich diese neuen Arzneimittel, welche die ekelhaften Dinge aus dem Thierreiche wie Album graecum u. s. w. verdrängten. Wenn auch in unserm Jahrhunderte die Homoeopathie denen ähnliche wieder als sogenannte isopapathische Mittel einzuschmuggeln suchte, so will das nicht viel sagen, da sie in so kleinen Gaben verabreicht, zu Phantasiegebilden zusammenschrumpfen. Doch nicht allein Stoffe des Mineralreichs, auch viele neue Arzneimittel aus dem Pflanzenreiche wurden in jener Zeit der practisch-medicinischen Prüfung unterworfen. Da die Botaniker jener Zeit meist dem ärztlichen Stande angehören, so findet man in den botanischen Werken meist auch die medicinische Wirkung der einzelnen Pflanzentheile in Prosa oder Poesie beschrieben und selbst durch Illustrationen erläutert; so beschreibt ein Schriftsteller z. B. die Wirkung des Chinesischen Thees (das Buch stammt aus dem 16. Jahrhundert) auf den Organismus in einem Gedichte, in welchem jede Strophe mit Angabe der Krankheit, gegen welche der Thee nützlich ist, anfängt und mit „Recipe edlen Thee, der wird die und die Wirkung haben" endet. Ein anderer Schriftsteller beschreibt den Feigenbaum und illustrirt die Wirkung der abführenden Feige durch einen, unter dem Baume hockenden, seine Nothdurft verrichtenden Mann. In dieser Zeit erschienen viele Uebersetzungen griechischer Werke botanischen oder medicinischen Inhalts, eine Folge der Aufhebung classischer Studien. Als Begründer der Jatrochemie muss Philippus Aureolus Bombaslus, Theophraslus, Paracelsus ab Hohenheim angesehen werden, ein vielfach verkannter Mann, dem die Medicin jedoch zu grossem Danke verpflichtet ist. 17 Ludwig Beckstein erzählt, class, als Paracelsus zufällig mit dem Reformator der Theologie Luther auf der Heise zusammentraf, er diesen Bruder nannte, indem er sich selbst als Reformator der Medicin vorstellte (siehe 2. Abtheilung, 15. Jahrhundert). Paracelsus wandte viele anorganische Präparate als Arzneimittel an, nachdem er ihre Wirkung auf den Organismus geprüft hatte; er nannte solche Präparate Arcana, die voller Kraft und Tugend seien und deren Herstellung Aufgabe der Chemie sei; so führte er viele Präparate des Antimons, Bleies, Eisens, Kupfers und Quecksilbers in den Arzneischatz ein, oder studirte ihre Wirkung in Krankheiten, in denen sie noch nicht angewandt waren. Die Wirkung der Mittel selbst nannte er eine chemische und deshalb den Magen den inwendigen Alchemisten. Ein Hauptsatz des P. war: Die Gifte sind bei geschickter Amoendung die besten Heilmittel. Paracelsus Anhänger laborirten daher auch fleissig in ihren Laboratorien, stellten viele neue Metallpräparate dar und .wandten dieselben medicinisch au, wodurch der Arzneischatz sehr bereichert wurde; daher man wol nicht mit Unrecht Paracelsus als den Begründer der medicinisch-pharmaceutischen Chemie nennt, es war ja die Anzahl mineralischer Arzneimittel bisher eine sehr beschränkte gewesen. Diese, die pharm. Chemie, wurde jedoch im 16. Jahrhundert weniger von den Pharmaceuten, sondern fast ausschliesslich von den, auf den neu errichteten Universitäten ausgebildeten Aerzten ausgeübt und vervollkommnet, die Forschungen selbst aber kamen doch den Apothekern zu Gute. Obgleich schon an vielen Orten Apotheken errichtet waren, so finden wir als Vorstände derselben Zwittergestalten, die Arzt und Apotheker in einer Person vereinigen, als Arzt trug diese Persönlichkeit einen rothen Rock, auf dem Kopfe die Allongeperrue- que, und in der Hand ein Spanisches Rohr mit goldenem Knopfe; waren die Patienten abgefertigt, so wurde der rothe Rock mit einem Hausrocke vertauscht, ein Schurzfell vorgelegt und nun mit Tiegel und Retorte im Laboratorio hantirt. Erst im 18. Jahrhundert sehen wir Apotheker, die sich mit Eifer der Chemie widmen, die medicinische Praxis den Aerzten überlassend. Die Pharmacopoen, als Gesetzbücher für die Darstellung von Arzneimitteln, mit festgestellten Vorschriften, existirten zwar schon in Frankreich und Italien im 13. Jahrhundert, dieselben wurden aber erst zwei Jahrhunderte später durch die Jatrochemie bedeutend vervollkommnet. Von den Apothekerordnungen aus dem 15. Jahrhundert ist eine der merkwürdigsten die Pariser vom Jahre 1484, welche von den Apothekern wissenschaftliche Bildung, strenge Prüfungen und Apothekenvisitationen verlangt, dagegen aber auch bedeutende Privilegien gewährt, nach dem höchst humanen Grundsatze: je mehr wir verlangen, desto mehr müssen wir geben! ■■■■■■■■«HflHmHVI ■■Mi HHMHDDDHHHH nSIMPfl 18 Von den bedeutendsten Pharmacopoen und Apothekerbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts sind zu nennen: 1) Dispensatorium pharniacorura omnium, auf Verlangen des Nürnberger Raths von Valerius Üordus um 1540 geschrieben, dasselbe muss als die erste Pharmacopoe Deutschlands betrachtet werden. 2) Die Augsburger Pharmacopoe, deren Verfasser Adolph Occo ist, erlebte viele Auflagen und enthält die meisten der damals gebräuchlichen Arzneimittel, deren Zahl die Grösse der heut zu Tage in den Pharmacopoen aufgenommenen weit übersteigt. Die letzte Ausgabe von 1582 enthält schon viele anorganischchemische Präparate, Zeugniss vom Fleisse des Paracelsus und seiner Schüler gebend. 3) Compendium Aromaticorum von Saladin von Asculo, erschien 1488, letzte Auflage 1502 und war ein Werk, in welchem wir höchst zweckmässige Vorschriften über Bereitung und Prüfung chemischer wie pharmaceutischer Präparate, ferner eine Beschreibung über die Einsammlung und Aufbewahrung von Arzneimitteln, sowie von den Eigenschaften eines brauchbaren Apothekers finden. Wer über die verschiedenen, im 15. und 16. Jahrhundert erschienenen Pharmacopoen und Apothekerbücher Näheres einsehen will, findet einen grossen Theil derselben in Buchners Inbegriff der Pharmacie, Nürnberg 1S22, i? 102 angeführt. Die Apotheker jener Zeit, die ein mehr wissenschaftliches Interesse beseelt, wenden sich, da ihnen der ärztliche Druck nicht zusagt, dem Studio der Medicin zu und sind dann meist Arzt und Apotheker zugleich, sehen aber ihre Gehülfen und Lehrlinge, welche die mechanischen Arbeiten wie Stossen von Pulvern, Schneiden von Wurzeln u. s. w. ausführen, mehr als Handlanger, denn als Eleven an, deren gediegene Ausbildung ihnen Pflicht gewesen wäre, wogegen sie die eigentlichen chemischen Arbeiten selbst ausführen und höchst sorgfältig darüber wachen, dass die Vorschriften zur Darstellung der chemischen Präparate ihr Ge- heimniss bleiben. Die Principale des 16. und 17. Jahrhunderts, ja noch bis in das 18. Jahrhundert hinein, sind meist noch Alchemisten, d. h. sie suchen noch immer die Goldtinktur oder sie sind Jatroche- nriker, welche durch Verkauf geheimnissvoller Präparate Vorthcil zu erringen suchen (Seignette mit dem Tart natronatus oder Sal Seignetti). Eben so wie die Sprache der Alchemisten eine unklare, geheimnissvolle ist, sucht auch die Pharmacie sich in solche schwer verständliche Sprache und geheimnissvolle Zeichen zu hüllen; nicht allein jedes Element, sondern auch zusammengesetzte Stoffe haben ihre Zeichen; so bezeichnete man z. B. Feuer mit /\, Luft mit ^, Wasser mit \J, Erde mit V> Gol< ^ (Sol) mit ©, Silber (Luna) mit ]), Quecksilber (Mercurius) mit $, Kupfer (Venus) mit ?, Eisen (Mars) mit J\ Zinn (Jupiter) 19 mit 11, Blei (Saturnus) mit 1), Schwefel mit £, Weingeist mit \ S ^, Salz mit ©, Pulvis mit % u. s. w. Ein Pröbclien von der geheimnissvollen Sprache der Alche- misten des 15. Jahrhunderts gibt uns Göthe in folgenden Versen des Faust: Da ward ein rother Leu, ein kühner Freier, Im lauen Bad, der Lilie vermählt, Und beide dann, mit offnem Flammenfeuer, Aus einem Brautgemach ins andere gequält, Erschien darauf, mit bunten Farben, Die junge Königin im Glas, Hier war die Arzenei, die Patienten starben, Und niemand fragte: wer genas? So haben wir mit höllischen Latwergen, In diesen Thälern, diesen Bergen, Weit schlimmer als die Pest getobt. Diese schwulstige Kedeweise würde, in die Sprache der heutigen Chemie übersetzt, la\iten: Man verbinde bei gelinder Glühtemperatur den beim Schmelzen rothgelb werdenden Schwefel (den Leuen) mit Quecksilber (der Lilie) und sublimire das Pro- duct in einem Sublimirgefässe (Zinnober). Im 16. und 17. Jahrhundert entstanden in Deutschland, England und Schweden viele Apotheken. In das Ende des 16. Jahrhunderts fällt die Errichtung der ersten Apotheke in Russland. Die Königin Elisabeth von England empfahl dem Zaaren Iwan Wassiljewitsch einen Apotheker Namens James Frencham, welchem der Auftrag wurde, die erste Apotheke in Moskau anzulegen und zwar im Kreml; unter der Regierung des Zaaren Boris Godunow ging Frencham wieder nach England und brachte im Jahre 1601 von dort einen neuen Vorrath von Arzneimitteln zurück. Diese Apotheke im Kreml war Hofapotheke. Unter Mich. Feodorowitsch wurde die Apothekenbehörde, welche über Aerzte und Apotheker die Aufsicht führte und unter einem Director (der aus den Grossen des Reichs gewählt wurde) stand, gegründet. Unter Alexei Michailowitsch wurden Apothekergärten angelegt, die Hofapotheke des Zaaren besass eine höchst brillante Einrichtung; so waren z. B. die Schilder der Standgefässe stark vergoldet und die Standgefässe selbst von Krystallglas, ein damals sehr theurer Artikel. Bis zu Peter des Grossen Zeit hatte Moskau nur zwei Apotheken ; dem Apotheker Frencham folgten: Ranwall, Warley, Aren- sen, Joh. Godseni, Alles Männer die für die Geschichte der Phar- macie Interesse haben, da sie die Verwalter der ersten Apotheken in Russland waren. Nachdem Gelehrte, wie Nicolaus Kopernicus für Astronomie, ein Erasmus von Rotterdam und Reuchlin für die Humaniora gearbeitet, ein Luther, Melanchton und Ulrich von Hütten für Gei- 20 .*H stesfreiheit ihre Donnerworte in die Welt geschleudert hatten und Paracelsus in der Medicin die Reform angebahnt hatte, also nachdem das Zeitalter der Reformation angebrochen war, eine Zeit, in welcher an die Stelle der alten Scholastik (ein Ragout von Philosophie und Theologie) eine geläuterte Philosophie getreten war, versuchten Gelehrte, wie Robert Boyle, Glauber und Lemery auch in der Chemie eine klare Auffassung an Stelle der in dunke- les Geheimniss gehüllten Sprache zu setzen, wurden aber von den- meisten ihrer Zeitgenossen nicht verstanden. Wenn nach Erfindung der Buchdruckerkunst das gesäete Saamenkron in der Reformationszeit erst reifen konnte, so kämpften gegen diese Reife eine nicht unbedeutende Zahl von Mönchen (Huttens Dunkelmänner), unter diesen aber waren zu jener Zeit viele im Besitze nicht unwichtiger chemischer Kenntnisse. Dass vor und selbst noch 100 Jahre nach der Reformation Aberglaube und Stumpfsinn nicht völlig auszurotten waren, ist jedoch begreiflich, wenn man bedenkt: 1) dass nur ein kleiner Theil des damaligen Geschlechtes zu lesen verstand, 2) dass Bücher ein grosser Luxusartikel waren, die nur den Reichen zu Gute kamen; 3) dass die meisten derselben nur in lateinischer Sprache gedruckt wurden, 4) dass der Clerus katholischer Länder bis in unser Jahrhundert den Philosophen und Naturforschern schroff entgegentrat und derselbe beim Volke in grossem Ansehen stand, daher einen mächtigen geistigen Druck auf dasselbe ausübte. So musste Galilei noch 100 Jahre später die von ihm erkannten grossen Wahrheiten der Astronomie, nachdem er schon lange Zeit in Rom gefangen gehalten war, knieend widerrufen, um nur seine Freiheit, vielleicht sein Leben zu retten. Nachdem er vom Knieen aufgestanden, soll er ausgerufen haben: ,,und sie (die Erde) bewegt sich doch!" Dieser Ausruf war hinreichend, ihn noch ferner im Kerker zu halten. Von den berühmtesten Aerzten und Chemikern des 16. und 17. Jahrhunderts, von denen erstere meist Jatrochemiker waren, sind zu nennen: Joh. Baptist Montanus, Jac. du Bois oder Sylcius, TV. Rändelet, Valer. Cordus, Joseph du Chesne oder Quercetanus, Thomas Erast, Joh. Baptist Porta, Laurent Jaubert, Leonh. Thurneisen zum Thurn, Andr. Libav, Adolph Occo, Viüorio Algarotto, Oswald Orall, Casp. Schwenkfeldt, Raymund Minderer, Adrian von Mynsichi, Ludowico Localelli, Jeremias Gornarius, Phil. Müller, Anton Günther Billich, Philip Grüling, Mich. Sendivog, Joh. Beguin, Angela Sala, Theod. Turquet de Mayerne, Joh. Bap- tisla van Helmont, Arnold Weickhard, Gregor Horst, Lazerus le Riviere oder Riverius, Jean Ray, Werner Rolfink, Paul Guldi- nus (Preussischer Apotheker), Christ. Glaser (Apotheker des Königs von Frankreich), Pierre Thibaut (Pariser Apotheker), Johann Rud. Glauber, Otto Tachenius, Herrm. Conring, Andr. Gassius, Joh. Dan. Horst, Franz Deleboe Sylvius, Dan. Ludowici, Joh. Zweifer, Robert Boyle. 21 Unter diesen hier genannten waren es besonders Angela Sala, Joh. Beguin und Glauber, denen die pharmaceutische Chemie viele Verbesserungen zu danken hat. Van Helmont lenkte die Aufmerksamkeit der Chemiker auf die Gase, er nennt die Flamme entzündeten und erleuchteten Rauch fetter Aushauchungen und streicht das Feuer aus der Zahl der Elemente. Wir sehen hieraus, wie weit er seiner Zeit voraus war. Jean Kay bemerkt schon eine Zunahme des Gewichts beim Verkalken der Metalle und dass diese Zunahme aus der Luft komme. Glauber und Tachenius erkannten schon, dass die Salze aus Base und Säure bestehen, letzterer betrachtet sogar schon das Glas als ein Salz. Aber vor allen seinen Zeitgenossen glänzt der geistreiche Hob. Boyle, der neben vielen Entdeckungen in der Physik der Gründer der analyt. Chemie wurde, die Chemie auf Physiologie anwandte und sich vom alchemistischen Treiben freihielt. Er stellte auch eine Corpusculartheorie (Atomentheorie) auf und erkannte, dass die Verkalkung der Metalle und das Verbrennen von Schwefel im luftleeren Räume nicht erfolgen könne; er war also seiner Zeit weit voraus und wie wir aus letzterer Beobachtung sehen, der Entdeckung des Sauerstoffs sehr nahe (siehe auch 2. Abtheilung, Chemiker des 17. Jahrhunderts). Wie nach einem Manne wie Boyle, dessen scharfe Beobachtungen eigentlich als Schlussstein der mittelalterlichen Chemie angesehen werden müssen, noch die Phlogistontheorie Eingang finden konnte, ist nur dadurch zu erklären, dass die Zeitgenossen die Schriften Boyles nicht lasen oder sie nicht verstehen konnten. Die eigentliche Goldmacherkunst oder Alchemie des 17. Jahrhunderts war, wenn auch zum Theil frei von der Idee der Arabischen Gelehrten „den Stein der Weisen zu finden", doch in voller Blüthe. Viele Alchemisten traten auf und behaupteten, das Geheimniss der Goldtinktur zu besitzen; waren auch ein grosser Theil nur Schwindler und Betrüger, so war ihr Treiben doch nicht ohne Nutzen für die Chemie, indem die angestellten alchemistischen Versuche zu manchen Entdeckungen, wie zur Entdeckung des Phosphors durch Brand, des Porzellans durch Böttcher, führten, andere sind jedoch nur als Betrüger und Abenteurer anzusehen, deren Zweck war, Fürsten und reiche Privatleute auszubeuten und sich dann aus dem Staube zu machen, wie Laskaris und Consorten. Harte Strafen trafen oft die Betrüger, ja sie mussten ihre Betrügereien mit dem Leben büssen. Ausführlicher findet man die Geschichte der Alchemie in Kopps Geschichte der Chemie und Berzelius Chemie abgehandelt. Aus dem 17. Jahrhundert sind noch folgende Aerzte anzuführen, die für die Entwicklung der Pharmacie von Bedeutung waren: ■■■■■■■■■■■■m 22 Joh. Bolin, Joh. Wolf gang Wedel, Thom. Sydenham Meyse Oharas, Mich. Ettmüller, Joh. Jacob Becher. Von den Chemikern, die meist aus der Schule der Medicin oder Pharmacie hervorgingen, sind zu nennen: Kunkel von Löwenstern, Nicol. le Febure, Nicolaus Lemery und dessen Sohn I^udw. Lemery, Jac. leMort, Pierre Seignette, Wilh. Homberg, Gian Girolamo Zanichelli, Joh. Conr. Barchhusen, Gotlfr. liothe, Joh. Fried. Böttcher. Von den Physikern des IG. und 17. Jahrhunderts sind ausser dem oben angeführten grossen Astronomen Nicol. Copernicus noch zu nennen: Joh. Keppler, William Gilbert, Tycho de Brahe, Franzis Baco von Verulam, Galileo Galilei, Cornelius Drebbel, Salomon de Caus, Iienatus Carthesius, Mariotte, Christian Huyghens, Gotlfr. Wilh. von Leibnilz, Denis Papin, Ehretifr. Walter Graf von Tschirnhausen, Isac Newton, Fvangelista Torricelli. Die Botanik, damals Kräuterkunde genannt, wurde bis zur Zeit der Reformation fast nur im Dienste der Medicin cultfvirt, ausser den Aerzten waren es einige Klosterbrüder, die in dem harmlosen Pflanzenleben einen Ersatz für die Lehre und strenge Zucht des Klosterlebens fanden; sie suchten in der Umgegend des Klosters meist jedoch nur solche Pflanzen, durch die sie den Kranken der Umgegend Linderung verschaffen konnten und zogen in ihren Gärten einige Zierpflanzen um das Auge ihrer Vorgesetzten zu erfreuen oder baueten medicinische und Küchenkräuter. Hin und wieder finden wir auch einen Gärtner eines grossen Herrn, der fremde Pflanzen in seiner Heimath zu ziehen versucht. Beschreibungen einheimischer Gewächse erschienen häufig mit Holzschnitten, so von Otto Brunfels, Hyronimus Bock, Leonh. Fuchs, Conr. Gessner, welcher Letzte zwei grosse Werke über Thiere und Pflanzen schrieb; in den botanischen Werken aus dieser Zeit finden sich schon Spuren von Analysen der Blumen und Früchte, sowie auch ein Streben nach einer Anordnung der aufgezählten Pflanzen. Am Ende des 16. und am Anfange des 17. Jahrhunderts waren ausser den eben genannten Männern noch für die Botanik besonders thätig: Joh. Th. Tabernaemontanus (aus Bergzabern), Joh. und Casp. Bauhin, letzter suchte schon Ordnung in die Synonymik zu bringen, Rembert Dodonäus schrieb über Pflanzen der Niederlande, Math. Lobel und William Turner über Pflanzen Englands, Charles de l'Ecluse, ein Franzose, beschrieb verschiedene Pflanzen aus veischiedenen Gegenden Deutschlands sehr gründlich und genau, Andr. Laguna schrieb nicht allein über Synonymik, sondern gab auch Beschreibungen ausländischer Pflanzen, namentlich der Amerikanischen Flora. Die Pflanzen des Orients, deren Sammlung und gründliche Beschreibung verdanken wir den reisenden Botanikern Pierre Belon, Melchior Wieland und Leonh. Rauwolff. 23 In Italien werden botanische Gärten (horti medici) errichtet, welche Gelegenheit zu gründlichem Studium der einzelnen Pflanzen gaben. Die Sucht jedoch, die alten Pflanzen Griechischer Schriftsteller wiederzufinden, brachte nur Verwirrung in die Nomenclatur. An eine systematische Anordnung war nicht zu denken; man theilte die Pflanzen in Kräuter, Sträucher und Bäume; Lobel unterscheidet jedoch schon Labiaten, Leguminosen und Compositae; Gessner ging schon weiter, er suchte die Verwandtschaften in den Blumen und Früchten. Andr. Cäsalpinus wurde von Linne der erste wahre Systematiker genannt; er benutzt zur Eintheilung Blüthe, Frucht und Saamen. Um die Terminologie und Systematik hat sich ausserdem Joachim Jung verdient gemacht. Morisson, ein Schottländer, stützte sein System auf die Frucht, desgleichen John Ray (Wray), Paul Amnion, Paul Herrmanu und Boerhave. Eines der vollständigsten Systeme stellte Quirin llivi- nus in der Mitte des 17. Jahrhunderts auf und machte sich besonders um Feststellung der Gattungscharactere verdient. Der Philosoph Leibnitz macht auf die Wichtigkeit des Geschlechts der Pflanzen aufmerksam. Alle bis zu dieser Zeit zu Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts aufgestellten Systeme waren höchst ungenügend, den meisten Anklang fand erst das System des Johann Pillon genannt Tournefort, dasselbe basirte, wie das von llivinus auf genaue Untersuchung der Blumenkrone, wobei die Form der Blumenblätter zur Unterscheidung benutzt wird; auch T. suchte die Gattungen fester zu begründen, indem er sie unter einen Gattungsnamen zu bringen suchte, die Geschlechter der Pflanzen aber anzuerkennen, widersetzte er sich. Pierre Magnol war einer der Ersten, der bei Aufstellung seines Systems auf die natürliche Verwandtschaft der Pflanzen Rücksicht nahm, nach ihm muss jede Familie ein bestimmtes Kennzeichen besitzen. Besonders reich ist diese Zeit, nicht allein an Beschreibungen von Pflanzen aussereuropäischer Länder, sondern namentlich an Specialfloren und Monographien, die viel zur näheren Oha- racteristik einzelner Pflanzengattungen beitrugen. Die Cryptogamen waren bis zu Ende des 16. Jahrhunderts ganz vernachlässigt, nun fing man an, auch diese in Betrachtung zu ziehen und waren da besonders der Holländer Jonghe (derselbe schrieb über den Thallaspilz) und der Italiener Ciccarelli (er schrieb über die Trüffeln) thätig. Das erste System über die Cryptogamen stellte Cäsalpin auf, doch stehen die Beobachtungen über die Cryptogamen noch so vereinzelt da, dass man erst Antonio Micheli und Job. Jacob Dillenius zu Anfang des 18. Jahrhunderts als eigentliche Begründer der Lehre von den Cryptogamen ansieht, Letzter beschrieb und illustrirte an 1000 Arten. 24 Um die Pflanzenanatoinie war es bis zu Anfang des 18. Jahrhunderts noch schwach bestellt. Adrian Spiegel lieferte jedoch, wenn auch einen dürftigen Beitrag zu Ende des 17. Jahrhunderts, er war es aber, der das Wesen der Intercellulargänge und ihrer Säfte erkannte. Was das Leben der Pflanze anbetrifft, so ist es interessant, dass der Engländer Kenelme Digby schon die Wichtigkeit der Salze für das Wachsthum der Pflanzen anerkennt. In diese Zeit, Ende des 17. Jahrhunderts, fällt auch die Entdeckung des Mikroskops von Zachariae Jansen, dasselbe fand nun zur Beobachtung dos Pflanzenbaues vielfache Anwendung; namentlich durch Robert Hooke, dieser entdeckte so die Saftgänge der Pflanzen und untersuchte das Zellgewebe. Die Lehre des Kreislaufs des Blutes der Thiere wendet man auch auf den Kreislauf des Saftes der Pflanzen an. Die Pflanzenanatomie und Physiologie fanden in dem Engländer Nehemiah Grew, dem Italiener Marcellus Malpighi und dem Holländer Anton von Leeuwenhoek Bearbeiter. Grew lieferte ein vollständiges Handbuch der Pflanzenanatomie in ihren Beziehungen zur Physiologie; Malpighi förderte die vergleichende Anatomie und Leeuwenhoek war der genaueste Mikroskopiker und noch thätiger für Zoologie als für Botanik. Durch die Bemühungen dieser 3 Forscher wurde der einfache Bau der Pflanzen aus rundlichen, langgestreckten, geschlossenen, nicht in einander mündenden Zellen, welche durch ihre Vereinigung ein Zellgewebe bilden und in Kügelchen und Bläschen ihren Ursprung haben, bewiesen und daher die Verschiedenheit des pflanzlichen und thierischen Körpers ins helle Licht gestellt. Grew zeigte, dass der Pollenstaub zur Befruchtung diene und verfolgte die Entwicklung des Saamens. Von grosser Wichtigkeit wareji die Befruchtungsversuche von Rud. Jac. Camerarius (1694), wurden aber nicht nach ihrem Werthe gewürdigt. J. H. Burekhard zeigte die Aehnlichkeit der Staubgefässe in verwandten Arten und machte auf sie zur Eintheilung der Pflanzen als höchst wichtig aufmerksam. Ausser genannten Botanikern sind noch zu nennen: Sir Hans Sloane, Joh. Jac. und Joh. Scheuchzer, Peter Anton Michaeli, 11. P. Ruppius, Joh. Jac. Dillon, Eurich Cor- dus, Joh. Thal, Peter Andr. Mathiolus, Prosper Alpinus, Joachim Camerarius, Ludwig Jungermann, Basilius Bester, Barihol. Ma- ranta, Ganzala Hernandez, Bernard Cienfugos, Nicolai Monar- des, Garcius ab horto, Christoph und Joseph a Costa, Franziscus Lopez de Gomera, Thomas Johnsohn, Joh. Löset, J. G. Volk- kamer, Georg Eberh. Rumpf, Engelbert Kämpfer, Ludioig Fuille, Paul Bocco oder Sylmus, Pierre Magnol, Leonh. Pleukert, Carl Plumier, Jac. Peliver, Will. Sherard, Sebast. Vaillant, Georg Joh. Kamel fCamellusJ, Joh. Commelin. Die Zoologie fand erst im 17. Jahrhundert mehre Bearbeiter, unter denen wir nur den für Physiologie der Thiere und Pflanzen M^H 25 thätigeu Anton Leeuwenhoek, sowie den für Anatomie thätigen Swammerdamm und Frau Marie Sybille Merlan hier nennen wollen. Auch die Mineralogie machte wenig Fortschritte. Als Begründer der Metallurgie muss jedoch Georg Agricola (Bauer) angesehen werden und sind als hervorragende Mineralogen nur zu nennen: Lazerus Erker und Joh. Mathesius. 6. Periode. Zeitraum der Phlogistontheorie. Bis zur Begründung der ersten chemischen Theorie, der Siahrsehen Phlogistontheorie, konnte die Chemie noch nicht Anspruch auf das Prädicat Wissenschaft machen, und sah es auch da noch sehr traurig mit der Wissenschaftlichkeit derselben aus. Thatsache ist, dass, als die Chemie mehr wissenschaftlich betrieben wurde, die Aerzte mehr und mehr diese und die Pharmacie vernachlässigten und sich von deren Ausübung entfernten, theils weil ihnen das Feld zu gross wurde, theils weil auch Anatomie, Pathologie und Physiologie sie mehr in Anspruch nahmen. Wir begegnen daher von dieser Zeit an auch einer grössern Anzahl Pharmaceuten, die sich n# Eifer nicht allein dem Studium der Chemie, sondern auch der Botanik zu widmen anfangen. Bis zur letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts standen die meisten chemischen Errungenschaften noch vereinzelt da, an eine allgemeine Theorie, oder eine systematische Eintheilung chemischer Elemente oder Verbindungen dachte Niemand, selbst die Versuche hiezu, welche Robert Boyle, Becher und Lemery machten, fanden wenig Beifall, bis Stahl, angeregt durch Bechers Schriften, die Bahn brach und mit seiner Phlogistontheorie an das Licht trat. Stahl, reich an Ideen, aber die Gase, auf welche schon • Robert Boyle und van Helmont aufmerksam gemacht hatten, nicht berücksichtigend, gründete die Theorie vom Phlogiston und setzte sich diese Idee bei ihm so fest, dass er — der den Gebrauch der Waage noch nicht zu würdigen verstand — die Gebrechlichkeit seiner Theorie nicht zu erkennen im Stande war. Aber auch Stahls Zeitgenossen verfielen in den gleichen Fehler und konnten deshalb die Phlogistontheorie nicht bekämpfen oder nur finden, dass dieselbe auf thönernen Füssen ruhe und so lag diese ein volles Jahrhundert wie ein Alp auf den Chemikern des 18. Jahrhunderts; eine nicht geringe Schuld hiebei trägt jedenfalls auch die Alchemie, von der sich der grösste Theil der Chemiker nicht loszureissen vermochte, deren grösster Fehler 26 gerade Geheimtlmcrei und dunkele Sprachweise war. Wie Geheimmittelkrämer unserer Tage ihre Mittel mit pomphaften Auschmückungen anpreisen, so war es damals mit jedem neu entdeckten Stoffe; jeder wollte dadurch seine, in Rauch aufgegangenen Reichthümer wieder einholen, der neue Stoff wurde darum als Arcanum verkauft und zeichneten sich darin auch damals vor allen Nationen die Franzosen aus. Es ist schon dagewesen und wird noch oft wiederkehren, dass, je ahenteuerlicher eine Idee ist, desto mehr Eingang findet sie bei dem grössten Theile der Menschheit, wir finden das nicht nur in den Zeiten, in welchen man an Hexerei glaubte und die Hexen verbrannte, sondern auch in den Zeiten, in denen die Menschheit sich mit grosser Aufklärung briistete; denken wir nur an den Schwindel der Magnetiseure, Hahnemanns enorme Wirkungen der 30sten Potenz, das Tischrücken u. s. w. Nirgends aber hatte der Aberglaube festere Wurzel gefasst, als in dem alchemistischen Treiben, weil die Alchemie sich bis zu ihrem Ende nicht aus der brüderlichen Umarmung der Magie loszureissen vermochte, kein Wunder, dass dem Phlogiston — diesem leichtmachenden Stoffe — Beifall geklatscht wurde. Die StahVschc Phlogistontheorie war eine Theorie der Verbrennung, deren Aufklärung allerdings für die Chemie von hohem Interesse war, das Wort Phlogiston war dem Griechischen entnommen und bedeutet Brennstoff, ein entzündliches Wesen (Kohlenstoff, Wasserstoff) hiess phlogistirte Luft, brennbare Luft, phlogistiren hiess einen Stoff mit brennbarer Luft versehen, antiphlogistisch wurde zu LavoisiÄs Zeit das dieser Lehre entgegen gesetzte genannt. Der Cardinalpunkt der Phlogistontheorie war: Wenn ein Metall verbrennt, z. B. Blei, so enllässt es Phlogiston und wird dadurch zu Metallkalk (also zu Oxyd), glühet man einen, an Phlogiston reichen Stoff {Kohle) mit an Phlogiston armen, {Bleikalk) so nimmt letzterer das Phlogiston auf und wird zu Metall -{Blei), die Metalle sind also Phlogislonverhindungenl Obgleich schon einige Chemiker (Jean Ray und Boyle) auf die Gewichtszunahme beim Verkalken der Metalle hingewiesen hatten, so gab man doch darauf wenig, denn das Phlogiston stand ja felsenfest, die Phlogistontheorie war zu tief in den Geist der Chemiker eingedrungen, kein Zweifel konnte und durfte dagegen erhoben werden! man suchte in späterer Zeit das Leichterwerden durch Zutritt von Phlogiston dadurch zu erklären, dass man demselben eine leichter machende Eigenschaft — also eine negative Schwere — zuschrieb. Als ein grosser Uebelstand jener Zeit muss es angesehen werden, dass sich Physiker und Chemiker schroff gegenüber standen ; die ersteren fürchteten ihre Ehre aufs Spiel zu setzen, wenn sie sich die Hände mit, Kohlen besudelten und sahen aus diesem Grunde (und weil die Chemiker meist fremd in der Mathematik waren) mit Stolz und Verachtung auf die Chemiker, bei denen 27 das Kohlenfeuer die erste Violine spielte, herab; Dumas (Philosophie der Chemie) lässt Lefevre sagen: die Physiker begnügen sich ihren Grad auf einer Universität zu erlangen, auf welcher sie sich mit ihrem Rocke, ihrer Perruque, ihrem Pergamente und Siegel brüsten, der Chemiker bleibt aufmerksam bei den Gefässen seines Laboratoriums und zergliedert mühsam, um zu erforschen, was die Natur Schönes unter ihrer Schale verborgen halte*). Stahl venvirft die Elemente des Aristoteles und sucht nach unzersetzbaren Stoffen, die er als wahre Grundstoffe in der Chemie anerkannt wissen will; dieser Ausspruch muss als wahrer Fortschritt anerkannt werden. Das Feuer ist das wichtigste Agens beim Aufsuchen von Elementen. Stahl kannte die Verwandlung der Metallkalke in Metalle sehr wohl, hatte aber eine falsche Ansicht vom Vorgange dabei, die Metalle waren also, nach seiner Ansicht keine Elemente, wol aber die Metallkalke; er sah da eine Verbindung, wo Lavoisier später ein Element annahm und umgekehrt, hätte er Metall und Metallkalk gewogen, so hätte seine Theorie zusammenfallen müssen, da ein leichtmachender Stoff ein Unding ist und sein muss. Dass Stahl wirklich eine Gewichtsabnahme bei der Reduction des Bleikalks wahrgenommen habe, wie Dumas aus seinen Schriften entnehmen will, ist nur wahrscheinlich bei der Annahme, dass dasPhlo- giston seinen Geist so beherrscht habe, dass er diesem Phantome zu Liebe seine Vernunft gefangen gab; ein Beispiel, das nicht vereinzelt in der Geschichte der Wissenschaft dasteht. Heut zu Tage hat das Phlogiston nur noch geschichtlichen Werth. Wenn auch reich an Ideen, doch verworren in Sprache und Ausdruck ist Stahls Hauptwerk „seine physica subterranea" (Ausspruch Du-* mas). Sehr wichtig für die Theorie der Chemie sind die Arbeiten über die chemische Affinität der Stoffe, deren Erforschung sich besonders Torbern Bergmann, Berthollet, Kirwan, E. F. Geoffroi u. m. A. angelegen sein Hessen. Von den Aerzten und Chemikern dieser Periode sind neben Stahl als die hervorragendsten zu nennen: Fried. Hoff'mann, Herrmann Boerhave, Joh. Conrad Dippel, Stephan Haies, Joh. Fried. Henkel, Aug. Frobcnius, Joh. Adrian Helcetius, Abrah. Vater, Herrm. Fried. Teichmeyer, Joh. Heinr. Pott, Joh. Hallot, Georg Brandt, Henry Louis Duhamel, Joh. Alb. Gessner, Joh. Fried. Cartheuser, Arthur Conr. Ernsting, *) Wie schön passst doch dieser Ausspruch Lefevres auf das Ver- hältniss der Faeultätsdoctoren und Pharmaceuten einer neueren Zeit, einer Zeit in welcher man annahm, dass ohne Griechisch und Latein keine Gelehrten existiren könnten; dass gründliche naturwissenschaftliche Kenntnisse, welche der Pharmaceut sich erwerben muss, als eben so bildend wie die classisehen Studien anzusehen seien, konnte man zuzugeben sich nicht entsehlicssen. Im 16. Jahrhundert freilich, wo gelehrte-Bücher meist in lateinischer Sprache geschrieben und die Gelehrsamkeit aus Griechischen Schriftstellern geschöpft wurde, wo die Pharmaceuten höchst selten die Universität — die einzigen Pflanzstätten der Gelehrsamkeit — besuchten, lagen die Verhältnisse anders als heut zu Tage. HHBHHW^^SBHBBiHHHBjWIWWBHP 28 Joh. Jac. Kirsten, Pierre Joh. Macquer, AI. Friedr. Kronsted, Joh. Reinhold Spielmann, Goulard, Jean H'Arcel, Joh. Aug. Unzer, Joh. Black, Felix Fontana, Henry Cavendisch, Joh. Priestlvy, Torbern Bergmann, Louis Bernh. Guyton de Morveau, Thomas Fowler, Joh. Jac. Plenek, Carl Fried. Wenzel, Jac. Andr. Weber. Von den Apothekern jener Zeit sind zu nennen: Etienne Francois Geoffroy, Claude Joh. Geoffroy , Caspar Neumann, Friedr. Gottl. Haupt, Joh. Heinr. Linck der Vater, Joh. Georg Gmelin, Joh. Conrad Gmelin, Joh. Georg Gmelin jun., Philipp Fried. Gmelin, Guillaume Francois Rouelle senior und Hillair Marie Ilouelle jun., Joh. Friedr. Meyer, Andr. Sigism. Markgraf, Joh. Georg Model, Joh. Philipp Becker, Marie Hilair Vilaris, G. Ludw. Claude Rousseau, Pierre Bogen, Antoine Baume, Joh. Franz Demachy, Louis Claude Cadet de Gassancourt, Joh. Christian Wiegleb, Carl Fried. Meyer, Ant. Louis Brogniart, Joh. Heinr. und Joh. Wilh. Linck, Sebast. Buchholz, Thom. Henry, Valent. Rose, Heinr. Christ. Ebermeyer, Ant. Aug. Parmentier, Barth. Georg Sage, Carl Wilh. Scheele. Die Physik fand in dieser Zeit tüchtige Bearbeiter, es sind unter denselben zu nennen: Rene Ant. Ferchaull de Reaumur, Rob. Symmer, Gabr. Dan. Fahrenheit, Joh. Nie. Delisle, Gebrüder Johann und Peter von Mouschenbrock, Joh Andr. von Segner, John Holland, Peter Holland, Benj. Franklin, Chales Marie de la Condamine, Leonh. Euler, Joh. Nathanael Lieberkühn, Joh Gottl. Leidenfrost, William Waison, Jean DAlambert, Mathurin Jacq. Brissou, Jean Andr. Deluc, Jan Ingen-Houss, Charles Aug. Coulomb, James Watt, Luigi Gahani, Friedr. Wilh. Herschel, Horaz Bened. de Saussure, Jean Senebier. 7. Periode. Zeitraum von Linnes Reformation in der Naturgeschichte, namentlich in der Botanik. 17. Jahrhundert. Das Auftreten Linnes brachte eine grosse Umwälzung in der Naturgeschichte, besonders der Botanik hervor. War man bis zur Zeit dieses grossen Forschers, trotz den Bemühungen vieler seiner Vorgänger, nicht sehr glücklich in der system. Anordnung gewesen, so musste Linnes, auf die Geschlechts- oder Fort- pflanzungsorgane gegründetes System — Linnes Sexualsystem — mit Begeisterung aufgenommen werden, da es alle bis dahin angestellten Versuche zur Classificirung der Gewächse durch Einfachheit und Sicherheit weit übertraf. 29 Bis zu dieser Zeit hatte man den Fortpfianzungsorganen der Gewächse noch sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt, Linnes ordnender Geist erkannte erst die Wichtigkeit dieser für die Classification der Pflanzen höchst brauchbaren Organe. Seine Diagnose der Gattungscharactere war scharf, kurz und klar; was seine Vorgänger mit langen Beschreibungen zu erreichen suchten, fasst er in wenigen Worten zusammen, indem er eine feste Terminologie einführte. Linne theilte die Pflanzen erst in 2 grosse Hauptabschnitte: A. In Phanerogamen, diese zerfielen in a) monoklinisoke (Pflanzen mit Zwitterblüthen), b) diklinische (Pflanzen mit getrennten Geschlechtern). B. Kryptogamen (undeutlich oder heimlich blühende). Die Phanerogamen zerfielen in 23 Classen, die nach der Zahl (Classe 1—13), dem Längenverhältnisse (Classe 14 und 15), der Verbindungsweise (Classe 16—19) der Staubgefässe eingetheilt wurden, jede Classe zerfiel wieder in mehre Ordnungen. Auch bei den Kryptogamen führte er Unterabtheilungen ein. Die Forschungen Linnes erstreckten sich aber nicht allein auf die Pflanzen, auch für die Thiere versuchte er eine systematische Efntheilung zu ergründen. Doch auch das Linne'sche System fand Gegner, so in dem vielseitigen Albrecht von Haller, der höchst conservativ sich mit den Neuerungen Linnes nicht befreunden konnte, jedoch verhallten seine Einwürfe. Ehe wir den Einfiuss betrachten, den Linnes Forschungen auf die Entwickelung der Pharmacie ausübten, müssen wir untersuchen, wie es mit letzterer nach der Gründung des antiphlogistischen Systems durch Stahl stand. Wenn auch die Pharmacie dieses Zeitraums durch die vielen von den Aerzten bearbeiteten Dispensatorien, was die Anzahl von namentlich zusammengesetzten Arzneimitteln — sowol Gemengen als chemischen Verbindungen — anbetrifft, so wurde die Zahl derselben wol vermehrt. Die Vorschriften, besonders der chemischen Präparate, aber zu verbessern, war die Hauptaufgabe der Apotheker des 18. und 19. Jahrhunderts und kann denselben das Zeugniss nicht verweigert werden, dass sie nach dieser Richtung hin (wenn auch nur Einzelne) nicht unthätig waren; im 18. Jahrhundert gehen aus der Schule der Pharmacie der grösste Theil der gediegensten Chemiker hervor, die da treulich halfen die neue, für die Chemie wichtigste Zeit heraufzubeschwören, und bot kein anderer Stand ein so grosses Contingent für die Chemie als die Pharmacie. Die Apothekerordnungen der meisten Staaten verlangten in dieser Zeit strenge Ueberwachung des Apothekers, wofür ihm aber auch viele Rechte eingeräumt wurden. Da diese Ueberwachung jedoch den Aerzten übertragen war, so existirte sie meist nur auf dem Papiere, in Wirklichkeit nicht, weil diesen Herren die Praxis der Pharmacie und die richtige Einsicht in das Geschäftsgetriebe abging; demnach ist das Streben nach Ordnung und Pünktlichkeit mammmmmmmmm 30 in den Geschäften aus jener Zeitperiode nur das Verdienst der Apotheker selbst. Mit der Wissenschaftlichkeit dieser Herren sah es aber im Allgemeinen noch sehr schwach aus, welcher Mangel wol meist in der schlechten Ausbildung der Gehülfen und Lehrlinge zu suchen ist, für die herzlich wenig gethan wurde. Nicht unerwähnt darf es bleiben, was unter Peter dem Grossen von Russland für die Pharmacie von Seiten der Regierung gethan wurde. Dieser grosse Monarch, die Wichtigkeit der Pharmacie erkennend, hatte bei seinen umfassenden Plänen für das Riesenreich nicht allein für die pharm. Gesetzgebung noch Zeit, er trug auch Sorge, dass in Moskau nur so viel Apotheken angelegt wurden, dass die Besitzer auch ihr sicheres Brod finden möchten, wie im Befehle ausdrücklich gesagt wird. Der grosse Monarch hatte die Wichtigkeit der Apotheken und ihre Einrichtungen in cultivirten Staaten kennen gelernt; so entstanden nun in der Zeit von 1701 bis 1713 in Moskau 8 Apotheken; jeder, der die Erlaubniss hatte, eine dieser Apotheken anzulegen, erhielt einen Bauplatz, ohne dafür zahlen zu müssen, angewiesen, auch wurde ihm ein, auf Pergament geschriebenes Privilegium ausgestellt*). Die Besitzer der Apotheken durften alle Medicamente mit Ausnahme von Wein und Giften verkaufen, sie standen unter der Gesandtschaftsbehörde und war ihnen erlaubt, Medicamente zollfrei aus dem Auslande kommen zu lassen. Diese H Apotheken Moskaus wurden von folgenden Herren errichtet: 1701 Johmin Gott fr. Gregorius, derselbe hatte die Pharmacie in Deutschland erlernt. Kaiserliche Majestät beehrte diesen ersten Besitzer einer freien Apotheke in Moskau mit seinem Besuche. 1703 Daniel Hurzin und Gabriel Sauls. 1704 Jessin Arnkiel. 1709 Alexei MerJmlew. 1712 Abraham Ruth und Gawrila Bischewky. 1713 Albert Georg Zander**). Nach dieser Schilderung der pharm. Verhältnisse in Russland wenden wir uns der auswärtigen Pharmacie wieder zu. Linnes Auftreten war für die Entwickelung der wissenschaftlichen Pharmacie von grosser Bedeutung. Nachdem die Botanik durch denselben eine mehr wissenschaftliche Basis bekommen hatte, sehen wir die Pharmaceuten sich eifriger mit dem Studium derselben beschäftigen. Wir finden *) Sollten in Moskau nicht noch solche Privilegien im Original exi- stiren? es wäre gewiss interessant, diese nach ihrem Wortlaute einmal den Lesern der Petersburger Zeitschrift vorzuführen. **) Aus den hier angeführten Namen ist zu ersehen, dass nicht allein Deutsche,_ sondern auch Russen (Merkulew), Polen (Bischewsky) und Juden (Ruth) Privilegien erhielten, wie sich nicht anders von dem freidenkenden Peter I. erwarten Hess; es ist also ein Märchen, dass Peter I. nur Deutschen Privilegien ertheilt habe. i*m 31 in dieser Zeit Pharmaceuten, die durch Wort und Schrift die Botanik zu fördern suchten, namentlich aber ihre Lehrlinge zum Studium derselben anhalten, wodurch diese aus den Banden des mehr handwerksinässigen gerissen werden und an der Botanik Geschmack finden. Schon der Aufenthalt in der freien Natur (denn nur da ist das botanische Studium möglich) wird den jungen Männern, die die Aussenwelt kaum einen Feiertag, kaum durch ein Fernglas, nur von weitem kannten, zur Wohlthat und zum Sporn. Ernst Wagners Ausspruch in den reisenden Malern findet in dieser Zeit Anwendung, dieser Ausspruch lautet: Wenn ein Virtuose sich auf einem Instrumente hören lässt, finden sich Liebhaber für dasselbe, solch ein Virtuos nun war Linne! Damit aber dem Geschäfte kein Abbruch geschähe, musste der Lehrling in der Sommerzeit einige Stunden des süssen Morgenschlafs opfern, um mit der Botanisirtrommel auf dem Rücken die Kinder Floras aufzusuchen, nach Hause zu bringen, in den geschäftlich stillen Stunden des Tages dieselben unter Aufsicht des Principals zu bestimmen und sie seinem Herbarium einzuverleiben*), so erzählt ein alter Apotheker des 18. Jahrhunderts (Martius sen.). Aus der 7. Periode sind neben Carl von Linne zu nennen: Albr. von Haller, Joh. Gottl. Gleditsch, Joh. Ant. Scopoli, Joh. Gerh. König, Fuse Aublet, Joh. Heinr. und Georg Forster, Nie. Joh. von Jacquin, Mich. Adanson, Joh. Hedwig, Carl Ludw. Her euer de Brutelle, Ant. Joh. Cavanilles, Joh. Jac. Römer, Paulus Alsteri, Olof Schioariz, Jac. Ediv. Smith, Wilh. Aiton , Joh. von Laureiro, Marl. Vahl, Fried. Stephan, Dan. Jose Cölestin Mutis, E. H. Persoon, Franz Masson, Peter Simon Pallas, Andr. Joh. Retzius, Joh. Chr. Dan. Schreber, Joh. Banks, Will. Curtis, Carl Pet. Thunberg, Sam. Gottl. Gmelin, Fug. Joh. Fsper, Erich Acharius, E. P. Ventenat, Franz von Waldstein, Hippel. Ruitz, Joh. Pavon, Andr. Michaux, Ant. de Petit Thouars. Die Mineralogie wurde meist von den Chemikern dieser Zeit gefördert, ausser diesen sind nur noch zu nennen: Joh. Gottschalk Wallerius, Joh. Röbuck und Joh. Ernst Eman. Walde. Unter den Zoologen dieser Zeit strablt vor allen Graf Georg Louis Leclerc Buffon auch sind die, unter den Botanikern schon angeführten v. Schreber (Botaniker, Zoolog und Mineralog) und Peter Simon Pallas, sowie der Englische Arzt Erasmus Darwin (mehr Philosoph als Naturforscher) und der Zoolog Rösel zu nennen. Ehe wir zu der für die wissenschaftliche Entwicklung der *) Ein nachahmungswürdiges Beispiel, das sich die jüngere Generation zum Muster nehmen sollte, denn leider vernachlässigt diese die Botanik heutigen Tages zu häufig, weil die Chemie mehr Vortheile für das spatere praktische Leben verspricht. 32 Pharmacie, mau kann mit Recht sagen, zu ihrem höchsten Glanzpunkte übergehen, müssen wir die Thätigkeit zweier Männer, die höchst verschieden in ihrem Bildungsgrade und Lebensstellung waren, näher ins Auge fassen, da ihr Wirken als die Basis angesehen werden muss, auf welcher das neue, von Lavoisier aufge- gestellte Gebäude ruhete, diese beiden Männer sind: Joseph Priestley, dieser war der erste Entdecker des Sauerstoffgases, welches Gas er dephlogisirte Luft nannte; er erkannte, dass dasselbe von den lebenden Pflanzen ausgehaucht werde, so dass die, durch den Lebenprocess verdorbene Luft durch den Vegetationsprocess vei'bessert werden könne. Aber auch viele andere Gasarten zog Priestley in den Kreis seiner Beobachtungen und legte sie 1780 in seinem Werke: Beobachtungen über verschiedene Luftarten, nieder. Priestley war einer derjenigen Cha- ractere, die man zerfahren nennt; diesem Character entsprechend waren auch seine Arbeiten, er suchte hier und da, fand hier eine Perle, dort eine, wusste sie aber nicht an einander zu reihen, deshalb erscheint jede Entdeckung desselben als gross, im Ganzen aber weniger wichtig wie die Entdeckungen Scheeles, bei dem sich eines aus dem andern zu ergeben scheint, eine Beobachtung die Stufe wird, auf welcher er seiuen Gesichtskreis erweitert. Priestley sagt selbst von sich, dass er nicht Chemiker sei und seine Entdeckungen nur durch Zufall gemacht habe, darum konnte er auch die von andern gemachten Entdeckungen nicht ausnutzen und seinen Beobachtungen anreihen, wodurch sein Gesichtskreis immer höchst beschränkt blieb. Das muss auch als Grund angesehen werden, dass er noch bis zu seinem Tode, wo alles die Phlo- gistontheorie verlassen hatte, fest an derselben hielt. Der zweite dieser Männer ist Carl Wilh. Scheele (oder Scheel), Apotheker einer kleinen Schwedischen Stadt (Köping), der mit geringen Schulkenntnissen ausgerüstet, mit den einfachsten Apparaten (Medicingläser und Schweinsblasen als Gasreservoire) die Welt mit seinen Entdeckungen in Staunen setzt. Auch Scheele entdeckte, ohne von Priestleys Entdeckung Kenntniss zu haben, das Sauerstoffgas ein Jahr nach letzterem, er entdeckt aber auch das Chlor, das er jedoch für Salzsäure hält, der das Phlogiston entzogen sei. Daher der Name dephlogisirte Salzsäure, ferner die Flussspath- und viele organische Säuren, das Mangan, den Baryt und die Molybdän- und Wolframsäure. Das von ihm entdeckte Sauerstoffgas nannte er Feuerluft und erkannte dessen Notwendigkeit beim Verbrennen organischer Körper. Scheele führte eine grosse Anzahl Arbeiten in einem Zeitraum von 17 Jahren mit grosser Gründlichkeit aus, alles wurde erst genau geprüft, ehe es in die Welt geschickt wurde, so dass er niemals etwas zu widerrufen genöthigt war. Seine Geschicklichkeit im Experimentiren war bewunderungswürdig, seine aus den Beobachtungen gezogenen Schlüsse zeigen die wahre Logik des grossen Genies, die ruhig ihren Weg geht, ohne sich durch Nebendinge irre führen zu lassen (siehe auch 2. Abth.). »iv 33 8. Periode. Zeitraum der antiphlogistischen Chemie. Der wichtigste Zeitraum für die Chemie beginnt mit der Gründung der antiphlogistischen Theorie der Chemie von Lavoisier (die für die Entwickelung der wissenschaftlichen Pharmacie von der grössten Bedeutung wurde; waren im letzten Zeiträume die Pharmaceuten schon sehr thätig für die chemischen und botanischen Forschungen, so sehen wir von jetzt an diese Thätigkeit sich mehr und mehr für die Entwickelung der Chemie steigern, so dass aus ihrer Schule fast ausschliesslich die grössten Chemiker der Zeit herorgehen). Bis zur letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts standen die chemischen Thatsachen nur vereinzelt, ohne Beziehung zu einander da; obgleich die Phlogistontheorie schon eine annähernde Beziehung der Körper unter sich anbahnte, so war sie nicht genügend eine Erklärung, wenigstens keine klare Vorstellung vom Vorgänge beim Aufeinanderwirken der Stoffe zu geben, was erst Lavoisier durch die Gründung des antiphlogistischen Systems gelang. Vor Lavoisier war die Chemie nur ein Haufwerk praktischer Erfahrungen, ein Chaos. Lavoisiers und seiner Zeitgenossen Streben ging nun erst dahin, aus den vereinzelten, durch Erfahrung gesammelten Thatsachen allgemeine Schlüsse zu ziehen, um die bekannten chemischen Stoffe systematisch zu ordnen. Durch die Aufstellung dieser allgemeinen Grundsätze wurde der Chemie erst das Recht zu Theil, unter die "Wissenschaften gezählt zu werden. Diese Umgestaltung der Chemie, nennen wir sie die Reformationszeit derselben, ging aber nicht von Lavoisier allein aus, verbreitet wurde sie von Priestley und Scheele, Marggraf u. A. ^willkürlich erinnern Priestley, Scheele und Lavoisier, die durch J^and und Meer getrennt waren, an die Reformatoren der christlichen Kirche: Calvin, Zwingli und Luther, wie diesen ein Huss, gmg jenen ein Rogger Baco, Raymundus Lullius und Nie. Lemery voran. Lavoisier, mit gründlichen philosophischen, mathematischen und physikalischen Kenntnissen ausgerüstet, konnte aber nur bei seinen Arbeiten so glänzende Resultate dadurch erhalten, dass er sich der Waage, und zwar einer höchst genauen, bediente, ein Instrument, das seine Vorgänger nie oder selten in Gebrauch gebogen hatten. Nur durch den Gebrauch der Waage war Lavoisier lr n Stande folgende Sätze, die als Fundanientalsätze seiner Theorie Zu betrachten sind, aufzustellen: 1) Der von Priestley und Scheele entdeckte Stoff — die Le- oensluft — verbindet sich mit einigen Elementen, wie z. B. mit Kohlenstoff, Schwefel, Phosphor zu Säuren; deshalb nennt er diesen "ton Sauerstoff, Oxygenium. 34 2) Die meisten Metalle verbinden sich mit Sauerstoff zu Metallkalken, die er deshalb Oxyde nennt. Beim Erhitzen des Quecksilberoxydes zerfällt dieses in Quecksilber und Sauerstoff. 3) Das Wasser besteht, wie schon Cavendich angegeben, aus Sauerstoff und Wasserstoff, dass man also beim Verbrennen von Wasserstoff im Sauerstoffe Wasser erhalte. Lavoisiers Wahlspruch war: Nichts geht verloren, nichts wird ursprünglich erzeugt! ein Satz, der für die später zur Entwicklung kommende Lehre von der Stoechiometrie von grosser Tragweite war. Schon vor der Entdeckung des Sauerstoffgases übergab La- voisier der Akademie am 1. Novbr. 1772 folgende Nota: Phosphor sowol als auch Schwefel geben beim Verbrennen Säuren, die mehr wiegen, als Phosphor oder Schwefel zum Verbrennen genommen wurden; diese Gewichtszunahme rührtvon der Fixation einer gewissen Menge Luft her, auch die Zunahme des Gewichts bei der Calcination der Metalle rührt von Fixation der Luft her! wovon ich mich auf das Bestimmteste überzeugt habe. In der That, wenn man Bleiglätte in geschlossenen Gelassen mit Kohle erhitzt, so verwandelt sich dieselbe in metallisches Blei und man kann eine Luftart sammeln, deren Volum wenigstens 1000 Mal grösser ist, als das Volum der Bleiglätte betrug. In dieser Nota rinden wir also schon die erste Idee zum Aufbau eines neuen Gebäudes, „die antiphlogistische Chemie" genannt. Die Idee war gleichsam der, in einer kühnen Federzeichnung entworfene Kiss des Gebäudes! Wäre das Sauerstoffgas nicht schon 1774 entdeckt worden, so wäre Lavoisier bei seinem Scharfsinne und seiner Beobachtungsgabe dessen Existenz nicht verborgen geblieben. Es war im Jahre 1777, als Lavoisier mit seiner antiphlogistischen Theorie hervortrat, nachdem er Jahre lang das Material zu derselben gesammelt hatte. Diese Theorie war eine Verbrennungstheorio und ruhete auf folgenden Fundamentalgesetzen: 1) Alle Körper sind in verbrennbare und verbrannte einzu- theilen. 2) Beim Verbrennen nehmen die Körper aus der Luft Sauerstoff auf, wodurch sich ihr Gewicht vermehrt und Säuren, Basen oder indifferente Körper entstehen. 3) Diese Thatsachen erhalten aber erst durch die Synthese und Analyse der atmosphärischen Luft, welche Lavoisier ausführte, Bedeutung und noch heute, nachdem die analytische Methode doch verbessert, ist die Analyse der atmosphärischen Luft, wie sie Lavoisier ausführte, nicht umgeworfen. 4) Beim Athmen wird Sauerstoff absorbirt und es entsteht durch Verbrennen (Oxydation ohne Flamme) Kohlensäure. Jeder organ. Körper verbrennt im Sauerstoffgase ebenfalls, aus dem Kohlenstoffe desselben entsteht Kohlensäure, aus dem Wasserstoffe Wasser; disser Satz wurde zur Grundlage der organischen Elementaranalyse. Lavoisier entwarf nun eine auf Experimente gestützte Tabelle Ht****! 35 über die Verwandtschaft der Elemente zum Sauerstoffe. Durch das Experimentiren mit genauen Waagen wurden obengenannte Fundamentalgesetze durch folgende Zusätze vermehrt: 1) Alle neu gebildeten Producte bei einem chemischen Pro- cesse müssen zusammen so viel wiegen als die angewandten Stoffe, überall muss die Waage den Ausschlag geben. 2) Die zusammengebrachten Stoffe und das erhaltene Resultat sind als eine algebraische Gleichung anzusehen; indem man der Reihe nach jedes Element dieser Gleichung als unbekannt setzt, kann man daraus einen Werth ziehen und so den Versuch durch den Calcul und diesen durch den Versuch berichtigen. Aus diesem Satze ersehen wir, wenn wir auf die spätere chemische Atomenlehre einen Blick werfen, wie weit Lavoisier seiner Zeit vorausgeeilt war. Bei allen Experimenten, die er anstellte, bleiben ihm noch Räthsel zu lösen, bis ihm durch die Analyse des Wassers den letzten Zweifel zu heben gelang. Nur dadurch, dass kein, auch noch so kleiner Punkt seiner scharf- und umsichtigen Beobachtung entgeht, gelingt es ihm, das Licht heraufzubeschwören, das das Dunkel der Nacht zu erhellen berufen war. Lavoisiers Auftreten verscheucht aber auch das geheimnissvolle Dunkel, in das sich die Chemiker der Vergangenheit zu hüllen berufen glaubten; theils weil sie den geheimnissvollen Schleier (oft aus Gewinnsucht) nicht lüften wollen, theils weil sie selbst mit verbundenen Augen einhergingen; aus letzterm Grunde fällt es Vielen deshalb schwer, wenn auch nicht dem alchemistischen Treiben, so doch dem Phantome des Phlogistons Valet zu sagen, an dem sie so fest halten, als ob nur in diesem das Heil zu finden sei. Lavoisiers Arbeiten erstrecken sich, ausser der Aufstellung seiner neuen Theorie: 1) Ueber die specifische Wärme der Körper. 2) Ueber den Nachweis, dass der Diamant im Sauerstoffgase erhitzt, zu Kohlensäure verbrennt, also reiner Kohlenstoff sei. 3) Ueber die Absorption von Sauerstoff beim Faulen von Excrementen. 4) Beschaffung einer neuen Nomenclatur, die mit seiner Theorie im Einklänge stand; er gab den Verbindungen Namen, die sich bis auf unsere Zeit erhalten haben, ein sicherer Beweis, dass sie scharfsinnig und richtig gewählt waren. Bei dieser Namenbildung wurde Lavoisier von Guiton de Morveau fleissig unterstützt. Erst nach Uebersetzung seines Traite de chemie, dieses höchst Rassischen Werkes, in welchem die Grundzüge seines Systems klar auseinandergesetzt waren, in das Deutsche, fand die antiphlogistische Theorie mehr Eingang in Deutschland, doch auch Gegner; diese wurden jedoch bald durch die Einfachheit und Klarheit des neuen Systems überwunden. Wie nach dem Sonnenuntergänge viele Sterne leuchten, so ging es nach dem Tode Lavoisiers und waren es namentlich die Pharmaceuten, Männer, die mit der Praxis der Chemie innig ver- - 3* 36 mm traut waren, die den Ameisen gleich am Fortbau des neuen chemischen Gebäudes arbeiteten; nachdem sie bis jetzt ihre Musestunden dem Studio der Botanik zugewandt hatten, widmeten sie sich von nun an mehr der Chemie und suchten namentlich die neue Theorie auf die pharmaceutische Chemie anzuwenden. Es gingen gerade in dieser Zeit die meisten und thätigsten Chemiker aus der Schule der Pharmacie hervor, so dass der gemeine Mann sogar die Benennungen Chemiker und Apotheker identificirte. Es stand aber auch zu jener Zeit mit den Bharmaceuten in socialer Hinsicht besser, denn heut zu Tage, wo die Vereinfachungen der ärztlichen Verordnungen, die Homeo- und Hydrapathie, die diätetische Behandlungsweise der Krankheiten, der theure Ankauf der Apotheken und noch vieles andere das Geschäft des Apothekers weniger lukrativ machen, wo Droguisten und Geheim- mittelkrämer, chemische Fabriken und Mineralwasseranstalten, sehr stark beschnittene Arzneitaxe (namentlich in einigen zum deutschen Reiche gehörenden Ländern) den Umsatz und Gewinn der Apotheken schmälern. In dieser Zeit, wo in den pharmaceutisehen Laboratorien die meisten chemischen Arbeiten ausgeführt wurden und ausgeführt werden konnten, weil es dem Apotheker nicht darauf ankam, einen Theil seines Gewinnes der wissenschaftlichen Forschung zum Opfer zu bringen, wo ausserhalb der Pharmacie die Chemie nur von Einzelnen studirt, aber von Wenigen practisch ausgeübt wurde, waren es die Apotheker, die von den Technikern zu Käthe gezogen wurden, wodurch sich der Gesichtskreis derselben erweiterte und sie nicht wenig zur Förderung chemischer Industrie beizutragen berufen waren, ja selbst viele industrielle Unternehmungen in das Leben riefen. Nach diesem kurzen Abschweife aus dem Gebiete der Chemie auf den Vergleich der Pharmacie von damals und jetzt, kehren wir zur Chemie in die Zeit Lavoisiers zurück. Bis zum Schlüsse des vorigen Jahrhunderts glaubten die Chemiker die Physik entbehren zu können und die Physiker sträubten sich die Chemie als Wissenschaft anzuerkennen, ja sie betrachten dieselbe nur als ein aller Wissenschaft baares Gewerbe. Wahr ist es, die Chemie war ja vor Ende des 18. Jahrhunderts auch nur ein Haufwerk verworrener, in mystischer Form gegebener Vorschriften zur Herstellung chemischer Präparate, theils behufs Darstellung des Goldes oder des Steins der Weisen (Alchemie), oder zur Herstellung von Arzneimitteln (Jatrochemie), die meisten- theils Arcana (Geheimmittel) blieben. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts beginnt man den Vorgang bei chemischen Operationen in klarer Sprache vorzutragen (Marggraf, Scheele, Klaproth), aber erst nach Lavoisier sucht man eine richtige Einsicht in den Vorgang beim chemischen Processe zu gewinnen, solche Einsicht gelang aber erst dann, als man hinreichende Thatsachen gesammelt hatte, welche als Grundlage für die theoretische Einsicht dienen konnten, denn diese mussten die Basis abgeben, auf welcher das ■^^■MBi 37 Gebäude zu ruhen bestimmt war, wenn es nicht eine leere phantastische Speculation sein sollte. Zur Feststellung der Theorie der Chemie musste auch die kleinste Beobachtung von Werth sein; so konnten nach und nach die Gesetze festgestellt werden, »ach denen sich die Körper mit einander verbinden; eine Sammlung solcher Gesetze stellte die allgemeine theoretische Chemie dar; da galt es nun nach allen Seiten hin zu arbeiten und die Lücken, die sich hier und da fanden, auszufüllen um die Einsicht zu erweitern. Von dieser Zeit an sahen wir auch die Physiker Antheü an harmaceutischen Verhältnisse nicht viel besser, das sind die brächte der Geioerbefreihe.it für die Pharmacie! In Frankreich ist fast jeder Apotheker Specialist für dieses oder jenes Geheimoder Patentmittel, manchem glückt es, Reichthümer durch dieselben zu erringen, viele gehen auch ganz zu Grunde, indem sie ihr ganzes Vermögen der Reclame opfern. Der Geheim- und Patentmittelschwindel ist für die Medicin und Pharmacie ein tiefliegender Krebsschaden, den auszurotten es noch manchen Kampf kosten wird. Obgleich die Industrieblätter von Hager und Jacob.sen, sowie Wittsteins, Halms, Dr. Richters und andere Werke über Geheimmittelwesen nach Kräften geistig dagegen ankämpfen, so ist doch der Schaden zu tief eingerissen und kann nur eine radicale Heilung durch eine gründliche Reform des Medicinalwesens in Frankreich, England und Italien helfen; vielleicht wird auch hier der Deutsche Krieg in Frankreich segensreiche Folgen haben, wenn die Herren Franzosen nach dem Kriegs- und Republikenschwindel wieder zur Besinnung kommen, Feuer, Eisen und Blei haben sich ja oft als vorzügliche Heilmittel bewährt. Schon längere Zeit hindurch füllten Geheimmittelannoncen mit grossartigen i. Th. erlogenen, ■/,. Tli. von käuflichen Aerzten und Chemikern versehenen Attesten die Spalten der Zeitungen, so dass es selbst Staaten mit besser geordnetem Medicinalwesen wie Preussen und Russland kaum gelang, die stark und höchst schädlich wirkenden Mittel entfernt zu halten. Als einige Jahre später die Apotheker die l'renssische Regierung baten, diesem Schwindel — der den Leichtgläubigen, wenn auch gerade nicht um das Leben, so doch um Gesundheit und Geld betrog — Einhalt zuthun, erhielten sie die Antwort: das sei gegen die Freiheit des Gewerbes! Der Verschleiss dieser Mittel, gegen den die bessere Klasse der Apotheker sich sträubte, nahm nun den Weg in Buch- und Droguen- handlungen oder Schnapsläden. Der Apotheker wird genau controlirt, dass er nicht einen Copeken oder Pfennig zu viel für die Arznei nimmt, dass er keine selbst componirten Arzneien dem Publico verabreicht; den Bäcker und Fleischer straft man, wenn er schlechte Waaren giebt, oder die vorgeschriebene Taxe überschreitet, das Gericht straft den Betrüger, wenn der Betrug bewiesen werden kann, die Geheimmittelschwindler lässt man mit der Entschuldigung laufen, dass sie bestrafen, hiesse: gegen die Freiheit des Gewerbes auftreten! freilich ein Jurist und ein 82 Arzt sind hier als Richter nicht competent; wir sehen hier wieder, dass der Pharmacie die Vertretung bei der Regierung fehlt. Man schreit über hohe Taxe der Apotheker und die Geheimmittelschwindler überschreiten dieselbe- bei ihren Mitteln oft um das zehn- und zwanzigfache, je theurer da ein Mittel kömmt, desto kräftiger und wirksamer muss es sein! ja, ja, mundus vult decipi, ergo decipiatur! Die Fabrikanten der sogenannten Patentmittel waren, nachdem die Regierung den Eingang der Geheimmittel in ihre Staaten verboten, schlauere Füchse und fingen die Sache feiner an, sie nannten den Inhalt ihrer Mittel, gingen aber nicht wie Ehrenmänner zu Werke; so hatte ich vor mehreren Jahren Gelegenheit, Pillen zu untersuchen, die einer Apotheke in Paris entnommen waren und nach der höchst eleganten Vignette 0,033 Gramm hydrojodsaures Chinin und eben soviel Jodeisen in jeder Pille enthalten sollten, sie enthielten aber nur 0,012 Gramm des ersten Salzes neben Jodeisen, das nicht quantitativ bestimmt wurde. So haben uns die Französischen Apotheker mit einer Unzahl Patentmittel, wie mit mehreren Ghininsalzen, pyrophosphorsauren Eisensalzen, citronensaurer Magnesia und vielen andern versehen, welche die Patienten häufig ohne Wissen ihres Arztes brauchten und oft 5 Mal so theuer bezahlten, als wenn es der Apotheker nach der Taxe berechnet hätte. Nur eines müssten die Deutschen Apotheker von diesen Herren gelernt haben — die Arznei in eine für das Auge und die Zunge angenehmere Form zu bringen. Jeder offene Kampf einzelner Apotheker gegen solches, einer geregelten Medicinalordnung hohnsprechende Verfahren hilft zu nichts, weil die Pharmaceuten, selbst in Staaten mit gut geordnetem Medicinalwesen keine, oder wo Apotheker zugezogen wurden, nur eine berathende Stimme hatten und noch haben. In der neuesten Zeit endlich sind die Regierungen in Deutschland wenigstens gegen den Schwindel zu Felde gezogen. Was aber auf die Pharmacie und namentlich auf die practisch- chemische Ausbildung der jungen Fachgenossen einen schlimmen Einfluss hatte, war die Errichtung der Fabriken von chemisch- pharm. Präparaten, durch welche die Darstellung dieser aus den pharm. Laboratorio fast ganz verdrängt wurde und muss deshalb der Apotheker zum Krämer herabsinken, da es ihm an Gelegenheit fehlt das auf der Universität gelernte practisch anzuwenden. Ein Aequivalent ist dem gewissenhaften Apotheker freilich in der qualitativen und quantitativen Untersuchung der gekauften Ppte. geboten, was aber leider aus Trägheit oder aus Mangel an Zeit und Uebung häufig verabsäumt wird, ja deren Ausführung, wenn namentlich eine Umarbeitung erfolgen muss, viel mehr Zeit beansprucht als die Darstellung der Präparate selbst. Wer noch Sinn für practisch-chemische Arbeiten hat, arbeitet wol, wenn auch nicht immer, mit pecuniärem Vortheil. Das schlimmste aber ist, dass die Herren, welche die Taxe der Apotheker berechnen, selbst bei chemischen Ppteu die Preiscou- 83 rante der Droguisten zu Grunde legen, häufig ohne sich um die Reinheit des aufgeführten Ppts. zu kümmern, der Kaufmann sucht durch billige Preise anzulocken, dem Apotheker muss es darauf ankommen, reine Ppte zu dispensiren. Früher kaufte der Techniker seine ehem. Ppte von dem Apotheker, diesem wurde dadurch Gelegenheit geboten dieselben selbst herzustellen, auch der Droguist kaufte sie vom Apotheker, jetzt bezieht der Droguist sie aus den ehem. Fabriken und kann dieselben, weil sein Absatz ein viel grösserer ist, billiger ablassen als der Apotheker, der sie nur in kleinen Quantitäten verkaufen kann, ja oft gezwungen ist, sie selbst durch die zweite Hand zu acquiriren, so erleidet er zweifachen Schaden. Wie leichtsinnig es mancher Droguist mit der Pieinheit seiner Ppte. nimmt, sehen wir aus folgender Bestellung eines Droguisten bei einem Apotheker: stellen sie mir eine Eisenchloridflüssigkeit vom richtigen spec. Gew. aus Colcothor vitrioli mit ordinärer Salzsäure zum äusserlichen Gebrauche dar! Die homöopathische, der rationellen Naturwissenschaft hohnsprechende Heilmethode Halmemanns schien die Pharmacie dem Untergänge entgegenzuführen; dem war nun zwar nicht so, obgleich sie dem Wohlstande der Apotheker im Allgemeinen recht tiefe Wunden schlug. Wenn auch die Apotheker homöop. Arzneien nach ärztlichen Verordnungen abliessen, so musste die Zubereitung derselben in einem besonderen Zimmer, von einem besonderen Gehülfen ausgeführt werden; eine Einrichtung, die den gelingen Gewinn absorbirte. In kleinen Städten dispensirten die Aerzte meist selbst; vorgebend, dass der Apotheker, der keinen Glauben an die Homöopathie habe, nicht aecurat genug sei, in Wirklichkeit aber lagen andere Motive vor; so brachte z. B. einmal ein homöop. Arzt einem am Krupp erkrankten Kinde ein Brechmittel, das er aus einer allopathischen Apotheke entnommen hatte und aus 3 Gran Brechweinstein und 3 Unzen destillirtem Wasser bestand, als homöop. Arznei mit. Ein Anderer verschrieb Pulver, die nur Milchzucker enthielten und sagte der Patientin, dass sie zu ihm kommen möge, er müsste dem Pulver eine höhere Verdünnung, welche in der Apotheke nicht vorhanden sei, zusetzen; die ersten Pulver schmeckten süss (reiner Milchzucker), die, welche den Zusatz der höhern Potenz erhielten, stark bitter! Das Archiv der Pharmacie u. a. pharm, und med. Journale haben häufig solche sicher nachgewiesenen qui pro quos aufgeführt, für welche nun freilich nicht die Homöopathie, sondern die Einzelnen, die sich solche Täuschungen zu Schulden kommen Hessen, verantwortlich sind. Ich habe diese Thatsachen hier nur angeführt, um zu zeigen, wie das Selbstdispensiren der Homöopathen zu Betrügereien Veranlassung giebt; doch muss ich zur Ehre der homöop. Aerzte zugeben, dass ich unter ihnen auch viele wissenschaftlich gebildete, höchst ehrenwerthe Männer kenne, die aus Uebefzeugung die homöop. Heilmethode ausüben. Der Chemiker und die meisten der rationellen Aerzte sehen fi* 84 die Homöopathie als einen der Phlogistontheorie ähnlichen Irr- thum an, der Laie, der oft fanatisch für die Homöopathie schwärmt, legt einen andern Maassstab bei Beurtheilung derselben an, wie den bessern Geschmack der Arzneien, ihre Billigkeit und spielt das Wunderbare der Wirkung in so höchst kleinen Mengen eine Hauptrolle. Sucht nur die Menschen zu verwirren, Sie zu befriedigen ist schwer. In bunten Bildern wenig Klarheit, Viel Irrthum und ein Fünkchen Wahrheit, So wird der beste Trank gebraut. Göthes Faust. Es ist nicht zu läugnen, dass die Homöopathie auch einen guten Einfluss auf die Mcdicin ausgeübt hat; die allopathischen Aerzte sahen sich genöthigt, die Wirkungen der reinen Arzneimittel nach dem Vorgange der Homöopathen gründlich zu prüfen und wurden nach dem Ergebniss dieser Prüfung die Verordnungen einfacher, sie verliessen also den Weg der altern Aerzte, der sogenannten Practiker, wozu jedoch nur zum Theil die Homöopathie, andern- theils die neue physiologisch-chemische Schule und der Fortschritt, den die Pathologie machte, beitrugen. Neben der Homöopathie waren es noch die Natur- und Wasserheilanstalten, der häufigere Gebrauch von Gesundbrunnen durch erleichterten Verkehr per Eisenbahn, die Errichtung von Anstalten zur Bereitung künstlicher Mineralwasser, die den Heilmittelapparat vermehrten, aber auch zugleich den Gebrauch von Arzneien verminderten. Das waren nun im Zeitgeiste liegende Verhältnisse, welche lähmend auf den Erwerb des Apothekers einwirkten, gegen die gerechter Weise nicht gekämpft werden konnte, mit alleiniger Ausnahme des Kampfes gegen das Geheim-und Patentmittelwesen. Einen kleinen Ersatz fanden intelligente Apotheker in der Anlegung von Anstalten zur Herstellung künstlicher Mineralwasser, aber auch diesen Zweig sucht die Technik dem Apotheker durch Anlegung grösserer pjtablissements zu entreissen. In diese Zeit fiel ferner das Verlangen der Regierungen 1) grössere Kenntnisse von dem in die Apotheke tretenden Lehrlinge zu verlangen; 2) von dem 3 Jahre conditionirt habenden Geholfen obligatorisch den wenigstens l'/2jährigen Besuch einer Universität zu verlangen; so wichtig auch solche Forderungen für die Hebung des pharm. Standes waren, so brachten sie auf der andern Seite auch Schaden; so wurde es z. B. schwieriger, Lehrlinge für die Apotheke zu bekommen, wodurch wieder Gehülfenmangel eintreten musste, der noch dadurch vermehrt wurde, dass die befähigtem und fleissigern zum Studium der Medicin oder der chemischen Technik übertraten und dass die bei der Pharmacie bleibenden Gehülfen, oder doch ein grosser Theil derselben das wissenschaftliche Studium in der Conditionszeit meist vernachlässigten, solches auf die Universitätszeit verschiebend, wo denn wiederum alles Studium nur auf das zum Examen nothdürftigste beschränkt und 85 zur Hastarbeit wurde, deren Duft ebenso schnell verflog als er eingesogen war, mit einem Worte: es war bei einem grossen Theile kein ernstes, kein gründliches Studium mehr, war das Examen abgelegt, so war auch das Interesse für das Studium erloschen; 3) fehlte den Gehülfen aus oben angeführten Gründen die Gelegenheit zur Ausführung der practisch-chemischen Arbeiten, Arbeiten, die zu wissenschaftlichen Studien anregen konnten; so kamen die jungen Leute häufig schlecht vorbereitet zur Universität, wurden in den Strudel des Studentenlebens gezogen und vom eigentlichen Zwecke des Universitätslebens dadurch abgezogen, sie Hessen sich dann einpauken, um nur mit genauer Noth durch das Examen zu schlüpfen; solche schwach wissenschaftlich ausgebildete Männer sind, wenn sie als Principäle fungiren, auch unfähig, anregend auf Gehülfen und Lehrlinge zu wirken. Als die Apothekergehülfeu noch nicht obligatorisch verpflichtet waren die Universität zu besuchen, nutzten sie die Conditionszeit daher viel besser zu eigener wissenschaftlicher Ausbildung aus und ver- daueten das nach und nach gelernte besser, als das im Fluge erhaschte, sie bekamen mehr Interesse für die "Wissenschaft und eultivirten dieselbe auch nach abgelegtem Examen, wogegen der nur für das Examen gearbeitet habende alle Bücher bei Seite warf, wenn der Luftdruck des Examens nachgelassen hatte seine Spannkraft auszuüben, die Lehrlinge sahen die Gehülfen statt wissenschaftlicher "Werke Romane lesen und — schlechte Beispiele verderben gute Sitten — schlechte Beispiele vererben sich v on Geschlecht zu Geschlecht und müssen unsere Fachmänner in Misskredit bringen, wenn solchem Treiben kein Bollwerk entgegengesetzt wird. Nach meiner Meinung dürfte viel gewonnen werden, Wenn man von dem die Universität besuchenden ein Abiturientenexamen über die Grundzüge der Naturwissenschaft und über Geometrie verlangen würde, wodurch die Gehülfenzeit nicht allein eine Fortbildungszeit für die Praxis, sondern auch für die Theorie Werden müsste; solche gründlich vorgebildete junge Leute besuchen die Universität auch mit viel grösserem Vortheile, da dir "Wissen ein mehr gründliches wird und nicht nach abgelegtem Examen wie Schaum verrinnt, aber auch der Lehrling Würde ein besseres Beispiel vor Augen haben. Betrachten wir 'mr einmal die Pharmaceuten, die sich einen Namen in einem °der dem andern Zweige der Naturwissenschaft oder Pharmacie erworben haben, meistentheils sind sie schon fieissige Lehrlinge ll ud Gehülfen gewesen. Mau wird mir erwiedern, wo soll die Zeit herkommen? wo Lust und Liebe zur Ausbildung vorhanden, findet 8 ich auch Zeit und sollten es nur ein bis zwei dem Schlafe abgebrochene Morgenstunden sein! wie diese wenigen Stunden in rten Jahren fördern, habe ich häufig Gelegenheit gehabt zu sehen. Ein grosser Fehler unserer Zeit, wo alles der Schnelligkeit der Locomotive nacheifert, ist: dass die jungen Leute nicht schnell genug ihre Conditionszeit beenden können, wodurch sie nicht allein 86 ärmer au Wissen, auch ärmer an Erfahrung weiden, die beide doch die Grundlagen der späteren Selbstständigkeit sein sollen. Der Principal sollte aber auch stets darau denken, dass es eine seiner heiligsten Pflichten ist, dem Lehrlinge Gelegenheit und Zeit zu wissenschaftlicher Betreibung seines Faches zugeben; liegt ihm etwas an der Achtung seines Standes, so kann er durch Heranbildung der ihm übergebenen jungen Leute viel dazu beitragen, wenn er sie, die doch die Repräsentanten des Standes künftiger Generationen sind, zu tüchtigen Leuten ausbildet. Damit aber nicht die drückendsten Nahrungssorgen solch Streben unmöglich machen, ist es wiederum Pflicht des Staates, durch gediegene Gesetze den Apotheker so zu stellen, dass er mit Lust und Liebe seine gewiss nicht leichten Pflichten zu erfüllen auch im Stande ist. Was nun die einzelnen Fächer der Pharmacie anbetrifft, so sehen wir, dass:, 1) die pharm. Chemie ausserordentlich grosse Fortschritte machte; 2) aber auch der, früher practische Pharmacie genannte Theil, jetzt pharm. Technik benannt, erhielt erst jetzt eine mehr wissenschaftliche Basis durch gründliche Bearbeiter, eines Geiger, Zeise, Soubeiran, Buchner, Mohr, Hager u. a. m. Von dieser Zeit an datirt auch die Einführung des Dampfapparates durch Bein- dorff (Zinngiesser in Frankfurt a. M.), der Rommershausen'schen und Real'schen Presse, der Pulverisirmaschinen, des Selbstrührers, der verbesserten Pressen, des von Boullay eingeführten Verdräu- gungsapparates, des Vacuumapparates, der Turbinen und vieler anderen Apparate; 3) die Pharmacognosie erhielt nach dem mehr und mehr benutzten Mikroskope, nach der grössern Ausbildung der Pflanzenanatomie und Physiologie, nach den Forschungen verschiedener Reisenden eine ganz andere Gestalt; besonders förderten sie Guibourt, F. N. v. Esenbeck, Theod. Marthas, J. Pereira, der leider zu früh verstorbene 0. Berg, Schieiden, Weddel, Wiggers, J. A. Flückiger und der 1871 verstorbene J. B. Henkel. Unser Jahrhundert, reich an ausgezeichneten Pharmaceuten, musste anregend wirken, nachdem ein Trommsdorff, Buchholz, Geiger, Buchner, Brandes die Bahn gebrochen hatten, ihr Wirken erstreckte sich bis in die Mitte dieses Jahrhunderts. Von den in dieser Zeit geborenen Apothekern sind zu nennen: L. Frans Blei, Th. Geissler, Dr. Herzog, J. Schacht, Schlienkamp, C. F. Buchholz, D. F. L. Winkler, Pypers, Ad. Ferd. Duflos, W. Metlenheimer, F. G. Göbel, C. A. Heugel, /,. öl Marquart, Jul. Ed. Heugel, C. L. Reimann, Joh. Oellacher, Hancock, Hamilton, J. E. Howard, G. H. Zeller, C. Grüner, P. F. Abi, C. F. Anton, Hugo Reinsch, H. Becker, F- Dorooult, G. H. Benecke, C. F. Opper- mann, Carl Friedr. Mohr, Nie. Gräger, Polid. Boullay, F. H- Boudel, Joh. Müller, Chr. W. Posselt, Xav. Landerer, L. W. Aschoff, Th. Redwood, Frz. Döbereiner, Wil. Artus, Joh. Ed. 87 Herberger, G, W. Scharlow, Jacob Bell, Georg Christoph Witt- Hein, Waltz, E. Geffcken, F. H. Wilms, Em. Riegel, Rud. Wild, Brendecke, E. Müller, Diesel, Reich, Volland, Stichel, C. G. Quarizius, C. W. H. Trommsdorff, Hugo Trommsdorff, V. Chr. Mann, G. L. Ulex, G. A. Siruwe, Alb. Frickhinger, J. M. A. Probst, W. Keller, A. P. van der Vliet, L. A. Buchner, Jul. von Trapp, C. A. Ingenoki, P. L. Morin, H. H. J. Hager, Th. F. Marsson, M. J Fordos, C. Jobst, Louis Posselt, Ad. Peltz, F. Salmy, Mich. Pettenkofer, N. Neese, J. W. Kleber, L. A. Roth, B. Hirsch, 0. Ä. Ziureck, W. Dankioorth, F. F. H. Ludtoig, Th. Rieckher, Wolfruin, R. von Schröders, Kymenihal, Schultz, Lehmami, C. Wäber, Björklund, H. E. Robiquet, 0. und /. Walcker, Diürichs, F. A. Flückiger, Th. Peckhold, Ed. Reichard, E. Jacobsen, J. M. Funke, Sigism. Feldhaus, Härtung Schwarzkopf, Chr. Hirzel, Arth. Casselmann, J. B. S. A. Micke, A. Kromayer, F. Vorwerk, A. Marggraff, R. Mirus, Spirgatis, Th. Poleck, Leop. Schoonbrodt, Gust. Dachauer, Kohlmann, Dr. Schwanert, Dr. J. Georg Noel Dra- gendorff, E. Marquis, J. F. Martensen, Magister Kubly, Mag. Masing, Th. Schmieden, Renard. Ausserdem finden sich noch einige in der 2. Abtheilung angegeben, von denen keine Nachricht über Lebensverhältnisse zu geben mir möglich war. In der 10. Periode der Pharmacie gedachten wir der Gründung des Norddeutschen Apothekervereins durch Rud. Brandes. Diesem Vereine, der in jener Zeit ins Leben trat, welche dem mächtigen Aufschwünge der Chemie durch Liebig voranging und von grossem Einflüsse auf die sociale Stellung der Pharmacie werden sollte, war es vorbehalten, von nun an eine nicht unbedeutende Rolle, namentlich was die pharm. Verhältnisse Deutschlands anbetraf, zu spielen und hätten dieselben sich wahrscheinlich noch ungünstiger, als sie es in der That wurden, gestaltet, wenn dem Vereine nicht manches Uebel abzuwenden geglückt wäre. Alles Gute, das der Verein wirkte, wenn auch speciell Deutschland zu Gute kommend, konnte jedoch nicht ohneEinfiuss auf die Entwickelung der Nachbarstaaten (namentlich Russlands) sein und somit kann seine Thätigkeit als der gesammten Pharmacie zu Gute kommend angesehen werden. Die Gründung dieses Vereines datirt vom Jahre 1820, Rud. Brandes, sein erster Oberdirector, war die Seele desselben, doch wurde er gründlich von E. F. und L. Aschoff, Beisenhirz, Du Menü, Witting u. a. Collegen unterstüzt. Betrachten wir nun zuerst den Zweck des Vereines, derselbe sollte: 1) die Hebung der theoretischen und practischen Pharmacie anstreben; 2) für die Verbesserung der innern und äussern Stellung der Pharmacie Sorge tragen; f^w* 3) den Nebengeschäftsbetrieb der Apotheker erleichtern und so ersetzen, was die Zeitverhältnisse der Pharmacie entzogen hatten; 4) arme Pharmaoeuten sollten Unterstützung finden. Der Verein hatte sich somit ein weites Ziel seiner Thätigkeit gestellt, wie viel zu erringen ihm möglich geworden, ist erst jetzt nach mehr denn oOjährigem Bestehen ersichtlich, indem wir im Ganzen überblicken, was ihm zu vollbringen gelungen, ich erinnere nur an die Concessionsangelegenheit von 1842. Die Preussische Regierung wollte nämlich der Steigerung des Preises der Apotheken dadurch einen Damm setzen, dass für alle, von da an neu anzulegenden Apotheken nur eine persönliche Concession gegeben werden sollte, ausführlicher hier in die, hauptsächlich durch die Bemühung des Nordd. Apothekerverems bekämpfte Maassregel einzugehen, nachdem die Regierung einige Jahre darauf den Befehl zurückgenommen hatte, würde den Zweck dieses Werkchens überschreiten heissen. Wer sich für diese Sache interessirt, sehe das Archiv der Pharm, vom Jahre 1842—1844 nach. Neuester Zeit suchten Leute wie Brefeldt und Consorten die Gewerbefreiheit für die Pharmacie anzuempfehlen, durch welche der edlen Deutschen Pharmacie der Todesstoss gegeben und sie auf den Standpunkt der Französischen und Englischen Pharmacie geschleudert worden wäre; da waren es der Nord- und Süddeutsche Apothekerverein, welche durch zweckmässige Vorstellungen das schwere Gewitter, das sich über die Deutsche Pharmacie zusammenzog, ahzuleiten alle Kräfte in Bewegung setzten. Den Männern, die an der Spitze dieser V erein e standen, suwie denen, auf welche die Wahl fiel, diese hochwichtige Angelegenheit dem Deutschen Reichstage zu unterbreiten, siud nicht allein die Apotheker Deutschlands, sondern alle Apotheker, denen das Wohl des Standes am Herzen liegt, zu Dank verpflichtet. Obgleich die Sache klar dargestellt wurde, lässt die Sucht nach der, von Nichtapothekern gepriesenen Gewerbefreiheit zu schreien, noch immer nicht nach und stehen die Apotheken- Privilegien auch heute noch in der Schwebe. Leider finden wir, wie in jedem Stande auch unter den Apothekern viele laue nicht allein, sondern auch viele, die nur durch Egoismus geleitet an sich denken, das Wohl ihrer Standesgenossen unberücksichtigt lassend, ja das Streben der Bessergesinnten noch bekritteln oder belächeln, wogegen die Indifferenten sagen, wir haben ja ein Directorium gewählt, das wird schon die Sache in die Hand nehmen. Was die Hebung der theoretischen und practischen Pharmacie anbetrifft, so geben die Reichhaltigkeit des Organs des Vereins Zeugniss von dem, was geleistet wurde. Ebenso ist es mit der Anregung, die der Verein gab, um dem Stande sichere und doch nicht heralftoürdigende Nebenbeschäftigungen zu ermöglichen. Durch Wohlthätigkeit hat der Verein manche Sorge der Ar- muth verscheucht, manche Thränen von Wittwen, Waisen und 89 kranken Standesgenossen getrocknet, manchen Jüngern Fachgenossen bei seinem Studium unterstützt, auch fanden viele Anregung durch Ausführung der vom Vereine gegebenen Preisfragen; doch bleibt noch viel zu thun übrig und kann gethan werden, wenn jeder Einzelne sich mehr als zum Ganzen gehörend betrachtete, mehr dahin strebte, die allgemeinen Interessen zu fördern, fördert er diese, so fördert er gewiss sein Privatinteresse mehr als durch egoistisches Streben für sich und sein Geschäft! Eines, das der Verein stets angestrebt hat, ist die : Selbststän- digkeit der Pharmacie, die nicht mehr unter ärztlicher Autorität stehen sollte, seitdem Medicin und Pharmacie eine so grosse wissenschaftliche Ausdehnung erlangt haben, dass ein Individuum sie nicht übersehen konnte, ebenso wie der Pharmaceut nicht com- petent in rein medic. Fragen ist, eben so wenig ist es im umgekehrten Falle der Mediciner in pharm. Fragen; zur Revision einer Apotheke in Fragen pharmaceutischen Inhalts hat daher auch nur ein praetiseher, die Pharmacie selbst ausübender, mit den gehörigen wissenschaftlichen wie kaufmännischen (der Apotheker muss seiner Stellung nach auch Kaufmann sein) Kenntnissen und Erfahrungen ausgerüsteter Mann die nöthige Fähigkeit. Hoffen wir, dass bei der Neugestaltung des Deutschen Reichs auch diese Frage zum Besten der Pharmacie ihre Erledigung findet. Nach einem der neuesten Gesetze Deutschlands soll die Behandlung von Krankheiten in so weit freigegeben werden, dass nur der, sagen wir es nur gerade heraus, medicinische Pfuscher zur Verantwortung gezogen werden soll, der durch seine Behandlung von Krankheiten Schaden anrichtet; man braucht kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass solches Treiben grosse Uebelstände nach sich ziehen wird und muss, dass man dadurch dem Geheimmittelschwindel Thür und Thor geöffnet, so dass sich dieses Gesetz als unpractisch erweisen wird und in Staaten mit gutgeordnetem Medicinalwesen wieder zurückgezogen werden muss. Wem hat aber solches Gesetz seine Entstehung zu verdanken? solchen Männern, die alles nach dem Gesetze der Humanität ordnen möchten, denen es aber an Erfahrung fehlt, die nicht erwägen, dass ein gutgemeintes Gesetz von schlechten Subjecten und einer grossen noch ungebildeten Klasse von Menschen gar leicht zu üblen Zwecken ausgebeutet werden kann. Der weniger gebildete Mensch hat einmal kein richtiges Urtheil über Krankheit und Heilkunst, ja er hat oft grösseres Vertrauen zu einem Pfuscher als zum wissenschaftlich gebildeten Arzte, denn ersterer steht ihm näher als letzterer, der Staat müsste daher beim Geben eines Gesetzes solche auch im Auge haben, also gleichsam als Vormund der Unmündigen auftreten und für sie Bestimmungen treffen, die dem wahren Volkswohle nothwendig sind. In Staaten, wo solches Gesetz der Medicinalpfuscherei noch nicht existirt, kommen sehr häufig schon die Leute zur Apotheke, um dort ärztliche Hülfe zu suchen; ist die Heilkuust frei gegeben, so wird sich alles an den Apotheker wenden und muss dann, wenn dieser gewissenlos genug 90 ,+A ist und sich auf solche Pfuscherei einlä st, zu unangenehmen Con- flicten zwischen Arzt und Apotheker fuhren; da findet das alte Sprichwort Anwendung: Schuster bleib bei deinem Leisten! Pfuscht der Apotheker dem Arzte ins Handwerk, so wird dieser mit gleicher Münze zu zahlen suchen und so kann weder für den Arzt, noch für den Apotheker, noch für das Publicum etwas Gutes herauskommen. Die erste Bedingung, um dem kranken Individuum zu helfen, ist: Erkennung der Krankheit, hiezu ist ein gründliches Studium der Anatomie und Physiologie Hauptbedingung, kann diese Bedingung vom Apotheker erfüllt werden ? nein! Es ist leider eine Sucht mancher Apotheker sowie mancher Barbiere, zu curiren, weil ersterer meist die Wirkung der Arzneimittel, letzterer etwas von Anatomie versteht; reichen sie auch den Kranken die unschuldigsten Mittel, so können sie ja doch nicht wissen, welche Krankheit sich im Organismus vorbereitet, der vom Arzte richtig erkannt, vorgebeugt werden kann, so aber zur vollständigen Entwickelung kömmt und dann keine Heilung zulässt. Es giebt eine Klasse von Apothekern, die von diesem Gesetze sich grossen Vortheil versprechen, indem sie sich neben der gegebenen Medicin noch ein ärztliches Honorar zu berechnen gedenken, Männer, die durch Curiren nur Geld schmieden wollen (der edlere Theil der Pharmaceuten wird diese Freiheit nicht benutzen wollen, deshalb auch manchen Schaden erleiden), werden der Pharmacie nicht zur Ehre gereichen; solch Gesetz muss die edle Deutsche Pharmacie auf den schlüpfrigen Weg werfen, den die Französische Pharmacie seit der Einführung der pharm. •Gewerbefreiheit geht und zeigt uns dasselbe, wie wichtig es ist, dass der Pharmaceut bei Entwerfung der Medicinalgesetze eine berathende Stimme habe; mit der berathenden Stimme scheint mir aber noch zu wenig gewonnen zu sein, sondern es wäre wünschenswerth, wenn in rein pharm. Fragen ein aus mehren Pharmaceuten bestehender Rath sein Votum gäbe; für Verhältnisse, die Mediciner und Pharmaceuten betreffen, „wie das genannte Gesetz über Ausübung der medic. Praxis", mögen dann beide berathen. Es wird viele meiner lieben Collegen befremden, dass ich in den letzten Perioden der Pharmacie mehr die Verhältnisse der Apotheker Deutschlands im Auge hatte, ich möchte deshalb hier noch kurz erwähnen, wie es in den anderen cultivirten Staaten aussieht. In Frankreich, England, Italien, wo die Gewerbefreiheit eingeführt ist, sieht es meist traurig genug aus, so kommen in keinem Lande mehr Vergiftungsfälle durch laxe Giftverkaufgesetze vor, als bei den auf ihre Freiheit pochenden Engländern, die Französische und Italienische Pharmacie stehen weit unter der soliden Deutschen; geschieht auch in Frankreich nicht wenig für die Ausbildung der Apotheker, die einen gründlichen Cursus in den speciell für sie errichteten pharmaceutischen Schulen durchmachen müssen, so verfallen dieselben doch meist, wenn sie eine Apotheke errichten, in den Fehler ihrer andern Collegen, indem 91 sie zu (mit Specialitäten handelnden) Krämern herabsinken. Giebt es auch noch manchen gründlich gebildeten und practisch thä- tigen Apotheker in Frankreich, so ist deren Anzahl sehr klein. In Italien bereitet man neue Gesetze vor, aber die Gesetzgeber sind Aerzte, Juristen und Theologen, die den pharmaceutischen Stand ganz ruiniren werden, sollte man es glauben: auf den Universitäten ist der Lehrstuhl der pharm. Chemie ganz eingegangen! Obgleich in Oesterreich das Schreien nach Gewerbefrei- heit noch nicht hat durchdringen können, so stehen ebenfalls nur Aerzte und Juristen an der Spitze medicmischer Gesetzgebung und werden die Stimmen rechtschaffener Pharmaceuten nicht gehört. Die Schweiz, Russland und Schweden schhessen sich an die Deutsche Pharmacie an. Aus Spanien hört man viele Klagen über Bedrückung der Pharmacie von Seiten der Aerzte und Gesetzgeber. In Holland ist den Aerzten das Selbstdispensiren erlaubt und steht es darum traurig um die Apotheker. Amerika, das bis vor wenigen Jahren sich die Englische Pharmacie zum Muster nahm, hat sich in kurzer Zeit bedeutend aufgerafft und zwar nicht die Regierung, sondern die Vereine der Pharmaceuten und streben diese mit Kraft und Sachkenntnis eme Verbesserung der Pharmacie an, so dass wir von unseren transatlantischen Collegen lernen können, was die Vereinigung aller, wenn nur der gute Wille vorhanden ist, vermag. Amerika besitzt 3 Colleges of pharmacy, welche solchen, die hinreichende wissenschaftliche Kenntnisse besitzen, Diplome erteilen; so entstanden die Colleges of Rlinois, Baltimore, Boston, Chicago, Cincinnati, Louisville, New-York, Philadelphia, St. Louis. Ohne Regierungsunterstützung haben die Apotheker Nord-Amerikas durch eigene Opfer diese Vereine gegründet, um die pharmaceutischen Zustände daselbst zu verbessern. Durch Preisaufgaben, Herausgabe einer Pharmacopoe und der Proceedmgs of tlie American pharmaceutical association, at de 17. annual meetmg heed in Chicago, Illinois, Philadelphia, London ist schon viel geleistet r Noch ist der in neuester Zeit gegründete Oesterreichische Apothekerverein hier zu nennen, der sich hauptsachlich die wissenschaftliche Ausbildung der Lehrlinge zur Aufgabe gestellt hat. . . , Q , , Auch in St. Petersburg und Riga existiren pharm. Schulen zur Ausbildung der Lehrlinge. , . In den Staaten, wo die Pharmacie ein freies Geweibe, sind die Arzneien theurer als in den Staaten mit privilegirten Apotheken Was den Zustand der Pharmacie anderer Welttheile anbetrifft, so ist dieser meist jämmerlich! Näheres darüber siehe Phillips Geschichte der Apotheker. 92 12. oder Schluss-Periode. Die Pharmacie der Jetztzeit mit einem Anhange über die neueste Richtung der Chemie, oder die moderne Chemie. In den vorhergehenden 11 Perioden sind wir der Entwicke- lung der Pharmacie gefolgt, wir betrachteten sie hei ihrer Geburt, wir sahen sie als Theil der Medicin von den Aerzten ausgeübt, wir sahen die Apotheker als Diener der Aerzte, bis die Pharmacie nach Einrichtung der ersten Apotheken ein selbstständiges Gewerbe wird, einer Zeit, wo sie jedoch fast jeder wissenschaftlichen Betreibung fern stand, wir sahen dann eine Zwittergestalt, Aerzte als selbstständige Apotheker — bis sich die Apotheker bemühen, ihr Fach wissenschaftlich zu betreiben und selbst als Naturforscher aufzutreten (Caspar Neumann, Marggraff u. A.). Da erscheint auf dem Schauplatze ein Mann, der der Chemie eine andere Gestalt zu geben berufen schien, der als Vorkämpfer für die Neugestaltung derselben durch Lavoisier anzusehen ist — Wilh. Scheele, Apotheker einer kleinen Stadt Schwedens. — Von da an sehen wir, wie der Stand des Apothekers sich mit Riesenschritten entwickelt, wie die Apotheker namentlich als die grössten Förderer der Chemie auftreten, so dass man die Begriffe Apotheker und Chemiker für gleichbedeutend hält; Männer wie Klaproth, Vauquelin, Pelletier, Trommsdorff, Buchholz, Geiger, Buchner, Brandes u. v. a. mehr werden noch nach Jahrhunderten als Förderer der Chemie in der Geschichte dieser Wissenschaft genannt werden, sie sind es auch, welche die Pharmacie zur Wissenschaft zu erheben berufen waren, diese Männer bemühten sich vielfältig die Pharmacie von der Oberherrschaft der Medicin frei zu machen, es gelang ihnen nicht und ist solches bis heute noch nicht gelungen, obgleich der Wunsch zu rechtfertigen wäre, dass die Pharmacie bei den Medicinalcollegien eine Vertretung fände. Der Norddeutsche Apothekerverein und besonders das Directorium desselben, Männer wie L. Blei, Geisler, Herzog, Oberbeck u. s. w. nahmen von Zeit zu Zeit diese gewiss gerechte Forderung wieder auf, alles umsonst! derPharmaceut wird höchstens als berathendes Mitglied herangezogen, oder man benutzt seine Kenntnisse und Geschicklichkeit bei Ausführung solcher Arbeiten, denen der Arzt nicht gewachsen ist und nach dem Gange seiner Ausbildung, namentlich in Praxi, nicht gewachsen sein kann! Obgleich nun die einzelnen naturwissenschaftlichen Zweige und die Anwendung derselben auf die Technik dem Apotheker- stande sehr verpflichtet sind, und wie wir uns täglich überzeugen können, dass der Apotheker seiner Doppelstellung nach, als practi- scher Naturforscher und Kaufmann, häufig für städtische Vertrauensposten von der Commune seines Wohnorts oder als Lehrer der Naturwissenschaft gewählt wird; so wird dennoch der pharma- ceutische Stand noch heute häufig vom Publicum falsch beurtheilt 93 und nimmt daher der Apotheker noch immer nicht die Stellung ein, die ihm, sowol nach seiner practisch-mühsamen Beschäftigung, wie nach der wissenschaftlichen Tendenz seines Faches gebührt. Die Denkschrift des internationalen Congresses zu Braunschweig von 1865 sagt S. o, Abth. III. Das Grundleiden, an welchem heute die Pharmacie hinsiecht, ist die ihr von vornherein aufgedrungene Zwitterstellung, nach welcher sie einerseits als Sanitätsanstalt zu gewissen Leistungen, z - B. einer bestimmten wissenschaftlichen Vorbildung und zu gewissen Beschränkungen des Gewerbes, wie z. B. des in Folge der Taxe limitirten Debits, vom Staate verhalten ist, andererseits mit Hinweisung auf ihren gewerblich commerziellen Character der Vorrechte anderer wissenschaftlichen Körperschaften, z. B. der Selbstregelung ihrer corporativen Interessen, des unmittelbaren Verkehrs mit den höheren Staatsbehörden u. s. w. verlustig ist. Dies ist die immer weiter um sich greifende, offene Wunde, deren Heilmittel in den Händen der hoben Regierungen liegen, und ist die Lage eine solche, dass, wenn dieselben versagen, der gänzliche Ruin des Standes unausbleiblich ist. In folgenden 4 Punkten werde ich zu zeigen versuchen, wie verschieden unser Stand vom Publicum, je nach der verschiedenen Individualität jedes Einzelnen beurtheilt wird: 1) die Gelehrten im Allgemeinen, vielleicht nur mit einer Ausnahme — der Lehrerstand der polytechnischen Schulen und Realgymnasien und die wissenschaftlich gebildeten Techniker — wollen den Apotheker nicht als vollgültigen Gelehrten anerkennen, sobald Jhm die altclassische Bildung abgeht, obgleich sie doch zugeben Füssen, dass die Naturwissenschaften - die Grundlage der Pharmacie — auf eben so fester wissenschaftlicher Basis ruhen wie die abstracten Wissenschaften. Fehlt dem Apotheker bis jetzt auch meist die vollständige Ausbildung in den alten Sprachen und den rein philosophischen Fächern, die der Theologe, Philo- lo ge, Jurist und Mediciner auf der Universität zu hören obligatorisch verpflichtet ist, so muss er dafür tiefer in die meisten naturwissenschaftlichen Fächer eingehen als der Arzt (mit Ausnahme der Physiologie und Anatomie des Menschen) und muss solche Practisch betreiben, ein, wie man mir zugestehen wird, höchst mühsamer Weg. Betrachten wir den Pharmaceuten in seinem Practischen Berufe, so muss er sich eine höchst peinliche Accura- te sse anzueignen suchen, viele Erfahrungen sammeln und eine unermüdliche Thätigkeit entwickeln, wenn er die Pflichten seines Landes vollkommen erfüllen will. Der Arzt müsste wol einen richtigen Begriff vom Pharmaceuten haben und könnte am leichtsten das Publicum über die Stellung der Pharmacie aufklären, e inestheils geschieht solches nicht nur nicht, sondern treten Manche °ft geradezu feindlich gegen den Pharmaceuten auf, weil sie es nicht vergessen können, dass der ärztliche Stand durch den Apotheker einen Theil seines Einkommens verloren hat, da in ältester Zeit der Arzt die Arzeneien selbst dispensirte. Diese Meinung ■■IMWIWHH ■RHHH 94 haben namentlich jüngere Aerzte mit höclist schwacher Praxis, doch dürfen wir es auch nicht leugnen, dass durch die oft höchst dürftige wissenschaftliche Ausbildung der Pharmaceuten und ein kriechendes Wesen, durch das manche Apotheker einen Vor- theil zu erringen suchen, sie selbst Veranlassung geben, dass der Arzt sie als eine ihm untergeordnete Persönlichkeit betrachtet, worin er freilich von der Regierung bestärkt wird, welche den Arzt zum Aufseher der Apotheken bestellt und von dem die, die Pharmacie betreffenden Gesetze ausgehen; ein Verhältniss, das vor 300 Jahren, wo die ärztliche Wissenschaft noch nicht die Ausdehnung wie heut zu Tage erlangt hatte, zu rechtfertigen war, einer Zeit, wo die Pharmacie noch nicht wissenschaftlich wie in unserer Zeit betrieben wurde, ja, wo die gründliche Kenntniss der Arzneimittel noch selbst auf sehr niederer Stufe stand und meist nur rohe oder galenische Mittel im Gebrauch waren. Heute, wo der grösste Theil der Pharmaceuten eine gründlich wissenschaftliche Bildung sich aneignen muss, wo viele unter ihnen selbst Lehrer und Förderer eines oder des andern Zweiges der Naturwissenschaft sind, wo der Arzt sich solche für ihn wichtigere Zweige des Wissens aneignen muss, so dass er das Studium der theoretischen Pharmacie als Nebenfach betreibt und sich um das practische derselben nur wenig kümmert, wäre es wol zeitgemässer, diese Vormundschaft aufzugeben; findet doch, nachdem die medi- cinische Wissenschaft an Extensität zugenommen hat, dass ein Mann sie kaum fassen kann, schon Theilung statt, darum sich Specialisten für die Krankheiten des Auges, Ohres, für Geisteskrankheiten, Chirurgie, Hautkrankheiten u. s. w. ausbilden, wie viel mehr müsste da dem Arzte und Publicum an der vollständigen Trennung der Medicin von der Pharmacie gelegen sein; 2) der grösste Theil des Publicums sieht den Apotheker als Kaufmann an, zu diesen gehören namentlich viele der Herren Medici- nalbeamten, die eine wichtige Stimme bei Bearbeitung der Taxe haben; wie häufig hört man vom Publico und namentlich aus dem ärztlichen Stande das Geschrei über zu hohe Taxe, über 99 % u. s. w., sie wissen, dass beim Droguisten 10 Gramm Salmiak und 10 Gramm Lakritzensaft so und soviel kosten, beim Apotheker eine Mixtur aus beiden 4 Mal so viel, wissen aber nicht, dass der Apotheker den Salmiak erst in heissem destillirten Wasser löst, der Lösung einen Zusatz von Aetzammon macht, sie durch Papier heiss filtrirt, wieder verdampft und krystallisirt, wozu er theurer Porcellanschalen bedarf und zu dieser Umarbeitung die Zeit vieler Stuuden erforderlich ist; noch mehr Arbeit macht das Reinigen des Süssholzextractes. Beim Conditor, beim Restaurateur findet man die Preise nicht zu hoch, wenn er seine Kuchen oder seine Speisen 3 Mal höher rechnet, als seine Auslagen betragen; woher also das Geschrei über zu hohe Taxe der Arzneien? wie viele Menschen geben beim Conditor, in der Restauration, für Ci- garren 10 Mal mehr als für ihre Apothekerrechnung aus, doch schreien sie mir über die Höhe der letztem, „das ist eben das 95 Schlimme, dass sie für häufig schlecht schmeckende Arznei, die nicht den Gaumen kitzelt, überhaupt noch Geld zahlen sollen, da müssten von Rechtswegen die Patienten noch zugezahlt bekommen!" 3) obgleich der Apotheker gar häufig als Kaufmann angesehen wird, sieht ihn der Kaufmann nur als Krämer an, da der reiche Kaufmann jeden Menschen nach dem, was er besitzt, welchen Umsatz er macht, was er verzehrt u. s. w. zu beurtheileu im Stande ist. Die wenigsten Apotheker können, wenn sie nicht von Haus aus wohlhabend sind, zu grosser Wohlhabenheit gelangen, und wie man so sagt, ein Haus machen, sondern müssen das ihrige mühsam zusammenhalten um Jedem gerecht zu werden, da geht es ihnen wie den Lehrern — bei viel mühsamer Arbeit haben sie wenig Gewinn. Nur wenige Apotheker in grossen Städten haben einen so grossen Umsatz, dass sie zu Reichthuin kommen, diese müssen aber als Ausnahmen angesehen werden, nach ihnen darf man, wie es nur zu häufig geschieht, das Geschäft des Apothekers nicht beurtheileu. Der Kaufmann setzt sein Capital 12 Mal im Jahr um, wo der Apotheker es kaum 1 Mal umsetzt, letzterer kann deshalb mit geringen Procenten nicht bestehen, seine sogenannten Handlungsunkosten werden desto grösser, je kleiner der Umsatz, so dass sie zwischen 30—50 % schwanken, er kann sein Geschäft nicht nach der Grösse seines Capitals ausdehnen, wenn er es nicht auf Unkosten seiner Collegen und zwar auf uncollegialische Weise thut; 4) der Künstler ärgert sich, dass man die Pharmacie Apothekerkunst nennt und will sie als Kunst nicht anerkennen; 5) der Handwerker sieht den Apotheker dagegen als eine Zwittergestalt zwischen Kaufmann und Handwerker an. Doch kömmt es auch vor, dass der Apotheker dem Publicum Anlass zu solcher falschen Ansicht von seinem Stande giebt, wir sehen Blanche mit geringen Kenntnissen ausgerüstete, kaum durch's Examen geschlüpfte Individuen alles Studium an den Nagel hängen, vorgebend, keine Zeit für dasselbe zu haben; ein altes jüdisches Sprichwort sagt schon: Wer die Wissenschaft auf einen Tag 7er- üisst, den verlässt sie auf 3 Tage; das Sprichwort stammt aus einer Zeit, wo die Naturwissenschaft noch in der Kindheit lag und doch ist es gerade auf die Naturwissenschaft am meisten anwendbar, da dieselbe mit Riesenschritten fortschreitet und dann nicht leicht mehr einzuholen ist, bei ihr ist gerade Stillstand Rückschritt, so sehen wir bei Vielen Stillstand und darum Rückschritte; solche Apotheker sind es auch, die vom Arzte über die Schulter angesehen werden, sie sind es, von denen man nur zu häufig auf den ganzen Stand sein Urtheil stellt und den Apotheker als Krämer betrachtet. Der Apotheker soll seiner Stellung nach aber auch Kaufmann sein; bei seinem meist kleinen Umsätze muss er suchen, 96 seine Waare aus der billigsten Quelle zu beziehen, jedoch nur unter der Bedingung, stets die beste Qualität zu erhalten; was den Verkaufspreis der Waare anbetrifft, so hält es aus diesem Grunde schwer mit dem Kaufmanne zu concurriren, da dieser die Qualität weniger zu berücksichtigen braucht und er auch meist in grösseren Quantitäten kauft, darum dieselbe billiger aeqinnren kann. In dieser Hinsicht steht der Apotheker zwischen Charybdis und Scylla, der Apothekenrevisor verlangt die beste Waare, ohne nach der Grösse des Preises zu fragen, das Publicum (dies gilt besonders beim Handkauf) die billigste; meist ohne ein Urtheil über die Güte zu haben. Sehen wir, welchen Nutzen der naturwissenschaftlich gebildete Apotheker, der besonders in kleinen Orten häufig als der einzige Naturkundige betrachtet und zu liathe gezogen wird, der Industrie zu schaffen vermag, so sollte man meinen, dass dem Staate daran liegen müsse, dass der Apotheker auch die richtige Stellung einnehme, die ihm seinen Kenntnissen, seiner practischeu Thätigkeit und Nützlichkeit für das Gemeinwohl nach gebührt; ist dem so ? sehr selten! und wesshalb nicht ? weil der Apotheker unter der Vormundschaft von Männern steht, die den Apotheker stand nicht durch und durch kennen! Ich kann nicht umhin, hier eines Mannes, dem medicinischen Stande angehörend, der in einer Zeit, wo häufig Aerzte geradezu eine feindliche Position gegen den Apothekerstand einnahmen, zu gedenken: des Ober-Medicinalraths und früheren Professors der Pharmacologie Dr. Phöbus in Giessen, welcher in einem Schriftchen: Offenes Sendschreiben an den Apotheker 0. Waldheim in Wien, das sich in Nr. 8 und 9 der Zeitschrift des allgemeinen Oesterreichischen Apothekervereins und in der Russischen pharm. Zeitschrift Nr. 9, 10 und 11, 1870 abgedruckt findet, ein Schriftstück veröffentlichte, das für den pharm. Stand eine Lanze einletge; diese Schrift bespricht zuerst die Ursachen, wodurch die Stellung der Apotheker in den letzten 5 Decennien eine so schwierige^: geworden sei und sieht dieselben: 1) in den gesteigerten Ansprüchen, die sowol die Regierungen, Aerzte und das Publicum an den Apotheker machen; 2) in den gesteigerten Ansprüchen, welche in technischer Beziehung an den Apotheker gemacht werden; 3) wogegen die Einnahmen nicht im Gleichgewichte mit diesen Ansprüchen stehen, indem: a) der Gesundheitszustand der Bevölkerung mit dem Steigen des Wohlstandes in Mittel-Europa durch bessere Nahrung und Wohnung eine günstigere geworden ist; b) das ärztliche Verfahren ein erfolgreicheres und einfacheres wurde, wodurch: c) die Arzneisucht mancher Menschen kleiner wurde; BWmiHH^^HIHHHH 97 d) die Benutzung der Bäder, Mineralwasser u. s. w. zugenommen hat*), wodurch e) viele chemische Ppte. und galenische Mittel darum verdrängt werden; f) chemische Ppte. von Nichtapothekern verkauft werden, wozu noch die Uebergriffe von Geheimmittelkrämern und Droguisten kommen. Dr. Phöbus sagt: die Factoren gewinnen von Jahr zu Jahr an Bedeutung und die Staatsregierungen lassen es sich nicht angelegen sein die unberechtigten derselben zu entfernen, und doch sei es für das allgemeine Beste hoch icichlig, dass der Apotheker so sorgenfrei gestellt sei, dass er freudig seinen mühsam schwierigen, häufig der Gesundheit nachtheiligen, immer sorgenvollen Beruf erfüllen könne. Dr. Phöbus beklagt ferner, dass noch immer der pharmaceu- tische Stand unter ärztlicher Autorität stehe, das sei im vorigen Jahrhunderte entsprechend gewesen, jetzt sei es nicht mehr zeit- gemäss. Es sei die Pflicht der Aerzte, von ihrem Standpunkte aus das allseitige Verlangen der Apotheker nach Verbesserung als gerecht bei jeder Gelegenheit anzuerkennen und zu unterstützen. So viele Wege auch bis jetzt von den Apothekern eingeschlagen wurden, eine richtige Stellung des Apothekerstandes dem Staate, den Aerzten und dem Publico gegenüber zu erringen, es verhalle alles fast ungehört, oder es wurden doch nicht die richtigen Wege eingeschlagen, eine gründlichere Beform zu ermöglichen! Die Apotheker können es nur als höchst dankenswerth anerkennen, dass eine so bedeutende medicinische Persönlichkeit, wie der Ober-Medicinalrath Phöbus, in dieser Angelegenheit sich für den pharm. Stand ausgesprochen hat. Zum Schlüsse dieses Capitels kann ich nicht unterlassen, zur richtigen Beurtheilung des Apothekerstandes folgende Punkte zu berühren, die wol bei einer durchgreifenden Reform Berücksichtigung verdienten: 1) die Oberaufsicht der Apotheken müsste einem practischen und wissenschaftlichen, «5er noch im Besitze einer Apotheke seienden, die Pharmacie ausübenden Apotheker übertragen werden, da n ur dieser die pharm. Verhältnisse, wie sie gerade zur Zeit liegen, kennen kann; *) Man vergleiche die Zalil der Arzneimittel gegen die Zahl der Heilmittel aus früherer Zeit und man wird finden, dass dieselben oder eigentlich der Gebrauch von ersteren abgenommen, die Zahl und der Gebrauch der letztern aber zugenommen hat. Potio Riverii und Brausepulver sind z - B. fast gänzlich von Sodawasser, Salzlösungen durch Bitterwasser verdrängt worden. 7 98 2) die Apothekerordnung sollte nur von Apothekern bearbeitet werden, wobei jedoch den Aerzten eine berathende Stimme zuzuerkennen wäre, damit diese Apothekerordnung: a) eine richtige allgemeine Basis zur Entwerfung der Taxe; b) feste Normen, um den Apotheker gegen Uebergriffe der Kaufleute zu schützen aufstellte; je mehr dieser Schutz d. h. in Wirklichkeit und nicht in unausführbaren Gesetzen allein ausgeübt wird, nach desto billigern Grundsätzen kann die Taxe berechnet werden. Der Verkauf von Arzneimitteln durch die Dro- guisten erfordert, besonders was die Giftstoffe und streng wirkende Arzneimittel anbetrifft, nicht allein zum Schutze des Apothekers, sondern auch aus sanitätspolizeilichen Rücksichten eine durchgreifendere Reform; wer Gifte verabreicht, muss sie chemisch und toxikologisch auch gründlich kennen! Die Droguenhandlungen einer Revision, die Güte der Arzneimittel betreffend zu unterwerfen, hat seine grosse Schwierigkeit, da der Droguist häufig je nach der Nachfrage des Publicums mehre Qualitäten einer und derselben Waare zu halten sich genöthigt sieht; kauft der Apotheker von ihm, so prüft derselbe die Waare, da er für sie verantwortlich ist; solche Prüfung jedoch anzustellen ist der geringste Theil des kaufenden Pu- blicnms im Stande. Es kömmt häufig vor, dass der Arzt dem armen Kranken nicht allein, sondern selbst dem Reichen (um sich lieb Kind zu machen) anräth, das Medicament aus der Droguenhandlung zu nehmen; wer giebt da die Garantie für die Güte des Mittels? Ist dem Apotheker sein täglich Brod nicht zu knapp zugemessen, so wird er auch im Stande sein, wenn der Arzt auf das Recept oder einen, mit seiner Unterschrift versehenen einfachen Zettel „pauper" schreibt, den Armen den Preis zu ermässigen. c) Das Rabattgeben an Corporationen oder Gemeinden sollte die Regierung vom Apotheker nicht verlangen; da der Apotheker eben so seine Abgaben zahlen muss wie jeder andere Staatsbürger, so ist es gewiss ungerecht, ihm zum Besten der Commune noch eine besondere Steuer aufzulegen, denn dass das Rabattgeben eine solche Steuer ist, wird man mir zugeben. Sucht ein College dem andern durch Rabattgeben hier und da Abbruch zu thun, so schadet einer dem andern und geniesst der dritte den Vortheil; honette Collegen werden diesen Weg zur Vergrösserung ihres Geschäfts nicht einschlagen und ist derselbe auch niemals segenbringend. ■■■ ■i MBH 99 d) Der Geheimmittelschwindel, sowie auch ein grosser Theil des Patentmittelschwindels sind ein Krebsschaden für die rationelle Medicin und Pharmacie, häufig ein Betrugssystem, dem die Staaten eben so wie jedem andern Betrüge entgegentreten sollten; dem Apotheker con- trolirt man jeden Pfennig und Kopeken, der Geheimmittelschwindel betrügt das Publicum um Thaler oder Rubel. e) Der Staat sollte die Anlegung neuer Apotheken nur, nachdem er sich von der wirklichen Notwendigkeit solcher, durch sachverständige Unpartheiische überzeugt hat, gestatten. Auch hier hat die Apothekerordnung feste Grundsätze (wie sie für llusslaud neuester Zeit aufgestellt wurden) zur Regelung dieser Frage aufzustellen. f) Gute Vorkenntnisse sind für den, in die Apotheke als Lehrling eintretenden jungen Mann nothwendig, doch kann man darin auch zu weit gehen (wie die Medico- chirurg. Academie in Petersburg). Man hat hier zu berücksichtigen, dass der Apotheker nicht allein Gelehrter, sondern auch Practiker sein, soll; er muss sich an Ordnung, Pünktlichkeit und Reinlichkeit gewöhnen und hiezu erzogen werden; ein älterer Jüngling ist aber schwerer zu ziehen als einer, der noch nicht zu weit an Jahren vorgerückt ist. — Eine Hauptsache aber ist jedenfalls, dass der Principal und Lehrling controlirt werden, ob letztem sich wissenschaftlich auszubilden, Gelegenheit gegeben werde. g) Um eine Controle zu haben, dass der Gehülfe seine Conditionszeit nicht allein practisch, sondern auch theoretisch ausbeute, möchte es gut sein, beim Beziehen der Universität ein Tentamen über Naturwissenschaften und ein Examen über Geometrie und Algebra zu verlangen (hierdurch kann die Vorbildung eines vollständig beendigten Gymnasialkursus ausgeglichen werden). h) Nach solchem Examen und Tentamen ist der Pharma- ceut als wirklicher Studirender aufzunehmen und wird wie der Professor der Pharmacie zur philosophischen Falcultät gerechnet; zum Professor sollten nur solche, die den practisch-wissenschaftlichen Weg zur Erlernung der Pharmacie durchgemacht haben, gewählt werden. i) Der, welcher einer Apotheke vorstehen will, hat nicht allein einem gründlichen theoretischen, sondern auch einem practischen Examen sich zu unterwerfen, namentlich ist analytische, gerichtliche, physiologische und pathologische Chemie hiebei zu verlangen, durch welche Kenntnisse und practische Gewandtheit er dem Arzte 7* 100 von grossem Nutzen sein kann, und diesem hierdurch näher steht, wobei der pharmaceutische Stand an Achtung nur gewinnen muss. Was nun das Studium der speciellen pharmazeutischen Fächer, pharmaceutische Technik pharmaceutische Chemie und Botanik, sowie Pbarmacognosie anbetrifft, so wäre im Interesse von studi- renden Medicinern und Pharmaceuten zu wünschen, dass für erstere nur pharm. Chemie und zwar mit Berücksichtigung der Eigenschaften der pharm. Ppte, ohne auf ausführliche Auseinandersetzung von Darstellung und Prüfung einzugehen, auf den Universitäten gelesen würde, um als Grundlage für die Verordnungen von Arzneimitteln zu dienen. Für den Pharmaceuten ist es nothwendig, dass diese Fächer so gründlich und ausführlich vorgetragen werden, dass er seine Ppte und Rohstoffe nach allen Seiten hin gründlich kennt; ausserdem muss er ihre Darstellung practisch zu üben Gelegenheit haben, was auch für analytische, gerichtliche und pathologische Chemie gilt. Durch solche Einrichtung würden dem Mediciner die pharm. Fächer, die er doch meist als Nebenfächer betrachtet, nicht verleidet werden und er den Pharmaceuten, dem diese — des Me- diciners Nebenfächer — Hauptfächer sind, mit andern Augen ansehen lernen. Um nun aber ein gründlich theoretisches Studium und gehörige practische Uebuug in oben angeführten Fächern zu erlangen, ist es nöthig: a) dass der Pharmaceut wenigstens 4 Semester die Universität frequentire. Wird dem Apotheker vom Staate ein grösserer Schutz zu Theil, so dürften seine peeuniären Verhältnisse sich auch so weit verbessern, dass er dem Gehülfen eine grössere Gage zu zahlen im Stande wäre, dieser somit in den Stand gesetzt würde, für die Zeit des Studiums die Mittel hiezu zu sparen. Hauptsache aber ist, wie ich schon früher bemerkte, dass der Gehülfe gut vorbereitet zur Universität komme; b) dass nur wirklich practisch und theoretisch herangebildete Apotheker (nicht Mediciner, wie noch jetzt auf einigen Russischen Universitäten) die pharmaceutischen Fächer lesen und die practi- schen Uebuugen beaufsichtigen. Ich kann dieses Capitel nicht schliessen, ohne darauf aufmerksam zu machen, welche Uebelstände das Selbstdispensiren der Homöopathen, sowie der Land- und Thierärzte mit sich bringt; dafehltjede Controle nicht allein, was den Preis der Arznei, sondern auch was Ordnung, Accuratesse und die Güte der Medicamente betrifft. Ist die Taxe von Fachmännern entworfen, so werden diese gewiss Sorge tragen, dass die für Thiere bestimmten Arzneien und namentlich die in grösseren Quantitäten gebraucht werdenden, nicht zu hoch aus den Apotheken zu stehen kommen. Was das Behandeln der Kranken von Nichtärzten anbetrifft, wie es das Deutsche Reich aufgefasst wissen will, so haben 101 wir dasselbe schon früher besprochen und muss sich solch Gesetz als unhaltbar herausstellen. Einer der grössten Uebelstände, gegen den die Pharmacie von Jahr zu Jahr anzukämpfen hat, ist der Mangel an Gehülfen und Lehrlingen. Vergleichen wir die Gagen der Kaufleute mit den Gagen der Apothekergehülfen und zwar mit Berücksichtigung ihrer Leistungen, auch ohne die wissenschaftliche Thätigkeit der letztern in Anschlag zu bringen, ferner erwägen wir wie der Kaufmann mit geringern Mitteln zur Selbstständigkeit gelangen kann als der Pharmaceut: so wird dieser Mangel leicht erklärbar. Es drängt sich uns aber die Frage auf, kann der Apotheker unter den Verhältnissen, wie sie zur Zeit stehen, grössere Gagen zahlen? die Antwort lautet nein! Wird aber die Stellung der Apotheker eine günstigere, so werden sie auch in 8. Chloressigsäure — entElement — Chlor — zu ersetzen fähig sei, Substanz zu bewirken, 103 sichten beitrat, nachdem er erkannt hatte, dass sich in der Essigsäure alle 3 Atome Wasserstoff durch 3 Atome Chlor ersetzen lassen, ohne dass die neue Verbindung aufhört die Eigenschaft einer Säure zu haben; sie sättigt dieselbe Quantität Base wie die Essigsäure, aus der die neue Säure — standen war. Dass ein electronegatives ein electroposives — den Wasserstoff — ohne eine gänzliche Umwandlung der wurde für Dumas der Hauptgrund, sich gegen die electro- chemische Hypothese zu erklären. Berzelius stritt für seine Ansichten, die Thatsache konnte er nicht wegläugnen, suchte sei aber durch andere Formeln wie Dumas, wiederzugeben. Dumas sah die Essigsäure, wie Berzelius, als C4H3O3 -f HO, aber die Chloressigsäure als C4CI3O3 -f HO an, wogegen Berzelius sie als C 2 0 3 4. C 2 C1 3 + HO angesehen wissen wollte. Nach langem Hin- und Widerstreiten blieb jedoch Dumas Sieger und müssen wir die später entwickelten Ansichten über die Constitution chemischer Verbindungen von Laurent, Gerhard, Kolbe, Kekule als Weiterentwickehmg der Dumas'chen Grundidee ansehen*). Eine Erweiterung dieser Ansicht war Dumas Entdeckung, dass nicht allein ein Element, sondern auch ein zusammengesetzter Körper den H zu ersetzen im Stande sei, wie z. B. die Untersalpetersäure N0 4 , das Amid H,N u. s. w.; wir werden später Gelegenheit haben zu sehen, wie gar viele Atomgruppen die Eigenschaft haben, den Wasserstoff zu ersetzen, ohne dass die Grundeigenschaft der Verbindung dadurch verloren geht. In den Derivaten des Ammoniaks finden wir z. B. den Wasserstoff sowol durch Basen wie durch Säureradieale ersestzt, z. B. im P 2 tt!N durch Aethyl, im Acetamin =■. C 2 H j N Aethylamin = durch Acetyl; wir kommen auf diese noch einmal zurück**). *) Atomgewicht des C = 6, O = 8. j„.-n___ ** Ich erlaube mir hierdurch die Bemerkung zu machen, das« Dumas <>nd Laurent das Kind ohne Noth mit den Bade ausschütteten, indem sie keinen andern Grund hatten, die electrochemische Theorie um.ustossena^s den: da»» da» »ketronegative Chlor de« ,l*ctropo» t Hv*nWa»»er»toß*r»*tze (Chlor verhalt sich ia gegen Sauerstoff auch electropositiv). Da dTelectrische Spannung des (ldo,s gegen Wasserstoff eine sehr grosse ist so ist es auch natürlich, dass (hier und Wasserstoff sich ver- binden / wenn erstes letzte,,, in der organischen V«rb«dnnj vorfindet es entsteht, also Salzsaure HCl , der Atomeomplex des ° r S a ™™l n *£ pers ist aber nun gestört; aus der Essigsäure C 4 H 3 0 3 .st QH^3 gewordOT, also etwas unvollständiges, das nicht bestehen kann. Chlor ist das einzige Element, Vä" frei vorhanden ist, der unvollständige Atomeomplex nimmt es daher' - um sieh zu restituiren - auf, es entsteht C 4 C J0 3 . Das 2. Atom Chlor wirkt wieder auf diese Verbindung Wasserstoff, entziehend, es entsteht wieder HCl und ein abermals unvollständiger Atom - Complex _- 0 4 *J 0 3 , der nicht bestehen kann, sich also wieder durch Aufnahme von 104 Atom, Molecul und Aequivalent. Durch die Substitution wurde man darauf geführt, die Begriffe von Molecul, Atom und Aequivalent präciser festzustellen, Begriffe, die vor Dumas Entdeckung der Substitution oft verwechselt wurden; namentlich war der Begriff von Aequivalent ein sehr vager, so dass Einer das, der Andere jenes darunter verstand. Dumas stellte fest, dass die Atome nicht immer aequivalent, sondern häufig verschiedenwerthig sein können, eine Annahme, welche unsere heutigen Ansichten über die rationelle Constitution total umänderte und zu der neuen Alomicüätslheorie führte. Wie wir früher sahen, hielt es schwer, Gay-Lussacs Gesetz über die Verbindungen nach Volumenverhältnissen in Uebereinstimmung mit der atomistischen Theorie zu bringen. Der Italienische Physiker Avogadro ermöglichte dies 1811 schon durch die Annahme, dass er 2 verschiedene Molecule mo- lecules integrands — von spätem Chemikern nur Molecule und molecules elementaires, Atome genannt — annahm; nach ihm sind in gleichen Volumen aller Gase eine gleiche Anzahl Molecule anzunehmen, deren Entfernungen so gross sind, dass sie keine Anziehung gegen einander ausüben, sie sollen sich aber unter dem Einflüsse chemischer Kräfte weiter zu zerlegen fähig sein, mit andern Worten: die Molecule sind noch in Atome theilbar. A. sagt: soll das, aus gleichen Volumen von Stickstoff und Sauerstoff ohne Contraction entstehende Stickoxydgas ebenso viele Molecule enthalten wie jene, so darf die Verbindung nicht in einer Aneinanderlegung vorher getrennter Molecule bestehen, welche nothwendig eine Verminderung der Anzahl von Partikeln zur Folge haben würde, sondern sie muss durch einen Austausch zu Stande kommen. Sowol das Stickstoff- wie das Sauerstoffgas- Molecul müssen sich in zwei Atome spalten, welche sich dann gegenseitig vereinigen. Während also vor der Verbindung das Gasgemisch aus ungleichartigen Moleculen bestand, von denen die eine Hälfte aus 2 Atomen Stickstoff, die andere aus 2 Atomen Sauerstoff zusammengesetzt ist, wird das Verbrennungsproduct ein homogenes, 1 Atom Chlor zu restituiren sucht, es entsteht C^p, O3, so geht es fort bis das electronegative Chlor keinen electropositiven Wasserstoff mehr findet, das Endresultat der Einwirkung von Chlor auf Essigsäure ist die wasserstofffreie aber chlorhaltige Trichloressigsäure C4CI3O3. Sehr häufig machen Chemiker, welche die electrochemische Theorie verläugnen, Bemerkungen, die darthun, dass sie ohne dieselbe doch nicht bestehen können — der an "Wasserstoff oder Alkalimetall gebundene Schwefel kann durch Nitroprussidnatrium, nicht aber der an Chlor oder Sauerstoffgebundene durch dieses Reagens nachgewiesen werden. Man nennt den Schwefel in ersterer Verbindung daher electroncgativen, den in letzterer aber electropositiven. Kann nicht auch ein electronegatives und ein electropositives Chlor existiren? 105 wird aber eine ebenso grosse Anzahl von Theilen enthalten, welche durch die Aneinanderlagerung von einem Stickstoff- und einem Sauerstoffatom entstanden sind. Näheres über Avogadros Hypothese (die jedoch neuester Zeit wieder angegriffen wird) siehe Dr. A. Ladenberg, Entwicke- lungsgeschichte der Chemie. Erkannt hatte man längst, dass sowol den einfachen wie auch den zusammengesetzten Gasen gleiche physikalische Eigenschaften zukämen. Gleiche Volumina aller Gase mussten also die gleiche Anzahl Molecule oder physikalische Atome enthalten, die aber durch mechanische Kräfte nicht weiter theilbar seien. Das für die Molecule angenommene Gewicht nannte man Molecu- largewicht und verhalten sich die Volumgewichte wie die Mole- culargewichte. Man definirt also das Molecul: ein Molecul ist die kleinste Menge eines Körpers im freiem Zustande z. B. HCl (Salzsäure), ein Atom die kleinste Menge eines Elements in dem Molecule seiner Verbindung, z. B. in der Salzsäure der Wasserstoff und das Chlor. Die zusammengesetzten Gase bestehen aus zwei oder mehren Elementen, ihre Molecule sind durch chemische Kräfte theilbar, ihre materiell verschiedene Theilchen heissen Atome. Physische und chemische Gründe berechtigen zu der Annahme, dass auch das Molecul der Elemente eine Gruppe von wenigstens 2 Atomen sei. Alle elementaren Molecule enthalten eine gleiche Anzahl von Atomen; allgemein wird angenommen, dass 2 Atome eines Elementes = 1 Molecul sei. Die doppelt so grossen Moleculargewichte der Elemente verhalten sich sonst wie die Atomgewichte und diese wie die Volumgewichte. Volumgewicht ist das specielle Gewicht der Gase, bei welchem statt der Luft der Wasserstoff als Einheit angenommen wird, so ist das sp. Gew. des H (das sp. Gew. der Luft = 1 angenommen) = 0,0692, das des Cl = 2,4566, letzte Zahl durch die erste dividirt, giebt das At.-Gew. des Cl — 35,5, aber auch zugleich sein Vol.-Gew., da sich 0,0692 : 2,4566, wie 1 : 35,5 verhalten. Nehmen wir ein bestimmtes Volum Wasserstoffgas = 1 Ge- wichtstheil an, so wiegt ein gleiches Volum Sauerstoffgas = 16 Gewichtstheile, es wiegt z. B.: 1 Liter Wasserstoffgas = 0,0896 Grammen, 1 „ Sauerstoffgas = 1,4336 „ und nennt W. Hoffmann das Gewicht eines Liter irgend eines Gases sein Krith (vom Griechischen Worte Kqiötj Gerstenkorn). Wir bezeichnen daher die Elemente durch Einlitersymbole und stellen die Verbindungen durch Zweiliterformeln dar: H re- Präsentirt 1 Vol. = 1 Gewichtstheil, HCl = 2 Vol. = 36,5 Ge- Tvichtstheile, H 3 N = 2 Vol. = 17 Gewichtstheile. Mit wenigen Ausnahmen sind die Gasvolumina auf dieselbe Lmheit bezogen, zugleich die Atomgewichte der Körper und die ■MMIOT 1HBSMBB 106 Molecule doppelt so gross als die Atomgewichte, wenn 1 Mol. H = 2 At. H ist, so muss das Moleeulargewicht von 0 (2 X 16 = 32) sein, Wasserstoff und Sauerstoff verbindnn sich in dem Verhältnisse von 2 Vol. des erstem zu 1 Vol. des letzten, oder von 2 At. mit 1 At. = 2 und 16 Gewich tsth eilen zu 18 Ge- wichtstheilen Wasser, diese nehmen in Gasform den Raum von 2 Vol. Wasserstoff ein, stellen also 1 Molecul Wasserdampf dar. 1 Vol. Wasserstoffgas und 1 Vol. Chlorgas verbinden sich zu 2 Vol. Chlorwasserstoffgas, in Gew.-Th. 1 -(- 35,5 = 2 Vol. also 1 Vol. ?|i = 18,25. Da gleiche Vol. einfacher Gase gleichviel Molecule enthalten, ihre Volumgew. also zugleich das Verhältniss ihrer Molecularge- wichte ausdrücken, so drücken sie, wenn 1 Mol. = 2 At. ist, auch das Verhältniss ihrer Atomgew. aus. Da ferner die Volumgew. einfacher Gase zugleich die Verbindungsgew. der Körper sind, so ist Verhindungsgew. — Atomgew, und nimmt man H als Einheit an, auch — dem Volumgew. Die Moleculargewichte sind dann meist doppelt so gross: 1 Vol. 1 Atom 1 Mol H = 1 1 ... 1 )1 = 2 N = 14 1 ii ... 1 J! = 28 0 = 16 1 n . . . . 1 11 = 32 S = 32 1 ii ... 1 n = 64 Cl = 35,5 1 ii ... 1 ii = 71 Br= 80 1 ... 1 = 160 J = 127 1 ... 1 = 254 (Rammeisbergs Grundriss.) Da nun die neuere Chemie 1 At. H = 1 und 1 At. 0 =. 1(5 annimmt und sich 2 Vol. = 2 At. H mit 1 Vol. = 1 At. 0 verbinden, so schreibt man die Formel von Wasser nicht mehr wie früher (Gmelin) HO = 9 sondern, H 2 0 = 18. So wurde die Gay-Lussac'sche Volumtheorie mit der Atomtheorie in Einklang gebracht, indem man die Atomgew. mehrer Elemente verdoppelte*). Die Thatsache, dass 1 Vol. H und 1 Vol. Cl zu 2 Vol. Chlorwasserstoff: 1 Vol. 0 mit 2 Vol. H zu 2 Vol. Wasserdampf, 1 „ N „ 3 „ H „ 3 „ Ammoniakgas sich verbinden, steht demnach fest; es ist also 1 Molecul einer gasförmigen Verbindung = 2 Vol. das Gewicht, dieser ?i Vol., das Moleeulargewicht ist also diejenige Menge eines Körpers, welche in Gasform den Raum ton 2 Vol. W asser stofgas einnimmt. Unter dem Ausdrucke Aequivalent versteht die neuere Chemie *) Kohlenstoffatom = 6 habe ich mit C, Kohlenstoflatoin = 12 aber mit C. Sauerstoffatom — 8 habe ich mit O, Sauertoffatom = 16 mit 0 u. s. w. bezeichnet. ■^^■■^^^■^E 107 nur die gewisse Menge eines Stoffes, die in einer Verbindung eine gewisse Menge eines andern Stoffes ersetzen kann; so sind z. B. 108 Gewichtsth. Silber mit 35,5 Cl verbunden und können 39,1 Gewicbtsth. Kalium sieb mit den 35,5 Cl verbinden und 108 Gewichtsth. Silber ausscheiden. Im Essigsäurehydrat C2^5'Okann. 1 At. H durch 1 Atom Natrium ersetzt werden; die Atomgew. wie K, Ag, Na, H sind also Aequivalente. Für die Aequiva- lente des Eisens, Kupfers, Quecksilbers etc., Metalle, die verschiedene Oxydationsstufen haben, mussten nach Laurent und Gerhard, da sie Salze mit verschiedenen Eigenschaften bilden, auch verschiedene Gewichtsgrössen für ihre Aequivalente angenommen werden, damit die Salze der Sesquioxyde mit den normalen Basen in Einklang gebracht werden konnten. So enthielt das neutrale schwefeis. Eisenoxydul (FeO -f- S0 3 ) 28 : 16 auf dieselbe Menge Schwefel 3 /2 Mal so viel Eisen als das neutrale schwefelsaure Eisenoxyd (Fe 2 0 3 + 3S0 3 ) 56 : 48. 28 Th. Eisen im Oxydulsalze und 182/ 3 Th. Eisen im Oxydsalze können 1 Th. H. ersetzen, es sind also im ersten 28 Th., im letzten 18 2 / 3 Th. Eisen 1 Th. H aequivalent, deshalb bezeichnen genannte Chemiker das Aequivalent des Eisens im Oxydulsalze mit ferrosum (Fe = 28) und das Aequivalent im Oxydsalze mit ferricum (Fe 2 / 3 X 28 = 18 2 / 3 ) und schreiben die Formel des Oxydulsalzes (Fe2)S0 4 , die des Oxydsalzes (Fe 2 )S04. Näher auf diese Bezeichnungen einzugehen, würde unsere Grenzen überschreiten heissen, man lese darüber Ladenberg, Entwicke- lungsgeschichte der Chemie, S. 205. Da beim Vertreten des H durch Chlor (Dumas Substitution) neue Körper, welche ähnliche Eigenschaften haben wie die ursprünglichen, Wasserstoff enthaltenden Verbindungen entstehen, wurde Laurent veranlasst anzunehmen, dass in allen organischen Verbindungen entweder ursprünglich C und H oder abgeleitete Kerne enthalten seien, in denen diese beiden Elemente paarweise vorkommen. Bei der Substitution des H durch andere Elemente (Cl) oder Verbindungen (NO2) entstehen Nebenkerne; hierauf bauete Laurent ein neues hypothetisches Gebäude auf, das er Kerntheorie nannte, welche aber ebenso wenig Anhänger wie die Gmelin'sche Kerntheorie fand. Wir wollen nur einige Beispiele für diese Kerntheorie anführen: Kern Etherin C 4 H 8 (C = 12). Chlorwasserstoffsaures Etherin = C4H4 -4- H2CI2 ' 4 ci 2 | *ci 4 i oder Chloretheras = C4 Chloretheres = C 4 ^< Chloretheris = Chlorelheros = W Cl 6 i C 4 C1 8 ^___- 108 Etheraschlorid = C4CI8 + 4C1 Chlor al = C 4 C1 6 0 + H 2 0 Kern Methylen = C 2 HC Chloroform = C2H2CI4CI2 Cyan = G2N2 Kern = C14H14 Bitlermandelöl = C14H10O2 + IE Benzoesäure = ChHioOj -f- 0 siehe Ladenberg S. 155. Es bleibt uns nun noch übrig, die aus der Substitutionstheorie von Dumas entstandene Typentheorie kurz zu besprechen; kurz aus dem Grunde weil sie, wenn auch für die Entwickelung der neuern Chemie von hoher Bedeutung, doch auf die Entwickelung der Pharmacie nur geringen Einfluss hatte. Wer sich gründlicher mit dieser, neuen Theorie befassen will, findet Belehrung: 1) im Grundrisse der anorgan. Chemie von Rammeisberg, Berlin 1872; 2) in der Entwickeluugsgeschichte der neuem Chemie von A. Ladenberg, Braunschweig 1801); 3) in "Wurtz Geschichte der ehem. Theorien übersetzt von Alph. Oppenheim, Berlin 1870; 4) in Hoffmann, Einleitung in die moderne Chemie. Die Säurehydi-ate sind Wasserstoffsäuren. Laurent und Gerhard versuchten, theils auf die Davy- Dulongsche Hypothese, theils auf die Substitutionstheorie Dumas gestützt, einer neuen Coiistitutionstheorie der Salze sowie aller chemischen Verbindungen Eingang zu verschaffen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass, nachdem Graham die Verschiedenheit der 1-, 2- und ^basischen Phosphorsäure erklärt und Liebig diese Mehrbasicität der Säuren auf die organischen Säuren übertragen hatte, schon Dumas und Liebig dieser Davy - Dulongschen Hypothese wieder Geltung zu verschaffen gesucht hatten. Früher wurde schon angeführt, dass Gay-Lussac das Chlor als einfachen Stoff erkannt und Davy unwiderleglich die Zusammensetzung der Salzsäure aus Chlor und Wasserstoff nachgewiesen hatte; es genügte die Lavoisiersche Definition, dass alle Säuren Sauerstoff enthalten müssten, nicht mehr. Da man im Kochsalze keinen Sauerstoff fand, durfte dasselbe nach der frühern Definition entweder nicht mehr als Salz (Sauerstoffsäure mit Sauerstoffbase) angesehen werden, oder man musste den Begriff von Salz weiter ausdehnen, welchen letzteren Weg Berzelius einschlug; dieser nannte die Salze Verbindungen eines electropositiven Stoffes mit einem electronegativen und theilte sie a) in Halogensalze (Metall mit Halogen, z. B. Na + Cl); b) Sauerstoffsalze (Sauerstoffbase und Sauerstoffsäure z. B. KO + SO3); c) Sulfo- salze (Sulfobase und Sulfosäure, z. B. NaS + C02). Davy erkannte, dass die sauren Eigenschaften nicht durch 109 die Verbindung mit einem besonderen Elemente hervorgerufen würden, sondern diese entständen durch die Verbindung verschiedener Elemente; ferner liege im Sauerstoffe nicht der Grund, welcher den Character der Säure bestimme; denn füge man dem Chlornatrium Sauerstoff zu, so würde die Neutralität nicht aufgehoben, und auch die Sättigungscapacität nach Entziehung von Sauerstoff nicht geändert ; Chlorsäure Clö 5 sättigt Natron (NaO), entzieht man dem entstandenen Salze den Sauerstoff durch Erhitzen, so bleibt das Salz neutral, (NaCl) deshalb will Davy die Chlorsäure nicht mehr als Oxyd des Chlors mit Wasser (C1Ö 5 -f- HO) betrachtet wissen, er fand überhaupt, dass die Chlorsäure ohne Wasser nicht bestehen könne und sieht sie deshalb als eine tertiäre Verbindung aus H, Gl, 06 an. Dolong untersuchte 1815 die Oxalsäure und fand wie Davy bei der Chlorsäure, dass sie ohne Wasser nicht bestehen könne, er sieht sie deshalb ebenfalls als ternäre Verbindung aus C2HO4 an. Vorher betrachtete man sie aus C2O3 -f- HO. Beim Sättigen der ternären Chlor- und Oxalsäure mit Metalloxyden verbindet sich deren Sauerstoff mit dem Wasserstoffe der Säure zu Wasser, das ausgetrieben, eine Verbindung von Metall mit C2O4 zurücklässt. Da nun C2O4 = Kohlensäure ist, die doch in den Oxalsäuren Salzen nicht als vorhanden angenommen werden kann und sich diese direct auch nicht mit Metall verbindet, so lag es nahe, die Oxalsäure aus C2O4 + H (also wie die Salzsäure aus Gl und H) — als Wasserstoffsäure — und die Oxalsäuren Salze als C2O4 -f- Me anzusehen, sie also ganz wie die Haloidsalze zu betrachten. Diese Annahme dehnte Liebig, sich dabei zum Theil auf die Graham'sche Arbeit über die mehrbasische Phosphorsäure stützend, auch auf die anderen organischen Säuren aus. Dehnt man ferner die Betrachtungsweise auf die anorg. Salze aus, so müsste das schwefelsaure Kali als K -f- SO4 betrachtet werden, die Schwefelsäure, eine mit O vollkommen gesättigte Verbindung müsste aber dann dem KO Sauerstoff entzogen haben, Wenn wir das schwefelsaure Kali als K + SO4 betrachten sollen, w as allerdings schwer einzusehen ist Die Zersetzung des schwe- telblausauren Silbers durch Schwefelwasserstoff unter Bildung von Schwefelsilber und Schwefelblausäure wäre den Verwandtschafts- ä'ischauungen zuwider, wenn man das Rhodansilber oder schwe- felblausaure Silber als AgS + Cy 2 S betrachtet, während die Betrachtungsweise desselben als Ag -(- Cy 2 S 2 solche Reaction wol z 'dässt; so äusserte sich damals Liebig! Ich möchte hier noch auf eine Reaction hinweisen, die wol 2u r Stütze der Ansicht dienen könnte, dass ein Metall den H v °Ukommen zu vertreten im Stande sei, oder dass eine im Metall ^haltende organische Säure existiren könne; setzt man zu einer Lösung von weinsaurem Kali Eisenoxyde, Chlorcalcium, so müsste m an annehmen, dass weinsaurer Kalk niederfalle und Chlorkalium neben Eisenchlorid in Lösung bleibe — dem ist aber nicht also — 110 es fällt weinsaurer Eisenoxydkalk nieder und in Lösung bleibt nur Chlorkalium; es muss hieraus gefolgert werden, dass das Eisen fester an die Weinsäure gebunden sei als das bei der schwachen Affinität des Eisenoxydes zur Weinsäure denkbar ist — dass wir es also hier mit einer Eisenweinsäure zu thun haben! so dass das Eisen sogar durch mehre Reagentien nachzuweisen nicht gelingt. Eine sehr genau ausgeführte Nachweisung der Quantität Wasserstoffs in dieser Verbindung müsste hierüber Aufschluss geben *). Die Annahme, dass der Wasserstoff die Ursache der Säurebildung sei, ist auch aus der Eigenschaft der Anhydrite, z. B. des Benzoesäureanhydrits, zu schliessen, das in Aether gelösst, keine saure Reaction zeigt, während diese nach Aufnahme von Wasser hervortritt. Liebig erklärt demnach, indem er die Davy-Dulongsche Hypothese annimmt: 1) Säuren sind Wasserstoffverbindungen, in denen der H durch Metall ersetzbar ist; 2) neutrale Salze sind Verbindungen, in denen der H durch Metall ersetzt ist; 3) die Säurehydrate erhalten ihre Eigenschaften mit Metalloxyden Salze zu bilden, entweder erst bei höherer Temperatur, bei welcher sie die Oxyde zerlegen, oder durch Hinzutritt von Wasser. Das Benzoesäureanhydrit besteht nach der neuen Ansicht aus: 2 At. Benzoyl und 2 At. 0 = £ 14 5 5 ^ 2 ! 0 2 , durch Zusatz von bi4ri 5 U 2 j Salzsäure (HCl) zerfällt es: in Benzoesäurehydrat ChHsO^q /_ q Hi 6, 0 = 8) und Benzoylchlorid C14H5 0 2 1 Cli 4) ohne Wasser können bei gewöhnlicher Temperatur Säure- und Basenanhydrit kein Salz bilden. Die Sättigungscapacität einer Säure ist also vom Wassergehalt abhängig. Diese 4 Punkte sind also die Hauptstützen, auf welche Gerhard und Laurent ihre Theorie von der Constitution der chemischen Verbindung gründeten. Nach dieser Theorie sind die Eigenschaften einer chemischen Verbindung weit mehr von der Lagerung der Atome als von der Natur derselben bedingt. Dieser Satz ist Dumas Hauptstütze, durch welche er die electrochemische Theorie zu bekämpfen versuchte. Nicht allein die Französischen Chemiker, auch die Deutschen suchten nun durch practisch ausgeführte Arbeiten die Typentheorie zu befestigen, verfielen aber da häufig in den Fehler der Speculation, ein Weg, den Berzelius und Liebig streng tadelten. : ') Als Entgegnung dieser Annahme wäre nur anzuführen, dass die Weinsäure die Eigentümlichkeit habe, gerne Doppelsalze zu bilden. 111 H. Kolbe, W. Hoffmann, Kekule, H. Schiff, Wurtz u. a. haben die neuere Chemie mit vielen vortrefflichen Arbeiten bereichert, die z. Th. behufs Feststellung der neuen Theorie angestellt wurden, von welchen Arbeiten ich nur eine: die Herstellung künstlicher organischer H Basen anführen will. Diese Basen sind Ammoniak H'N — in wel- H\ chen ein Theil oder der ganze Wasserstoffgehalt durch ein Alkohol- radical ersetzt ist, aber auch ein Säureradical kann den Wasserstoff ersetzen, wobei sich jedoch keine, Säuren neutralisirende Verbindung bildet, in denen demnach die Basicität des Ammoniaks erlischt. Wird der Wasserstoff des Ammoniaks durch ein Alkohol- radical ersetzt, so heisst das Product Amin z. B. Aethylamin, C2H5J m welchem 1 At. Wasserstoff durch 1 At. Aethyl ersetzt ist = H IN, H} und hat solches basische Eigenschaften wie das Ammoniak selbst, d. h. es sättigt 1 Atom einer einbasischen Säure. Wird dagegen 1 At. Wasserstoff durch 1 At. Säureradical ersetzt, so entsteht ein Körper, der seine basischen Eigenschaften eingebüsst hat, der aber sehr leicht das 2. At. H gegen 1 At. eines Metalles vertauscht; im ersten Falle heisst das Product 0, Amid, z. B. Acetamid C>H 3 H!N, im zweiten Falle Quecksilber- 0 / acetamid C 2 H 3 H |N (C ist hier = 12 und 0 = 16, Hg = Hg\ "00 angenommen), so auch in den von nun an folgenden Beispielen. Bei Aufführung der einzelnen Typen werden wir näher auf diese Verbindungen eingehen. die Homologe Reihen. Körper, welche in ihren Formeln um CH> oder um C// 2 diffe- pF eil i haben häutig (nicht immer) grosse Aehnlichkeit in ihren ^genschaften und werden homologe Körper genannt; je näher sie sieb in ihren Formeln stellen, desto grösser ist ihre Aehnlichkeit. ^° haben wir aus der Fettsäurereihe folgende: Ameisensäure CH 2 0 2 . Margarinsäure Ci6H 3 2Ü 2 . Essigsäure C^H 4 Ü 2 . Stearinsäure Ci 8 H 36 0 2 . Propionsäure C 3 H(;()2. Cerotinsäure C 2 7H 54 02. Buttersäure C 4 H 8 0 2 . Melissinsäure C 30 H 60 O 2 . u. s. w. lerner ist höchst interessant die Beobachtung, dass der Siedepunkt der flüchtigen Homologa mit jeder Zunahme von CH 2 um 19° steigt; 112 so ist der Siedepunkt der Ameisensäure = 100°, der Essigsäure = 119°, der Propionsäure = 138°, der Buttersäure = 157°. ***** ' Quantivalenzen oder Werthigkeit der Elemente und Radicale. Obgleich der Ausdruck Valenz erst nahe zwei Jahrzehnte später in Gebrauch kam, so kannte man schon zur Zeit, als die Typentheorie begründet wurde, die Werthigkeit der Elemente. Wir führten schon früher an, dass gleiche Volumina gasförmiger Körper unier denselben Bedingungen gleich viele Molecule enthalten, sowie, dass die Gewichte gleicher Raurntheile verschiedener Gase die relativen Gewichte der Molecule seien. Die spec. Gew. der Gase oder Dämpfe bezeichnen also die relativen Gewichte ihrer Molecule; so ist z. B.: sp. Gew . Luft = 1 Wasserstoffgas *) Wasserstoffgas . . 0,0G92 .... 2 Sauerstoff . . . . 1,1056 . . 32 Schwefel . . . . 2,2110 . . 64 Stickstoff . . . . 0,9713 . . 28 Chlor . . . , 2,4580 . . 71 . 5,5830 . 160 Jod ... . 8,7840 . . 254 Quecksilber . . 6,9200 . 200 Wasser . . . 0,6220 18 Kohlensäure . • (C0 2 ) 44 Chlorwasserstoff . (HCl) . . 36,5 Ammon . . • (H.,N) 17 Kohlenoxydgas »ff (H,S) . 28 Schwefelwasserst . 34 Phosphorchlorür • (PCls) . 137,5 Wird also das Moleculargewicht des H — 2 gesetzt, so drückt die zweite Spalte das relative Moleculargewicht der angeführten Stoffe aus. Wenn wir das Atomgewicht eines Elements aus dem Mole- culargew. und der Zusammensetzung seiner Verbindung berechnen, so finden wir im Molecule des Chlorwasserstoffs HCl, im Moleculargewichte desselben = 36,5 — 35,5 Theile Chlor mit 1 Theile Wasserstoff, 1 ist also das Atomgewicht des Wasserstoffs, ebenso ist 35,5 das Atomgewicht des Chlors. Im Molecularge- gewichte des Wassers (18) finden wir 2 Th. Wasserstoff mit 16 Th. Sauerstoff. Da nun in keiner andern Sauerstoffverbindung weniger als 16 Th. Sauerstoff enthalten sind, so ist 16 das Atomgewicht des Sauerstoffs. In 44 Th. Kohlensäure (dem Moleculargewichte derselben) sind 12 Theile Kohlenstoff mit 2 X 16 Th. Sauerstoff *) Um die Zahlen der ersten Spalte in die der zweiten zu verwandeln, braucht man sie nur mit 0,0692 oder mit 28,9 zu multiplioiren. w* BHBBH BMMMMPMiPHMHi^MHM^BHMBM^MMiHHB L13 enthalten. Da min in keiner Kohlenstoffverbindung weniger als 12 l'h. Kohlenstoff enthalten sind, so ist das Atomgewicht des Kohlenstoffs = 12 angenommen. Die Atomgewichte der Elemente verhalten sich wie die Mole- culargewichte derselben und zwar sind letztere doppelt so gross wie die ersteren. Ebenso enthalten gleiche Volumina einfacher Gase auch eine gleiche Anzahl von Atomen. Ausführlicheres über Atom- und Moleciüargewicht sowie über die Ansichten, durch welche man erklärt, wie gesättigte Verbin- iii ii in n jungen, z. B. NO und übersättigte wie N2O5 bestehen, findet sich [u Streckers kurzem Lesebuche der organischen Chemie 1867 S. öl und in der Einleitung in die moderne Chemie von W. Hoffmann 1871 S. 268 und 289. Wir führten schon bei der Gay-Lussac'schen Volum-Theorie an, dass 1 Vol. H und 1 Vol. Cl zu 2 Vol. Chlorwasserstoff, 2 „ H „ 1 „ 0 zu 2 Vol. Wasserdampf, 3 „ H „ 1 „ N zu 2 Vol. Ammoniak, 4 „ H „ 1 „ C zu 2 Vol. Sumpfgas sich verbinden; in letzterem ist der im Gaszustande nicht bekannte Kohlenstoff nur hypothetisch als Gas angenommen. Wir ersehen aus diesen eben angeführten Verbindungen ferner, dass 1 Vol. oder 1 At. = 35,5 Gewichtsth. Chlor, 1 Volum oder 1 At. = 1 Gewichtsth. Wasserstoff, 1 Vol. oder 1 At. = 16 Gewichtsth. Sauerstoff, 2 Vol. oder 2 At. H, 1 Vol. oder 1 At. ~= U Gewichtsth. Stickstoff, 3 Vol. oder 3 At. H und 1 At. oder 12 Gewichtsth. Kohlenstoff — 4 Vol. oder 4 At. II zu binden "vermögen. Der Wasserstoff, der als das leichteste Element an der Spitze der Volumgewichte der Elemente steht, der uns die nöthigen Einheiten für Atom- und Moleculargewicht lieferte, dient nun * u ch als Maass der Verbindungsfähigkeit der Atome, aus welchen die Werthigkeit derselben resultirt. Ea verhält sich nämlich das Verbindungsgewicht zum Ersatzgewichte: oeim Wasserstoff ^ „ Chlor = 35,5 : I l, also -=■ 1, dei'selbe ist also lwerthig; Sauerstoff = 16 : 8, also Stickstoff = 14 : 4,66, also Kohlenstoff = 12 : 3, also 35 5 35,5, also-s^ = 1, dasselbe ist also lwerthig; 00,0 2, derselbe ist also 2werthig; = 3, derselbe ist also 3werthig. lj> 8 = 14 4,66 12 4, derselbe ist also 4werthig. Die Verbindungsgewichte oder Atomgewichte sind die Gewichte, | J i denen sich die Elemente an der Bildung eines Moleculs beteiligen. Die Ersatzgewichte kann man als die Aiombüdendm 8 114 Aequivalenle der Elemente ansehen; es sind die Gewiehtsmengen, in denen sich die Kiemente ersetzen, wenn es sich darum handelt, ein Atom des Normalelementes ■— des Wasserstoffs — zu binden. Die Werthigkeit oder Quantivalenz bedeutet nun die Atom bindende Kraft der Elemente. Neben dem Wasserstoffe ist das Chlor, Jod, Brom u. s. w. einwerthig; da 2 At. H 1 At. ü binden, so ist der 0 zweiwerthig und wird durch die Römische Zahl II (Ö) über seinem Symbole bezeichnet. Der Stickstoff' ist dreiwerthig und der Kohlenstoff vierwerthig, man bezeichnet sie III IV also mit N und C. Ebenso wie die Elemente 1-, 2-, 3- und 4werthig sein können, sind es auch die organischen Radicale, z. B. Aethyl i ii C 2 H 5 (Iwerthig), Aethylen C2H4 (2werthig), das Radical des Glyce- iii rins C3H5 (dreiwerthig); die lwerthigen Radicale ersetzten nun 1 At., die 2werthigeu 2 At. und die owerthigen 3 At. H in den Verbindungen; es existiren aiich 4werthige Radicale, die 4 At. H zu ersetzen fähig sind. Versuchen wir nun, die Elemente nach ihrer Werthigkeit zu classificiren, so erhalten wir folgende Abtheilungert, neben welchen wir zugleich ihr Atomgewicht setzen wollen: 1) Einwerthige oder Univalente Elemente*). Symbol Atomgew. Symbol Atomgew. Wasserstoff Chlor Brom Jod Fluor Kalium H Cl Br J F K 1 35,5 80 127 19 39,1 Natrium Lithium Caesium Rubidium Silber Na Li Cs IIb Ag 23 7 133 85,4 10s 2) Zweiwerthige oder bivalente Elemente. Sauerstott' IL () 16 Magnesium Mg 24 Schwefel s 32 Zink 11 Zu 65 Selen 11 Se 79 Cadmium 11 Cd 112 Tellur 11 Te 128 Cer II Ce 92 Chrom 11 Cr *2;2 Lanthan u La 92 Calcium Ca 40 Didym n Di 95 Strontium 11 Sr 88 Alumium 11 AI 27,5 Baryum 11 15a 137 Beryllium 11 Be 9,3 k ) lieber die einwerthigen setzt man keine Zahl. 115 Eisen Fe 56 Uran Ur 120 Mangan Md 55 Kupfer Cu 63,5 Kobalt II Co 58,8 Quecksilber Hg 200 Nickel II Ni 58,8 Blei P"b 207 3) Dreiw erthige oder trivalente Elemente. Bor in Bo 11 Antimon Sb 122 Stickstoff 111 N 14 Vanadium Hl Va 51,3 Phosphor Hl P 31 Wismuth in Bi 208 Arsen III As 75 Gold Au 197 4) Vierwerthige Elemente. Kohlenstoff IV C 12 Platin IV Pt 197,4 Silicimn IV Si 28 Iridium Ir 198 Titan IV Ti 50 Rhodium IV Rh 104,4 Zirconium IV Zr 89,6 Osmium IV Os 199,2 Thorium IV Th 231,5 Ruthenium IV Ru 104,4 Zinn 5) Fünfw IV Sn erthige Elemente. Palladium IV Pd 106,6 Tantal Ta 182 Niobium •>) Sechswerthige Elemente. Molybdän Mo 96 Wolfram Nb VI W 94 184 So unfertig die Lehre von der Werthigkeit der Elemente bis .letzt auch noch dasteht, so steht doch fest, dass ein Iwerlhiges Element oder Radical nur 1 Atom eines einwertliigen zu vertreten ? % Stunde ist, ferner ein Iwerlhiges 2 einwerthige, ein 3\verthiges * lwerthige u. s. w. in der 3basischen Phosphorsäure theilen sich also 3 (lwerthige) Wasserstoffatome und das hypothesische Phos- Phoryl PO des 3werthigen Phosphors in 3 2werthige Sauerstoff- ii in at ome, daher das Symbol derselben II3.O3.PO. Die Substitutionserscheinungen mussten zur Idee der Valen zen der Elemente, die Theorie der mehrbasischen Säuren zur Idee ^ er wcliratomigen Radicale führen. Namentlich waren es William- s " n s und Kekules scharfsinnige Erklärungen, die hier besonders 8* 116 klärend wirkten; letzterer Chemiker suchte namentlich die Vier- atomigkeit oder Vierwerthigkeit des Kohlenstoffs zu beweisen. Typentheorie. Die typische Anschauungsweise der Constitution chemischer Verbindungen nahm 4 Formen an, in denen sich die Elemente unter einander verbinden (hiebei sind II 1, 0 = 16, C = 12, N — 14 bezeichnet): 1) Wasserstoff- oder Salzsäuretypus „ oder ~|, hierher gehören Chlorkalium K j, Chloräthyl C 2 ^J, Aethyl £?*&. H|» NO«)" 2) Wassertypus jji 0, hierher gehören Salpetersäure jj ; () KJ" K/" 1I| u Kali j(iO, Kalihydrat gj0, Schwefelwasserstoff jjjS, Aethcr CH*! ' Alkohol g jO u. s. w., namentlich die lbasischen Säuren. Ausserdem zählt man zu diesen noch die verdichteten H 2 )" Typen a) des Wassertypus H„i0 2 (= 2 At. Wasser), hierher gern hören die 2basischen Säuren z. B. Schwefelsäurehydrat g j0 2 , ferner die 2säurigen oder 2atomigen Alkohole z. 15. Aethylen- P TT i ii 2 1 alkohol h!0 2 ; b) Wassertypus H 2 [o 3 (3 Atome Wasser), hierher H 2 ! gehören die 3basischeu Säuren und 3saurigen Alkohole, z. !»• 111 1 l'liosphorsäuretrishydrat ., O3, (Jlycerylalkohol(Glyoerin) :! .! 5 '0.j- 1131 11^ "/ . . 3) Ammoniaktypus H>N, zu diesen gehören a) die Arnim' \\\ oder Aminbasen, in denselben vertritt 1 Atom, 2 Atome oder ■ > Atome eines Alkoholradicals 1, 2 oder 3 Atome Wasserstoff; h) die Amide, in denen 1, 2 oder 3 Atome Säureradical 1, 2 oder '.'> Atome Wasserstoff im Ammoniak vertreten. Aber nicht allein organische Radicale, auch Metalle können den H im Ammoniake vertreten. C 2 H 3 0) Beisp. Quecksilberacetamid Hg >N, hier vertritt C2H3O oder H S das Acetyl und Quecksilber jedes 1 Atom H (Hg 100). ■■■Hi BtfttSHHB^HH - U 117 Aber auch Metalloide lassen sich in den Verbindungen durch 11 p TT .11 Metalloide ersetzen; z. B. im Mercaptan "j£ |S, der Schwefel C> TT ) Selenmercaptan "jj Se, ebenso im Sohwefel- C2H5 durch Selen «%> cSiS - Selenäthyl ggjSe. ^^^^^^^ Schioefelcyunwasserstoff lässt sich vom Schwefelwasserstoff ab- leiten, indem man sich H durch Cyan ersetzt denkt: jj S = Sehwefelcyanwasserstoff jj iS. Auch Phosphorwasserstoff verhält sich analog dem Ammoniak und kann sein H durch Radical ersetzt werden: IUP, Tri- R) G2K5J1U äthylphosphin C2H5JP. C 2 H 5 ^ Das Antimon, Arsen, Zinn u. s. w. können ebenfalls den N C2H 5 i ni "u Ammoniak vertreten, z. B. im Stibäthyl C2Hs>Sb. C2H5) in Chlorammonium H4NGI ist dem Teträthylurseniumchlorür in (^oH-^tAs, Gl analog. Die 4 At. H sind durch 4 At. Aethyl, der Stickstoff durch Arsen ersetzt (As drei- Gl einwerthig). Man sieht hieraus, welcher grosse Spielraum der Speculation gegeben ist und wie viel Veranlassung diese Anschauungen den Chemikern geben mussten, neue Verbindungen zu erzeugen und ihre Eigenschaften zu erforschen. Die Erforschung vieler künst- hcher organischen Basen war die Frucht dieser Theorie. In den Producten der trockenen Destillation fanden sich viele Basen, die nicht allein für die Theorie, sondern auch für die Praxis (Anilin und seine Oxydationsproductc) von hoher Bedeutung wurden. Es bleibt uns noch der vierte Typus zu besprechen übrig. H, 4) Sumpfgastypus jj>C, hier kann sowol der H als auch der H) G vertreten werden. Viele organische Körper lassen sich, weun wir uns den H durch andere Elemente oder Radicale ersetzt denken, auf diesen 118 Typus zurückführen; denken wir uns an Stelle der 4 At. H 2 At. u Sauerstoff (als 2werthiges Element 0), so haben wir Kohlen- säure CO2. Der Kohlenstoff kann wiederum durch ein 4werthiges Element ersetzt gedacht werden, z. B. im Zinnchloride SnCLj wäre also H4 des Sumpfgases durch CI4 und der C durch Sn ersetzt anzusehen. Ausführlichere Auseinandersetzungen sind in den oben angeführten Werken nachzulesen. Verschiedene Ansichten, theils als Hypothesen, theils auf ausgeführte Arbeiten gestützt, von Odling, Cooper, Butlerow und Erlenmeyer, übergehe ich als für unsere Zwecke zu weitführende. In allerneuester Zeit wurden Formeln aufgestellt, deren Kette Aufschluss geben soll, wie die Elemente gruppirt gedacht werden müssten; ich will hier nur einige Beispiele geben, aus denen ersichtlich sein wird, dass sie den Anfänger gar leicht verwirren, mögen sie auch für den weiter vorgeschrittenen Chemiker ein klares Bild geben: H Sumpfgas = H—C—H, also Kohlenstoff der vier Polypen- 1 H arme nach den H ausgestreckt, oder CH4. Aethylwasser stoff HH H—CC—H, oder C ^M II H \ HH HH Chloräthyl = H—CC—Cl, oder G *%\ 11 CU HH siehe Wurtz a. a. 0. S. 131. Kolbe hat im Journal für practische Chemie in einem Aufsatze : Moden der modernen Chemie, eine höchst gediegene Arbeit über die Constitution chemischer Verbindungen veröffentlicht, aus welcher ich hier die Hauptsätze anzuführen versuchen will*). 1) Es stehen der Sauerstoff der Base zu dem aussenstehen- den Sauerstoffe der Säure immer in gleichem Verhältnisse, so: a) in den lbasischen Säuren, z. B. Salpetersäure zur Base = (K0,NC>4)0, also der Sauerstoff der Base zum aussen- stehenden Sauerstoffe der Säure =1:1; b) in den 2basischen Säuren, z. B. Schwefelsäure zur Base = 2(K0) + 2(S0 2 ). 0 2 = 2:2; *) Hiebei ist O = 8, S 16. 119 c) in den obasischen Säuren, z. B. Phosphorsäure zur Base = 3(NaO) + (P0 2 ). O3 = 3 : 3. Ein gleiches gilt von den Basen, z. B. salpetersaures Eisenoxyd (Fe 2 0 3 ) -f 3(N0 4 ).0 3 , schwefelsaures Eisenoxyd (Fe 2 0 3 ) + 3(S02).0 3 , phosphorsaures Eisenoxyd (FeoOs) + 3(P0 4 ).0 3 . N0 4 , SO2, PO4 sind demnach Radicale. Kolbe hat jedoch neuester Zeit ebenfalls das Atomgewicht des • Sauerstoffs, Schwefels noch einmal so gross, nämlich zu 16, 32 angenommen und stellt folgenden Satz auf: In den neutralen Sauerstoff salzen gehört der extraradicalc Sauerstoff zur Hälfte dem Metalle (Basenradicale), zur anderen Hälfte dem Säureradieale an ; dieser exlraradieale, diatome Sauerstoff ist das Bindemittel — die Copula —, welche die beiden Glieder — Metall- und Säureradical — zusammenhält*). Mit der Annahme des Atomgewichts von Sauerstoff =16, von Schwefel zu 32 u. s. w erhalten die früher angeführten Formeln folgende Aenderung: Salpeter = K(0)N0 2 11 Schwefelsaures Kali = K 2 (02)S0 2 . lK " Saures schwefelsaures Kali = jjj(0 2 )S02. in Triphosphorsaures Silber = Ag 3 (0 3 )PO. NO/ ' Salpetersaures Blei = Pb(0 2 )]sf(), 11 in Phosphorsaures Eisenoxyd = Fe 2 (0 3 )0P(Fe = 28). 11 tu Schlippes Salz = Na 3 (S 3 )SbS + 4i/ 2 (H a O). Nach dieser Aufstellung ist weder Kalium noch Kali in der Verbindung, es ist also auch keine Ursache vorhanden, die von Berzelius eingeführte Nomenclatur, welche sich überall eingebürgert hat, zu verlassen, bis etwas besseres an die Stelle zu setzen gelungen ist. Kolbe geisselt mit scharfer Satyre die Namenänderung mit vollem Rechte, denn sie erschwert dem Anfänger das Studium. 2) Die Sauerstoffsäuren {als Hydrate) sind Verbindungen der Säureradieale mit eben so viel Wasserstoffatomen als die ersteren zur *) Diese Annahme hat so viel Wahrscheinlichkeit für sich, dass sie alles, was hei einer Verbindung zweier entgegengesetzter Körper zu erklären bleibt, ermöglicht. Interessant wäre es, wenn nachgewiesen werden könnte, dass dieser copnlirende Sauerstoff Ozon sei. Leider sind unsere Kenntnisse vom Ozon noch gar zu dürftig, um im Stande zu sein, solchen Beweis zu führen. 120 Valenzen haben, beide durch die gleiche Anzahl von Sauerstoffatomen verbunden H{0)NÖ2 (lbasische Säure, Salpetersäure). ii H2(02)SÜ2(2basische Säure, Schwefelsäure). H3(0 3 )PO(3basische Säure, Phosphorsäuretrishydrat). Wird zwischen die Bestandteile eines Haloidsalzes ein Sauer- stoffatom geschoben, z. B. zwischen K und Cl im Chlorkalium bei der electrolytischen Oxydation, so entsteht ein Sauerstoffsalz K(0)C1 (unterchlorigsaures Kali). Dass auch ein copulirendes Sauerstoffatom sich zwischen den Wasserstoff und ein Säureradical stellen kann, lehrt Kolbe au zwei Beispielen : Acetylaldehyd H,C 2 H 3 0 4- 0 = Essigsäure C 2 H 3 0(0)H. Benzoylaldehyd H,C 7 H 5 0 + 0 = Benzoesäure C 7 H 5 0(0)H. 3) Die Valenz eines Elements ist nicht absolut, sondern relativ verschieden je nach der Natur der Elemente, welche damit in Verbindung treten, N2 sättigt 5 At. 0 und N 3 At. H, somit fällt die Hauptstütze der modernen Chemiker — die Wichtigkeit der fest bestimmten Valenzen — fort. 4) Was den Bau der Constitution chemischer Formeln zu erforschen anbetrifft, so sind wir durch die modernen Chemiker nicht viel weiter gekommen; was soll aber durch den Bau der chemischen Formeln bezweckt werden? der Anfänger soll eine klare Anschauung durch dieselbe erhalten. Jeder, der chemischen Unterricht ertheilt hat, wird mir darin Recht geben, dass die meisten Constitutionsformeln, welche die Phantasie moderner Chemiker uns vorführt, diesen Zweck verfehlen und dass die ältere Auffassung mehr Klarheit bietet, wovon jedoch die neuern Atomgewichte und die Begriffe von Atom und Molecul, wie sie heut zu Tage angenommen werden, auszuschliessen, respective beizubehalten sind. Nehmen wir die Kolbeschen Anschauungen an, so kommen wir zu Betrachtungen, die eine, auch für den Anfänger klare Auffassung ermöglichen. Was aber die Namen der Verbindungen anbetrifft, so bleibt uns vor der Hand nichts übrig, als bei den alten Benennungen vonBerzelius zu bleiben, bis uns was besseres geboten wird. Wir wissen, im Salpeter sind Stickstoff, Sauerstoff und Kalium vorhanden, wie sie unter einander verbunden sind, wissen wir jedoch nicht und wird uns solches noch lange unbekannt bleiben. Aus der grossen Affinität des Kaliums zum Sauerstoffe müssen wir jedoch schliessen, dass beide sich auch im Salpeter näher stehen, oder dass sie wenigstens nicht getrennt vorhanden sind. Was die Structurformeln der modernen Chemiker anbetrifft, so ist Kolbe gegen dieselben, da sie meist nur Phantasiegebilde 121 sind und nach Belieben formirt werden können; man sehe hierüber genannte Abhandlung. Dass die Lagerung der Atome die Eigenschaften der Körper, namentlich der organischen bedingt, sehen wir an den isomeren Körpern und da sind es besonders die physikalischen und chemischen Eigenschaften, welche genau geprüft werden müssen, um Schlüsse auf die wahrscheinliche Constitution zu machen, so haben ameisensaures Aethyloxyd C2H 5 (0)CHO = C3H6O2 und essigsaures Methyloxyd CH3(0)C2H 3 Ö = C 3 H 6 0 2 gleiche procen- tische Zusammensetzung, gleiches spec. Gewicht und gleichen Kochpunkt, verhalten sich aber gegen Kalihydrat verschieden, ebenso im Gerüche und Geschmacke. Kolbe meint, dass es dem Chemiker nie gelingen werde, mit Sicherheit nachzuweisen, wie die Elemente gruppirt seien, die Versuche, welche hiezu angestellt würden, könnten unsere Kenntnisse nicht erweitern, aber häufig auf Irrwege führen. Nach diesem kurzen Referate über Kolbes Arbeit möchte ich nun in folgendem Beispiele zu zeigen suchen, wie die verschiedenen Atome eines und desselben Elements in einer Verbindung nicht eine und dieselbe Stellung einnehmen: Eisen hat eine grössere Affinität zum Chlor wie Antimon, darum zersetzt dasselbe das Chlorantimon unter Bildung von Eisenchlorür unter Antimonmetallabscheidung. Bringen wir aber Eisenchlorid mit Antimonmetall in Berührung, so entsteht Eisenchlorür und Anti- montrichlorid 3(Fe 2 Cl 3 ) + Sb = 6(FeCl) + SbCl 3 . Es hat hier also das dritte Atom Chlor im FAsenchloride eine andere Stellung als die beiden anderen Atome, oder wir müssen das dritte Atom Chlor im Eisenchloride uns als aussenstehendes und das Eisenchlorür als JRadical ansehen = (Fe2Cl2)Cl. Leiten wir in diese Mischung von FeCl und SbCl3 Chlor, so entsteht selbst bei Vorhandensein von freiem Antimon wieder Eisenchlorid, dessen Chlor nach und nach auf das Antimon übertragen wird; auf diese Art kann mit einer kleinen Quantität Eisenchlorid, durch allmäligen Zusatz von Chlor viel Antimon in Antimonchlorid verwandelt werden, ohne dass das Pentachlorid das Antimons entsteht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das dritte Atom Chlor im Eisenchloride zu den zwei Atomen Chlor des Eisenchlorürs sich so verhält wie das Ozon zum Sauerstoffe. Franklands Bemühungen, das Aethyl zu isoliren, führte zu Entdeckungen von Körpern, die aus einem organischen Radicale mit Metallen bestehen, wie z. B. das Zinkäthyl = C 2 H 5 Zn. Löwig und Schweitzer stellten das Stibäthyl, Stibmethyl, Wöhler das Telluräthyl, Wanklyn das Kalium- und Natriumäthyl dar, Kolbe will das von Bunsen entdeckte Kakodyl als Arsen- ttethy] CH 3 As angesehen wissen. 122 Schon vor Jahrzehnten hatte man sich bemüht, eine Classification organischer Körper, die auf ihre chemische Constitution begründet war, festzustellen; doch konnte solches erst ermöglicht werden, nachdem eine grosse Anzahl von organischen Verbindungen gründlich analysirt war und nachdem Gerhardt seine Homologa aufgestellt hatte. Die Abstammung einiger organischer Säuren von den Alkoholen war zwar bekannt, doch führte erst die Entdeckung mehrer Aldehyde und die Aufstellung der Homologa zur genauen Einsicht in den Vorgang der Ueberführung von Alkoholen in Säuren und wurde es erst nach gründlicher Untersuchung dieser 3 Klassen von Körpern — Alkohole, Aldehyde und Säuren — möglich, eine systematische Eintheilung derselben zu erreichen, nachdem man alle Glieder jeder Klasse gründlich kannte. Zur gründlichen Kenntniss dieser Körper trug die Erforschung des Siedepunktes jedes einzelnen und die Aufstellung des Gesetzes, dass mit dem Sieigen des Kohlenwasserstoffgehalts CH^ auch der Siedepunkt Jeder Reihe dieser homologen Körper um 19° steigt, nicht wenig bei, welche Erforschung sich besonders Herrn. Kopp und Regnault angelegen sein Hessen. Aus folgendem kleinen Schema ist die Entstehung der sogenannten Fettsäure aus den entsprechenden Alkoholen zu ersehen: I. Homologe Alkohol- Nach dualistischer Nach jetziger reihe: Betrachtungweise: Betrachtungsweise: Methylalkohol Aethylalkohol (Alkohol) Propylalkohol Amylalkohol (0=6, 0 = 8) C 2 H 3 0-f HO O4H5 0+HO CgEgO+HO C l0 E n O+HO (ü = 12, 0 = 16) (CH 3 ).Ö.H, (C 2 H 5 ).O.H, (C 4 H 9 ).O.H, (C 5 H,,).O.H u. s. w. IL Homologe Aldehydreihe: Methylaldehyd fehlt, Aldehyd (des Alkohols) n „ _ t oder Acetylwasserstoff ^iü 3 ö+i±ö Propionaldehyd oder Pro- _ „ n pionylwasserstoff C 6 H 5 0+HO u. s. w. Butyryldehyd, Butyral oder n ,„ Butyralwasserstoff ^sHtU+HO Valeral- oder Valeryl- n „ „ . „_ Wasserstoff C10H9O+HO (C 2 H 3 ).O.H = C 2 H 3 g| (C 3 H 5 ).O.H (C 4 H 7 ).O.H = C 4 H 7 gj (C 5 H 9 ).OH = C5H^ 127 Stellung von Experimenten und ein grosser Schatz von Erfahrungen gehören dazu. In keiner Wissenschaft ist daher Stillstand so sicherer Rückschritt als in der Naturwissenschaft und den Berufstudien, deren Basis die Naturwissenschaft ist; dafür giebt aber auch kein Zweig menschlichen Wissens dem Geiste — durch die grosse Mannigfaltigkeit, welche das Studium der Naturwissenschaft bietet so hohe Befriedigung wie diese; Göthe und Rousseau fanden im Alter in ihr ein Remedmm gegen die Leere des Lebens.