Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
184
Einzelbild herunterladen
 

184

Die Jch-Sucht.

von der Welt und den Menschen, seine Lebensführung beweisen,daß er einer der glühendsten schottischen Calvinisten gebliebenist." Hätte Spencer, als er dies schrieb, Ibsen gekannt, erwürde ihn vielleicht als zweites Beispiel angeführt haben. WieCarlyle immer schottischer Calvinist, so ist Ibsen immer nor-wegischer Kierkegaardscher Protestant geblieben, das heißt Pro-testant mit heftiger Jacob Boehmescher, Swedenborgscher oderPuseyscher Mystik, die leicht eine Brücke zum Katholizismuseiner heiligen Therese oder eines Ruysbrock findet.

Drei christliche Grundgedanken sind seinem Geiste fort-während gegenwärtig^und um sie dreht sich die ganze Tätig-keit seiner dichterischen Einbildungskraft wie um ebenso vieleAchsen. Diese drei unabänderlichen Mittelpunkt-Gedanken,wahre Zwangsvorstellungen, die aus dem Unbewußten in seinGeistesleben hinaufragen, sind die Erbsünde, die Beichte unddie Selbstopferung oder Erlösung.

Die ästhetischen Schwätzer haben das Erb-Motiv in allenWerken Ibsens, das selbst der schwächsten Aufmerksamkeit nichtentgehen kann, als ein modern-naturwissenschaftliches, als eindarwinistisches angesprochen. Es ist thatsächlich die immerwiederkehrende augustinische Erbsünde ^ und es verräth seinetheologische Natur einmal dadurch, daß es neben den beidenanderen theologischen Motiven, der Beichte und der Erlösung,austritt, und zweitens durch die kennzeichnende Beschaffenheitder Vererbung: wir haben oben gesehen, daß das, was dieJbsenschen Gestalten erben, immer eine Krankheit (Erblindung,Rückenmark-Schwindsucht, Wahnsinn), ein Laster (Verlogen-heit, Leichtsinn, Unzüchtigkeit, Verstocktheit) oder ein Mangel(Unfähigkeit zum Frohsinn) ist, niemals aber ein Vorzug, einenützliche oder erfreuliche Eigenschaft. Nun erbt man aber dasGute und Gesunde mindestens ebenso häufig wie das Schlechteund Kranke, manche Forscher sagen: sehr viel häufiger. Wennalso Ibsen wirklich das Gesetz der Vererbung im darwinistischen