400
Der Realismus.
Volkes entsprechend, seine Aeußerung in philosophischen Systemengesucht. In Frankreich hat er, bei dem vorwiegend ästhetischenZuge der französischen Volksseele, künstlerische Form angenommen.Zola und sein Naturalismus sind der französische Gegenwerthunseres Schopenhauer und seines philosophischen Pessimismus.Es entspricht Allem, was wir von den Gesetzen des Denkenswissen, daß der Naturalismus in der Welt blos Rohheit, Nieder-tracht, Häßlichkeit und Verderbniß sieht. Die Jdeen-Assoziationwird bekanntlich von der Emotion stark beeinflußt. Ein Zola,der von vornherein mit unangenehmen organischen Empfindungenerfüllt ist, nimmt in der Welt blos die Erscheinungen wahr,die mit seiner organischen Grundstimmung zusammenklingen,und die ihr widersprechenden oder von ihr abweichenden be-merkt oder beachtet er gar nicht. Und von den gesellten Vor-stellungen, die jede Wahrnehmung in ihm erweckt, behält dasBewußtsein ebenfalls nur die unangenehmen, die zur wider-wärtigen Grundstimmung paffen, und unterdrückt die anderen.Zolas Romane beweisen nicht, daß es in der Welt schlimmbestellt sei, wohl aber, daß Zolas Nervensystem krank ist.
Auch seine Vorliebe für das Gemeine ist eine wohlbekannteKrankheitserscheinung. „Die Schwachsinnigen", sagt Sollier'),„lieben es, Unflätigkeiten zu sagen. . . Das ist eine besondereNeigung, die namentlich bei Entarteten beobachtet wird; sie istihnen so natürlich, wie es bei Geiftesgesunden der gute Tonist." Gilles de la Tourette hat den Namen Koprolalie (Mist-Rede) für das zwangsweise Herausplatzen von Flüchen undschmutzigen Redensarten gebildet, das eine von Catrou") er-schöpfend dargestellte Krankheit, von ihm „Krankheit der krampf-haften Zwangsbewegungen" genannt, kennzeichnet. Zola ist in
y Di'. Paul Sollier, Dsvslloiogis äs 1'iälot st äs I'imbsoils.Paris, EI. S. 95.
2 ) Catrou, Dtuäs sur la rnalsäis äss ties eouvulsit's (äumpiug,Daiati, N^riaellit). Paris, 1890.