200
Die Jch-Sucht.
durch einander, wie wir es bei gehirnschwachen Entarteten ge-wohnt sind. Und wenn er einmal mit Mühe und Noth Etwashat fassen und einigermaßen verständlich ausdrücken können, sobeeilt er sich unfehlbar, wenige Seiten später, oder doch ineinem folgenden Stücke, das genaue Gegentheil davon zu sagen.Man spricht von Ibsens „Ideen über Sittlichkeit" und vonseiner „Philosophie". Er hat keinen einzigen Satz über Sitt-lichkeit, keine einzige Anschauung von Welt und Leben gebildet,ohne sich selbst entweder zu widerlegen oder treffend zu ver-spotten.
Er scheint freie Liebe zu predigen,und sein Lob der durchkeine Selbstbeherrschung, keine Rücksicht auf Vertrag, Gesetzund Sitte gezügelten Unzucht machte ihn ja in den Augeneines Georg Brandes und ähnlicher Gönner der „Jugend, diesich ein bischen unterhalten will", zu einem „Modernen Geist".Frau Alving („Gespenster", S. 43) nennt es „ein Verbrechen",daß Pastor Manders sie zurückgewiesen hat, als sie ihremMann entlaufen war und sich ihm an den Hals geworfenhatte. Dieselbe temperamentvolle Dame stößt ohne WeiteresRegine (S. 58—63) in die Arme ihres Sohnes, als dieserihr in frechen Worten eröffnet, daß es ihm Vergnügen machenwürde, sie zu besitzen. Und diese nämliche Frau Alving sprichtin Ausdrücken tiefster sittlicher Entrüstung von ihrem ver-storbenen Gatten als von einem „gefallenen Mann" (S. 38)und bezeichnet ihn vor dem Sohne nochmals als „einen ge-sunkenen Menschen" (S. 40; in der Ursprache heißt es auchhier „et forfaldent" Menneske, ein Beiwort, mit dem man ge-fallene Frauenzimmer zu bezeichnen pflegt), und weshalb?Weil er leichtfertige, freie Beziehungen zu Weibern gehabthat! Ja: ist es nun nach Ibsens Meinung erlaubt oder istes nicht erlaubt, der Fleischeslust zu fröhnen, so wie sie er-wacht? Ist es erlaubt, wie kommt Frau Alving dazu, mitVerachtung von ihrem Gatten zu sprechen? Ist es nicht er-