448
Der Realismus.
unnütze Betonung des Milieu, so hat er von Ibsen dieModernitäts-Marktschreiern und den Thesen-Schwindel über-nommen. Nach dem Muster des norwegischen Dichters klebter in irgend eine banale, keiner besondern Zeit und keinembesondern Orte ausschließlich angehörende Geschichte plötzlichund unorganisch eine aufdringliche Phrase ein, die dunkel aufdie „große Zeit, in der wir leben", die „gewaltigen Ereignisse,die sich vorbereiten", u. dgl. anspielen. „Einsame Menschen"beispielsweise sind der unnvthig anspruchsvolle Titel einesDramas, das uns einen echt Jbsenschen Idioten zeigt, welchersich von seiner trefflichen Gattin unverstanden glaubt und sichin eine russische Studentin verliebt, die als Besucherin in seinemHause weilt. Wie kraftlose Wichte dieser Art zu thun pflegen,möchte er zugleich die Russin besitzen und die Gattin nicht ver-lieren; er hat weder den Muth, seiner Frau durch offene Los-sagung von ihr Herzleid zu bereiten, noch die Kraft, seinepflichtwidrige Leidenschaft zur Fremden zu bezwingen. Er willin seiner Qual sich selbst belügen, sich überreden, daß er fürdie Russin nur Freundschaft, nur Dankbarkeit für Verständnißund geistige Anregung empfindet; die Russin sieht aber klarerund will das Haus verlassen. Das Ende vom Liede ist, daßder Idiot sich ersäuft. Dieser Vorwurf, das Schwanken einesSchwächlings zwischen zwei Weibern, von denen das eine diePflicht, das andere das vermeintliche Glück verkörpert, ist soalt wie das Theater selbst. Er hat nichts mit der Zeit zuthun. Modernität kann ihm höchstens angeschwindelt werden.Und in diesem schwächlichen Drama läßt Hauptmann seinePersonen folgende tiefsinnige und beziehungsvolle Redensartenmacheni): „Frl. Anna (die Russin). Es ist eigentlich eine großeZeit, in der mir leben. Es kommt mir vor, als ob etwasDumpfes, Drückendes allmälig von uns wiche. Meinen Sienicht auch, Herr Doktor? Johannes (der Idiot). In wie fern?
') Einsame Menschen, Drama. Berlin, 1891. S. 84.