406
Der Realismus.
mungm eine sehr untergeordnete Rolle"'). Auch abgesehenvon seiner geschlechtlichen Bedeutung ist die Entwickelung desGeruchssinns bei Entarteten, nicht nur höheren, sondern selbstsolchen tiefststehender Art, vielen Beobachtern ausgefallen. Sospricht Seguin^) von „Idioten, die durch die bloße Witterung,ohne Mitwirkung des Gesichtssinnes, Holz- und Steinarten unter-schieden, jedoch durch den Geruch und Geschmack von Menschen-koth nicht unangenehm berührt wurden und deren Tastsinn stumpfund ungleich war".
Zolas Fall gehört in diese Reihe. Er zeigt zugleich einkrankhaftes Vorwiegen von Geruchsempfindungen in seinem Be-wußtsein und eine Verirrung des Geruchssinns, die ihm dieübelsten Düfte, namentlich die aller menschlichen Ausscheidungen,besonders angenehm und sinnlich aufregend erscheinen läßt. EinGymnasiallehrer von Montpellier, Leopold Bernard, hat sichder Mühe unterzogen, in einer sehr fleißigen, merkwürdiger-weise fast unbekannt gebliebenen Arbeit") alle Stellen in ZolasRomanen zusammenzntragen, an welchen er von Gerüchenspricht, und zu zeigen, daß sich ihm Menschen und Dinge nicht,wie normalen Menschen, zunächst als optische und akustischeErscheinungen, sondern als Geruchswahrnehmungen darstellen.Er kennzeichnet alle seine Personen durch ihren Duft. In „Dakraute cko l'^.Iille LlonroE erscheint Albine „als ein großerBlumenstrauß von starkem Gerüche". Serge war „im Seminareine Lilie, deren Duft seine Lehrer entzückte" (!!). Desiröe„riecht nach Gesundheit". Nana „haucht einen Geruch vonLeben, eine Allmacht des Weibes aus". In „Pot-Bouille"riecht Bachelard „nach gemeiner Ausschweifung", Frau Cam-
y Or. R. v. Krafft-Ebing, I's^iäiop. sox. u. s. w., S. 15, Fuß-note, und S. 17.
') E. Soguin, Iraitomont moral, Ii)'giöns ot öäuoation ässiäiots. Paris, 1846.
^) L. Bernard, ll,os oäours äans los romans äs 2ola. Mont-pellier, 1889.