Druckschrift 
4 (1903) 1085 bis 1096
Entstehung
Seite
534
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Dinge zur Verwirklichung der höchsten Begriffe der Religion zu schaffen ge-denkt, und Anno, der Realist, der den erworbenen Besitz der Deutschen als desHerrenvolkes ausrecht erhalten will und in den Plänen des Italieners etwasSchwärmerisches, Ueberschwängliches sieht. Immerhin soll Gregor VII. imAnfang zu „den Angriffen und Treulosigkeiten" des Königs geschwiegen haben,weil er, unter Berücksichtigung der Vorstellungen Anno's, „Schonung für dashistorische Recht der deutschen Nation" habe üben wollen. Dann solgt die Er-zählung den Anfängen der sächsischen Bewegung ^), und danach soll gezeigtwerden, wie der Papst nach dem anfänglichen unverkennbaren Wohlwollen dazukam, gegen den jungen König aufzutreten: Heinrich IV. habe zuerst schon LeiAnlaß der Nürnberger Zusammenkunft 1074 Betrug geübtes, dann aber vollendsnach Anno's Tod den Muth gewonnen, gewaltthätig gegen Gregor VII. vor-zugchen. Gfrörer weiß ganz genau, wie der Gewaltstreich des Leucins gegenGregor VII. eingcfädelt wurde: „Etwa drei Wochen waren erforderlicki, um vonGoslar oder Worms aus die nöthigcn Verabredungen zu treffen, damit dasWerk der Finsterniß in Fluß gerathe; genau so lange dauerte der Raumzwischen Gedanken und That"; — wie nun aber in Goslar die Nachricht ein-gelaufen sei, das angezettelte Gewebe sei zerrissen, habe Heinrich IV. den zurWeihnachtsfeier 1075 erscheinenden Großen tiefste Geheimhaltung anbefohlenund weiter den Cardinal Hugo nach Worms beschicken, um, was dem „Burg-grafen" Cencius mißglückt war, wieder in das rechte Geleise zu bringen, Gre-gor VII. als abgesetzt zu erklären. Sehr bestimmt stellt dann Gfrörer Gre-gor's VII. Handlungsweise im Sommer 1076 dar. Der Papst hütete sich wohl,Germanien's Zukunft der Ehrsucht eines kecken, aber unfähigen Glückskindess")preiszugeben, sondern arbeitete mit überlegener Weisheit darauf hin, den Königund die Einheit des Reiches zu retten. Daß Alles einen unglücklichen Ausgangnahm, verschuldeten die deutschen Herzoge, die ihr Wort wegen des Gregor VII.zur Reise nach Deutschland zu stellenden Geleitshecrcs nicht hielten, so daßHeinrich IV. nach dem Vertrage von Canossa, unbewacht, von widerstrebendenGefühlen bestimmt, wie er war, durch die Künste der Lombarden verstricktwurde: so geschah die vom Papste gewünschte Wiederherstellung des Friedensnicht, und die Herzoge und ihre Genossen, die wahren Urheber der Zerrüttungdes Reiches, erzwangen den Sturz Heinrich's IV. ^). Die nun alsbald er-folgende Wahl Rudolf's als Gegenkönig charakterisirt Gfrörer in sehr bezeich-nender Weise: „Gregor VII. gebrauchte den einfältigen aber glatten Schürzen-helden Rudolf als Schleifstein, der die Scharten im Charakter des Saliersauswetzen sollte. Hätte sich letzterer irgend aus der Verderbniß erhoben, sowürde der Gegenkönig augenblicklich wie ein abgenützter Waschlappen weg-geworfen worden sein, der zu Nichts mehr dient". Es ist ganz deutlich, daßGfrörer weit mehr Rudolf, als Heinrich IV., die Schuld der fortgesetzten Doppcl-besetzung des Königthums zumißt, daß er auch deshalb, zum Jahr 1078, me:,r

8) Gerade hier stellen sich die sonderbarsten Kombinationen ein, indem Gfrörer dieBb.II, S. 74 u. 75, in n. 62, schon erwähnten „Staatsgeheimnisse des Halberstädter Reichs-tages", von 1071, entdeckt haben will. Außerdem sind hier neunzehn Capitel über die Ent-wicklung des deutschen Städtewesens eingeschoben wegen des, wie Gfrörer weiß, durch Hein-rich IV. angestifteten Aufstandes der Cölner von 1074, durch welche Anstiftung der Königaus dem Verdachte heraus, den er wegen der sächsischen Vorgänge auf Erzbischof Annowälzte, an diesem sich habe rächen wollen. Gfrörer bringt auch, VII, 257, als „den letztenHintergrund deutscher Stadtgeschichte, der von unseren Reichs- und Rechtshistorikern bis aufden heutigen Tag so gut als unbeachtet geblieben ist", rn diesem Zusammenhang seinekühnen Constructionen über das Burggrafenamt vor, die Waitz, Deutsche Verf.-Gesch., VII,42 v. 1 u. 2, als ganz unbegründet zurückweist (vergl. auch Bd. II, S. 806, n. 56). Aberauch in Italien fand Gfrörer ein solches „Burggrafen-Stücklein". in der Beseitigung Erlem-bald's in Mailand, 1075, 1. o., 433, und ebenso ist Cencius, der am Weihnachtsfest 1075Gregor VII. in Rom überfiel, einfach der „neu ernannte Burggraf von Rom" gewesen, 1. o.,475, 486 sf.

9) Vergl. Vd. II, S. 844, in n. 168.

10) Gfrörer's Abneigung gegen den ersten Gegenkönig, den „einfältigen Rudolf",klingt hier schon durch.

11) An dieser Stelle verliert Gfrörer den Bericht des „ausgezeichnetsten unter dendeutschen Chronisten des Mittelalters", aus dem so viele Geheimnisse herausgelesen zuhaben er sich rühmt. Gfrörer meint, 1. o., 603, Berthold sei nun, da er erfahren habe,Lambert habe seine Chronik beendigt, in großer Ausführlichkeit eingetreten, aber bald eben-falls ermattet. Vergl. Bd. III, S. 243, n. 16.