Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
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Der Realismus.

spannt, aber es ist doch im technischen Sinne ein Bild, dasheißt eine Malerei, die man an die Wand hängen und be-trachten kann. Der Dichter dagegen findet sein Werk nicht indieser Weise fertig vor. Es ist ihm nicht von der Natur selbstgegeben. Seine Stoffe entwickeln sich nicht im Raum, sondernin der Zeit. Sie liegen nicht neben einander geordnet da, sodaß das Auge sie erblickt und von ihnen Alles festhaltcn kann,was es wahrgenommen hat, sondern sie folgen einander undder Dichter muß ihnen mit eigener Geistesthätigkeit Grenzenanweisen, er muß selbst bestimmen, wo er sie ergreifen undwo er sie fahren lassen soll, wo die Erscheinung für die Zweckeseiner Dichtung anfängt und wo sie endet. Er kann eineMenschenrede nicht mitten in einem Worte beginnen und aus-hören lassen, wie etwa Jean Beraud in einem bekannten Bildedie Räder eines Wagens durch den Nahmen mittendurch ab-schneideu läßt. Er kann kein ausdrucksloses Lichtbild des gleich-mäßigen Flusses der Lebens- und Wcltereignisse geben. Ermuß Stellen dieses Flusses umpfählen und abdämmen. Da-mit aber tritt er selbst, tritt seine Persönlichkeit entscheidendhervor. Er verräth seine Eigenart. Er läßt seine Absichten,seine Anschauungen, seine Gefühle erkennen. Wenn er unsvon einer Million gleichzeitiger Menschengeschicke ein einzigeserzählt, so ist es, weil dieses eine ihn aus irgend einem Grundemehr interessirt hat als die Million. Wenn er uns von demgewühlten Menschen nur einzelne Züge, Gedanken, Gesprächeund Handlungen, noch nicht ein Millionstel von denen, die inWirklichkeit sein Leben ausmachten, mittheilt, so ist es, weilsie ihm aus irgend einem Grunde wichtiger und bezeichnenderscheinen als alle übrigen, weil sie nach seiner Meinung etwasbeweisen, weil sie einen Gedanken ausdrücken, den nicht dieWirklichkeit gedacht hat, sondern den er, der Dichter, aus derWirklichkeit herauszulesen glaubt oder in sie hiucindeuten möchte.Sein „realistisches" Werk gibt also immer nur seinen Gedanken,