II. Die „jungdeutschen" Nachüffcr.
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Frl. Anna. Aus der einen Seite beherrschte uns eine schwüleAngst, auf der andern ein finstrer Fanatismus. Die über-triebene Spannung scheint nun ausgeglichen. So etwas wieein frischer Luftstrom, sagen wir aus dem zwanzigsten Jahr-hundert, ist hcreingeschlagen."
Dieselbe aufdringliche Modernitäts-Flunkerei bestimmte ihnauch, sein Erstlingswerk „Vor Sonnenaufgang" zu nennen undals „soziales Drama" zu bezeichnen. Es ist nicht „sozialer"als irgend ein anderes Drama und mit „Sonnenaufgang" inbildlichem Sinne hat es nicht das Geringste zu thun. Es zeigtdie Verhältnisse eines schlesischen Dorfes, in welchem die Bauerndurch Kohlenfünde auf ihren Gütern Millionäre geworden sind.Der Gegensatz zwischen der Rohheit der Dörfler und ihremNeichthum gibt gute Possenauftritte; was hat er aber mitder Zeit und ihren Fragen zu schaffen? In die Posse ist einThesenstück eingeschachtelt. Der Millionen-Bauer ist ein Trunken-bold. Seine Tochter kann das Laster des Vaters geerbt haben.Deshalb verläßt ein Mann, der sich in sie verliebt und mit ihrverlobt hat, sie schmerzlich entschlossen, als er erfährt, daß derAlte säuft. Diese These ist eine Albernheit. Denn ein Säuferkann wohl seine Verirrung auf seine Kinder übertragen, mußes aber nicht, und in dem gegebenen Falle vcrräth die dochschon erwachsene Tochter nicht die leiseste Neigung zum Trünke.Die These ist nach dem Vorbilde der Jbsenschen Faseleien aus-getiftelt und ebensowenig aus dem Leben genommen wie derBräutigam, der seine Liebe einer höchst unsichern Theorie unter-ordnet. In diesem Manne erkennen wir nämlich unsern altenFreund, den Typus aus dem Roman-Rezept der Realisten,der unbestimmte Anspielungen auf sozialistische Studien macht,die er verfolgen soll'), und sich durch diese nebeligen Hinweiseals „moderner" Mensch ausweist.
>) Gerhard Hauptmann, Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama.Sechste Auflage. Berlin, 1892. S. 14: „In diesen zwei Gefängnist-Nordau, Entartung. II. 29