Druckschrift 
4 (1903) 1085 bis 1096
Entstehung
Seite
533
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Die neuere Litteratur zur Geschichte des Papstes Gregor VII. 5ZZ

Voigt's Arbeit: „Man wird nicht in Abrede stellen können, daß das Buch nichtmehr auf der Höhe der Forschung steht, daß die Arbeit überdies in ihrer Ein-seitigkeit der historischen Reflexion unserer Tage kaum noch genügt; aber manverdankt ihr, daß die früher weitverbreitete Ansicht von Gregor als einemdurchaus ehrgeizigen und selbstsüchtigen Kirchentyrannen nicht mehr zur Geltungkommen kann".

Das nächste sehr umfangreiche Werk in deutscher Sprache über Gregor VII.nach Voigts erschien 1859 bis 1861, bis über den Tod des am 6. Juli desletztgenannten Jahres verstorbenen Verfassers hinaus, Gsrörer's: „PabstGregorius VII. und sein Zeitalter". Auch diese in ihrem Umfang er-staunliche Leistung zeigt alle Eigenarten der so productiven Arbeitsweise Gsrörer's,die Kühnheit der Construction und Combination, das Streben, auf dem Wegeeines „historischen Calcüls" neue Dinge aufznspüren und sie, in oft recht ge-waltsamer Art, zu beweisen, die eigenthümliche Bevorzugung oder Verwerfungin der Heranziehung der Gcschichtsquellen"); aber dessen ungeachtet ist das sieben-bändige Werk als eine in Hohem Grade beachtenswerthe Erscheinung zu be-urtheilen, so sorgsam der Benutzer sich auch dieser Arbeit Gsrörer's gegenüberhalten muß'').

Schon die Hercinziehniig einer ungewöhnlichen, vielfach zum Thema garnicht direct gehörenden Stoffmasse erschwert den Gebrauch des Werkes. Gfrörersieht in Gregor VII. einen „Atlas, der die Last der Welt trägt", und so willer, weil in des Papstes Tagen das Abendland schon eine christliche Staaten-familie gebildet habe und der Papst als Oberhaupt der Kirche mit allenLändern, ja auch mit saracenischen Fürsten des Jslamgebietes, unter derenScepter zerstreute Christengemeinden standen, Verkehr Pflog, der Geschichte desPontificates einen weiten Hinblick voransscnden. So findet sich vom Schlußdes zweiten Bandes an und dann durch vier ganze Bände hin, überall inweitem Ausgreifen über Grcgor's VII. eigene Zeit rückwärts, eine Schilderung derStellung des Papstthums zu allen Gebieten, dann insbesondere auch eine Ge-schichte der Entstehung und früheren Schicksale des Kirchenstaates eingefügt,nachdem schon ganz im Anfang eine völlig zurückgreifcnde Darstellung derdeutschen Stämme und Dynastien gegeben worden war. Erst im letzten siebentenBande tritt dann Buch IX auf den „Kampf mit dem deutschen Salier Hein-rich IV." ein.

Schon in einem früheren Theile ist durch Gfrörer Hildeürand bei seinerWahl als Papst in eigcnthümlicher Weise dem Erzbischof Anno von Cölngegenübergcstcllt: der Romane Hildebrand, das Mitglied eines unterdrücktenVolkes, der Vorkämpfer des kirchlichen Idealismus, der eine neue Ordnung der

S> Aus dieser Zwischenzeit ist als besonders bemerkenswertli Söltl's „Gregor derSiebente", von 1847, zu nennen, weil dieses Werk eines katholischen Verfassers — er warProfessor an der Universität München — sich scharf gegen den Papst ausspricht. Söltlwollte insbesondere ans den von ihm in ausgedehnter Weise ausgenutzten Briefen Gre-gors VII. Charakter darstellen, und er kommt im „Schluß", 264—268, zu einem ganznegativen Resultat. Je nach der Sachlage gefällig und einschmeichelnd, oder zweideutigund wahrhaft falsch, starrsinnig, unbillig trotzig, unchristlich streng, unversöhnlich hastendsei Gregor VII. gewesen: „Und diesen Mann mit diesen Eigenschaften, wie er sich selbst mitseinen Briefen und Thaten gab, nicht etwa wie seine Feinde ihn schildern — diesen Mannwollten Einige zum Helden, Heiligen und Wohlthäter der Menschheit stempeln". Wenndabei gesagt ist, daß auch Deutsche nicht erröthen, das Verfahren des Papstes, das dochSchmach und Verderben über Deutschland brachte, zu entschuldigen oder gar zu Preisen, sohatte Wohl Söltl die eben 1848 erschienene zweite Auflage Voigt's im Auge. Äon prote-stantischer Seite verurtheilte der Pseudonym G. Cassander: „Kas Zeitalter Hildebrand'ssiir und gegen ihn", 1342, den Papst gleichfalls auf das schärfste. Das Buch Helfen-stein's: „Gregors VII. Bestrebungen nach den Streitschriften seiner Zeit", von 1856, istnun durch das umfastende Werk Mirbt's: „Die Publizistik im Zeitalter Gregors VII.",1894, vollständig überholt.

6) An einem früheren an ähnlichen Mängeln leidenden Werke Gsrörer's, der 1848erschienenen „Geschichte der ost- und westfränkischen Karolinger", hat Wenck, Das FränkischeReich nach dem Vertrage von Verdun tI8Sl), besonders in den „Anhängen", 882 ff., in an.s-gczeichneter Weise eine scharfe, ja geradezu vernichtende Kritik geübt, die als Muster einerderartigen wissenschaftlichen Abwehr bleibenden Werth hat.

7) Gfrörer hatte allerdings, als er zuletzt, VII, Vorrede, die Feder ansetzte, die An-sicht geäußert: „Die Geschichte Gregor's VII. und seiner Zeit dürfte meine leibliche Existenzlange, lange überdauern".