I. Zola und die Zolaschulen.
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seine Deutung der Wirklichkeit, sein Interesse an ihr, nicht dieWirklichkeit selbst wieder. Wollte der Dichter die Welt phono-und photographisch abschreiben, so wäre sein Werk selbst imrein technischen Sinne nicht mehr eine Dichtung, nicht einmalein Buch, wie das Werk des nur noch photographirendenMalers im rein technischen Sinne immer noch ein Bild ist;es wäre Etwas, was keine Form, keinen Sinn, keinen Namenhätte; denn mit der Wiedergabe des Lebens eines einzigenMenschen während eines einzigen Tages kann man Tausendevon Seiten füllen, wenn man alle seine Empfindungen, Ge-danken, Worte, Handlungen als gleichwerthig behandeln, unterihnen nicht jene Auswahl treffen würde, die bereits Subjektivitätdes Dichters, also das Gegentheil von „Realismus" ist.
Das Werk des Malers wendet sich überdies an denselbenSinn wie die Welterscheinung selbst und er gibt diese mit den-selben Mitteln wieder, mit welchen sie selbst sich dem Sinnenthüllt, mit Licht und Farbe. Gewiß sind die Lichter, Farbenund Linien des Malers nicht genau die der wirklichen Er-scheinung, man glaubt nur durch eine Illusion die Erscheinungin ihrer Nachbildung zu erkennen; aber diese Illusion ist dasWerk so niedriger Hirnzentren, daß selbst Thiere ihrer fähigsind, wie nicht blos die bekannte klassische Anekdote von denVögeln, die an den Beeren der gemalten Weintrauben vonZeuxis picken wollten, beweist. Der Dichter dagegen wendetsich nicht an die Sinne; richtiger: er wendet sich durch dasGehör oder Gesicht, vor das er mit dem gesprochenen odergeschriebenen Worte tritt, nicht an die Wahrnehmungszentren,wie der bildende Künstler mit seinem Werke es zunächst thut,sondern an die höheren, begriff-, gednnken- und urthcilbildenden,Zentren. Er hat auch kein Mittel, um die sinnliche Erscheinungselbst unmittelbar wiederzugeben, sondern er muß die Er-scheinung zuerst in Begriffe Umsetzer: und er kann uns nurdiese Begriffe in sprachlicher, das heißt konventioneller, Form
Nordau, Entartung. II. 24