Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
384
Einzelbild herunterladen
 

384

Der Realismus.

die gesellschaftlichen Einflüsse, also daswillen" im engemSinne, und unbekannte biologische Besonderheiten des In-dividuums haben. Und da kommt ein gänzlich unwissendereinzelner Schriftsteller und entscheidet mit der herrscherhaftenUnfehlbarkeit, die der Verfasser im Bereiche seines Dichtwerksfür sich in Anspruch nimmt, eine Frage, welche die Gesammt-arbeit eines ganzen Geschlechts berufener Forscher während einesMenschenalters nur um eine ganz kleine Strecke der Lösungnäher gebracht hat! Das ist eine Tollkühnheit, die sich blosdaraus erklärt, daß der Schriftsteller nicht die leiseste Vor-stellung von der Schwierigkeit der Aufgabe hat, an die er sichso leichten Herzens begibt.

Wenn trotzdem Balzac und Flaubert gerade mit der Theoriedesmilien" vortreffliche Werke hervorgebracht zu haben scheinen,so ist dies eine Sehtänschung. Sie haben der Umgebung ihrerPersonen (besonders Flaubert inMadame Bvvary") großeAufmerksamkeit und eingehende Beschreibungen gewidmetzunddarum empfängt der flüchtige Leser den Eindruck, daß zwischender Umgebung und dem Sein und Thun der Personen einursächliches Verhältniß nachgewiesen sei; denn es ist eine derursprünglichsten und hartnäckigsten Eigenthümlichkeiten desmenschlichen Denkens, alle neben und nach einander auftreten-den Erscheinungen mit einander ursächlich zu verknüpfen. DieseEigenthümlichkeit ist eine der ergiebigsten Quellen fehlerhafterSchlüsse und sie kann nur durch aufmerksamste Beobachtung,oft nur mit Zuhilfenahme des Versuchs, überwunden werden.In den Nomanen Balzacs und Flauberts, in denen daswillen"eine so große Nolle spielt, erklärt daswillen" thatsächlichnichts. Denn die Personen, die sich in demselben willen be-wegen, sind trotzdem gänzlich verschieden. Jede wirkt auf dieEinflüsse des willen in ihrer eigenen, besonder» Weise zurück.Diese Eigenart muß also das Vorbcstehende und kann nichtdas Ergebniß des willen sein. Dieses hat höchstens die Be-