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1 (1868)
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Gothischer

»germanisch« hat sich nicht einbiirgern wollen und beruhte bei ihremErfinder (v. Rumohr) auf einer irrigen wissenschaftlichen Ansicht.Eie Franzosen sagen arekitecture ogivale , d. i. wörtlich »Vermehrungs-oder Verstärkungsbaukunst«: ein innerlich passender Name, da man alsinnerstes Princip der gothischen Baukunst die durch fortgesetzte Thei-lungen und Vermehrungen der Stützen ermöglichte folgerichtige Durch-führung des Gewölbebaues zu erkennen hat. Vergl. § 93. S. 475.

88. Durch die fortschreitende Entwickelung der mittelalterlichenKunstgeschichte ist der Ursprung des gothischen Baustils aus Frank-reich unwiderleglich clargethan, indem in den nordöstlichen Gegendendieses Landes nicht nur die ältesten gothischen Bauwerke Vorkommen,an welchen der neue Stil in seinen noch unentwickelten Principien inschlechthin primitiver Weise erscheint, sondern auch die allmählicheAusbildung sich (Schritt vor Schritt bis nahe zur höchsten Staffel derVollendung verfolgen lässt; letztere wurde jedoch erst in Deutschlanderreicht.

Das älteste gothische Bauwerk in Franzien ist die Front und derChor von St. Denis, und der ausdrücklich bekundete Leiter dieses Baues,der dortige Abt Suger, wird deshalb von Mertens (die Baukunst inDeutschland S. S) geradezu als Erfinder der gothischen Bauweise be-zeichnet. Obwohl die ltechtfertigung- dieser Behauptung füglich demAutor derselben überlassen bleiben muss, so hat doch die Idee von derErfindung des gothischen Baustiles durch ein bestimmtes Individuum inBetracht des diesem Stile zu Grunde liegenden, so höchst eigentüm-lichen Constrnctionsprincipes unläugbar viel Ansprechendes, währendder Geist des Stiles immerhin als gemeinsames Erzeugniss jener ganzenZeit anzuerkennen sein wird.

In Deutschland tritt der gothische Baustil bald nach dem Beginndes XIII. Jahrh. an einzelnen, von einander unabhängigen Stellen zu-nächst sporadisch auf, und in mehreren Fällen lässt sich die Verpflanzungaus Frankreich nicht bloss mit vieler Wahrscheinlichkeit, sondern selbstmit voller Bestimmtheit nachwcisen. Das älteste Beispiel von Anwen-dung eines französischen Bauplanes auf ein deutsches Gebäude betrifftnoch ein romanisches Denkmal: die Kirche St. Godehard in Hildes-heim (gegr. 1 133), soviel bekannt, die einzige dieses Stils auf deutschemBoden, welche einen halbkreisförmigen Chorumgang mit radianten Ka-pellen hat, eine Bauform, die schon im XI. Jahrh. im südlichen Frank-reich ganz üblich und bis zur Loire hin völlig verbreitet war. Bei derIvanonisation des h. Godehard 1131 auf dem Concile zu Rheims war derStifter der gedachten Kirche, Bischof Bernhard I. von Hildesheim, zu-gegen; es ist deshalb wahrscheinlich, dass er dort oder in Frankreichüberhaupt jene Chorform kennen gelernt und bei der von ihm neu ge-gründeten heimischen Kirche zum Muster genommen haben wird. *)

1) Vergl. Zeitschr. für christl, Archüol. u. Kunst t, 21S u. 27G.