IV. Der Ibsemsimrs.
In den beiden letzten Jahrhunderten hat die ganze ge-sittete Menschheit wiederholt mehr oder minder einmüthig einemZeitgenossen eine Art geistigen Königthums zuerkannt und alsdem Ersten und Größten unter den lebenden Schriftstellern ge-huldigt. Während eines großen Theils des achtzehnten Jahr-hunderts war Voltaire, ,,le Ikoi Voltaire", der „Poet Laureate"aller Kulturvölker. Im ersten Drittel des gegenwärtigen Jahr-hunderts nahm Goethe diese Stelle ein. Nach seinem Todeblieb der Thron etwa zwei Jahrzehnte lang erledigt, dann be-stieg ihn unter begeistertem Zurufe der romanischen und sla-vischen und schwachem Widerspruche der germanischen VölkerVictor Hugo, um ihn bis an sein Lebensende einzunehmen.
Seit einigen Jahren nun erheben sich in allen LändernStimmen, um für Henrik Ibsen die erhabenste Geisteswürde zufordern, welche die Menschheit überhaupt zu vergeben hat. Dernorwegische Dramatiker soll auf seine alten Tage als der Welt-dichter des ausgehenden Jahrhunderts anerkannt werden. Esist zwar nur ein Theil der Menge und der kritischen Anwälteihres Geschmacks, der ihm zujubelt, aber daß überhaupt irgendJemand aus den Einfall kommen konnte, in ihm einen möglichenAnwärter auf den Dichterkönigsthron zu sehen, macht eine ein-gehende Prüfung seiner Ansprüche nöthig.
Daß Ibsen ein drangvoller und starker Dichter ist, soll