196
wohnt, die Fehler der Meister an ihren Schülern nicht min-der weit hinab zu verfolgen, denn immer klarer, immer un-verhohlener, immer einseitiger werden sie zu Tage treten, jemehr sie von schwächeren Geistern getragen werden. Aberauch immer glänzender zeigt sich die ächte Wissenschaftlich-keit in ihren Adepten bis in die spätesten Generationen.Darum wollen wir auch noch einen Blick auf Radcvicuswerfen, der nicht bloß der Zögling Otto des Bischofs, son-dern auch der Schüler Otto des Geschichtschreibers war"");er wird Leben und Streben seines Meisters auf eine eigen-thümliche Weise zu beleuchten im Stande sein.
Radcvicus setzte Otto's Werk über die Thaten Fried-richs I. bis 1160 fort, aber er befand sich schon in einerviel schwierigeren Stellung, als Otto, in Bezug auf Unpar-teilichkeit, denn das Gewitter, das drohend sich überKirche und Staat lagerte, das Otto noch zuletzt vor seinemHinscheiden, so viel an ihm lag, zu beschwören suchte, warlosgebrochen, und wenn es Otto noch vergönnt war, in derSchwüle zu schreiben, die dem Sturme vorangeht, war Ra-devicus verurtheilt, der Geschichtschreiber dieses Sturmeszu werden, und zwar auf den ausdrücklichen Wunsch desKaisers selbst "°). Er war so oftmals fast gezwungen,
dem Kaiser zu lieb der Wahrheit zu schaden, wie Einigewirklich annehmen"'), denn offenbar drang der Kaiser da-rauf, der Nachwelt nicht im schlimmen Licht gezeigt zu wer-den. Ein Geschichtschreiber von weniger Eifer für Wahr-heit und Gerechtigkeit, als Radcvicus, ein unächter SchülerOtto's, hätte sich leicht geholfen, er hätte eben geschrieben,
5") lVleiolielb. bist. Iris. D. I. I?. I. S. 347.
55") kroömiurn liselvviri. Drsl. 476.
55>) Z. B. loissier, Libliotli. Oistere. VIII. enthält am Endedieses Bandes sogar eigene Correcturcn des Nadevicus und dazu pas-sende beschuldigende Bemerkungen.