Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
355
Einzelbild herunterladen
 

V. Friedrich Nietzsche.

355

derSchneidigkeit", auf die er seinen philosophischen Versmacht, eigentlich verdrießt: sie macht zu viel Wesens von demOffizier!Sobald er" (derpreußische Offizier")spricht undsich bewegt, ist er die unbescheidenste und geschmackwidrigsteFigur im alten Europa sich selbst unbewußt. . . Und auchden guten Deutschen unbewußt, die in ihm den Mann derersten und vornehmsten Gesellschaft anstaunen und sich gernden Ton von ihm augeben lassen"?) Das kann Nietzsche nichtzugeben, er, der einsieht, daß es keinen Gott geben könne, dadoch sonst er selbst dieser Gott sein müßte! Er kann es nichtdulden, daßder gute Deutsche" den Offizier über ihn stellt.Aber von diesem Uebelstand abgesehen, den das System derSchneidigkeit" nach sich zieht, findet er Alles daran gut undschön, rühmt esals Unerschrockenheit des Blickes, als Tapfer-keit und Härte der zerlegenden Hand, als zähen Willen zugefährlichen Entdeckungsreisen, zu vergeistigten Nordpol-Expedi-tionen unter öden und gefährlichen Himmeln",^) und weissagtfrohlockend, daß für Europa ein ehernes Zeitalter, ein Zeitalterdes Krieges, der Soldaten, der Waffen, der Gewaltthat an-breche. Es ist also natürlich, daß dieSchneidigen" in Nietzscheihren eigensten Philosophen begrüßten.

SeinIndividualismus", das heißt seine Ichsucht einesGestörten, für den die Außenwelt nicht vorhanden ist, mußteaußer den geborenen Anarchisten aus Anpassungs-Unfähigkeitauch Diejenigen anziehen, die triebhaft fühlen, daß der heutigeStaat zu tief und gewaltthätig in die Rechte des Einzelneneingreift und von ihm außer den nothwendigen Opfern anKraft und Zeit auch solche fordert, die er ohne zerstörendenVerlust an Selbstachtung nicht bringen kann: nämlich Opferdes Urtheils, der Erkenntniß, der Ueberzeugung und derMenschenwürde. Diese Freiheitsdurstigen glauben in Nietzsche

stDie fröhliche Wissenschaft", S. 130.

stJenseits von Gut und Böse", S. 147.