IV. Der Jbsenisums.
191
wird er losplatzen, es mag nachher geschehen was da wolle.Dieses psychologische Gesetz war den Menschen immer bekannt,wie das Schriftthum von der König Midas-Fabel bis zuDostojewskis „Naskolnikow" zeigt, und die katholische Kirchelieferte einen Beweis mehr ihrer tiefen Kenntniß der Menschen-natur, als sie das urchristliche Schuldbekenntniß vor ver-sammelter Gemeinde, das eine Selbstdemüthigung und Bußesein sollte, in die Ohrenbeichte verwandelte, die dem Zweckeder gefahrlosen, wonnigen Erleichterung und Entspannungdient und den Durchschnittsmenschen ein psychisches Bedürfnißersten Ranges ist. Diese Art der Beichte hat Ibsen, wahr-scheinlich unbewußt, im Auge. („Weil ich Jemand habenmuß, dem ich mich anvertrauen kann." Ellida.) Selbst einEntarteter, kann er sich auch nur das Geistesleben Entartetervorstellen, bei denen die Hemmungs-Vorrichtungen immer inUnordnung sind und die sich deshalb dem Beicht-Verlangennicht entziehen können, wenn in ihrem Bewußtsein irgendEtwas lebt, was sie beschäftigt und erregt.
Die dritte und wichtigste theologische Zwangs-VorstellungIbsens ist die der Heilsthat Christi, der Erlösung Schuldigerdurch freiwillige Uebernahme ihrer Schuld. Diese Abwälzungder Sünde auf ein Opferlamm nimmt in Ibsens Theater den-selben Platz ein wie in dem Richard Wagners. Das Opfer-lamm- und Erlösungs-Motiv ist seinem Geist fortwährendgegenwärtig, freilich nicht immer klar und verständig, sondern,der Verworrenheit seines Denkens angemessen, mannigfach ver-zerrt, verdunkelt und kontrapunktisch umgewandelt. Bald nehmenIbsens Gestalten das Kreuz freiwillig und freudig auf sich, wiees dem Christusgedanken entspricht, bald wird es ihnen gewalt-sam oder hinterlistig auf die Schulter gelegt, was eine, Theo-logen würden sagen: teuflische, Verhöhnung dieses Gedankensdarstellt; bald ist die Opferung für Andere aufrichtig, bald istsie bloße Heuchelei; die Wirkungen, die Ibsen ans dem immer