Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
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196
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Die Jch-Sucht.

Bei seinem dritten Erscheinen erleidet das Motiv eine be-zeichnende Aenderung. Hedwig opfert sich, nicht um eineSchuld zu sühnen, — denn von der Schuld ihrer Mutter weißsie nichts, — sondern um ein Werk der Liebe zu thun. Hiertritt also das mystisch-theologische Element der Heilsthat fast biszur Unwahrnehmbarkeit zurück mnd es bleibt beinahe nur dasreinmenschliche Element der Freude an der Selbstaufopferungfür Andere übrig, ein Drang, der bei guten Frauen nicht seltenangetroffen wird, der eine Aeußerung des nicht befriedigten,manchmal auch des sich selbst nicht begreifenden, Bemutterungs-Triebes und zugleich die edelste und heiligste Form des Altruis-mus ist. Diesen Drang zeigt Ibsen bei vielen seiner weib-lichen Gestalten, denen man ihren Ursprung aus der Glaubens-mystik des Dichters nicht gleich anmerken würde, wenn uns dievielfachen anderen Abwandlungen des Opferlamm-Motivs nichtbereits die Uebung gegeben hätten, es auch in seinen Ver-dunkelungen mit Sicherheit zu erkennen. Hedwig bildet denUebergang von der theologischen zur reinmenschlichen Form derfreiwilligen Selbstopferung. Das überspannte Kind treibt denVerzicht regelrecht bis zur Hingabe des Lebens; die anderenJbseuschen Frauen, zu deren Verständlich cs den Schlüsselbietet, gehen nur bis zur liebevoll thätigen Selbstlosigkeit. Siesterben nicht für Andere, aber sie leben für Andere. In „Nora"hat Frau Linden diesen Selbstopferungs-Hunger. „Ich mußarbeiten, um das Leben ertragen zu können", sagt sie zuGünther (S. 67); „von Jugend auf Hab' ich gearbeitet unddas ist meine einzige und beste Freude gewesen. Aber nunsteh' ich ganz allein in der Welt; so schrecklich leer und ver-lassen! Für sich selbst arbeiten, das gewährt doch keineFreude. Günther, geben Sie mir Jemand, für den ich ar-beiten kann... Günther. Wie, Sie könnten wirklich —?Sagen Sie — kennen Sie meine Vergangenheit? Frau Linden.Ja. Günther. Und Sie wissen, wofür ich hier gelte? Frau