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2 (1893)
Entstehung
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Der Realismus.

reichen. Das ist aber eine überaus verwickelte und hochdifferenzirte Thätigkeit, die vollständig das Gepräge der sieübenden Persönlichkeit trägt. Wenn schon zwei Augen nichtin derselben Weise sehen, um wie viel weniger können zweiGehirne das vom Auge Gesehene in derselben Weise wahr-nehmen und deuten, in vorbestehende Begriffe einstigen, mitGefühlen und Gedanken assoziiren, in überlieferte Sprachformenkleiden! Die Thätigkeit des Dichters ist also, unvergleichlichmehr noch als die des bildenden Künstlers, eine so wesentlichpersönliche, die Verarbeitung von Sinneseindrücken zu Gedankenund die Uebersetzung der Gedanken in Worte ist eine so eigen-artig individuelle, so ausschließend subjective, daß auch ausdiesem Grunde die Dichtung niemals die Wirklichkeit selbst,das heißt „realistisch", sein kann.

Der psychologischen, der ästhetischen Kritik widersteht derBegriff des sogenannten „Realismus" nicht. Mau könnte ihn viel-leicht äußerlich, oberflächlich praktisch zu fassen suchen und etwasagen: Realismus ist die Methode, bei deren Anregung der Dichtervon seinen Wahrnehmungen und Beobachtungen ausgeht und seineVorwürfe in den Lebenskreisen sucht, die er persönlich kennt,Idealismus die entgegengesetzte Methode, die derjenige Dichtergebraucht, welcher beim Schaffen dem Spiele seiner Ein-bildungskraft gehorcht und, um deren freies Walten nicht ein-zuschränken, seine Stoffe aus fernen Zeiten und Ländern oderaus Gesellschaftsschichteu holt, von denen er keine unmittelbareKenntnis;, sondern nur Sehnsuchts-, Ahnungs- oder Ver-muthungs-Bilder hat. Diese Erklärung scheint verständig undeinleuchtend, aber auch sie löst sich bei näherer Betrachtung inblauen Nebel auf. Denn tatsächlich hat die Wahl des Stoffes,hat der Lebenskreis, dem er entnommen oder in den er verlegtist, gar keine scheidende Bedeutung; es offenbart sich in ihr nichteine Methode, sondern wieder nur die Persönlichkeit des Dichters.DerDichter, bei dem dieBeobachtung vorherrscht, wird „realistisch"