Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
178
Einzelbild herunterladen
 

178

Die Jch-Sucht.

Menschen" zu rühmen, wie Frau Alving es thut. Dem Läh-mungswahnsinn würden allenfalls einzelne kleine Züge ent-sprechen, etwa Oswalds sinnliche Erregtheit, die naive Frech-^ heit, mit der er vor seiner Mutter über das Liebeleben seinerPariser Freunde spricht (S. 26) oder seinem Wohlgefallen anderHerrlichkeit" von Regine Ausdruck gibt (S. 57), dieLeichtigkeit, mit der er beim ersten Anblick dieses MädchensHeiratspläne schmiedet u. s. w.^). Aber neben diesen zutreffen-den, doch untergeordneten Zügen stechen andere, weit wichtigere,hervor, welche die DiagnoseLähmungs-Wahnsinn" unbedingtausschließen. Von dem im ersten Stadium dieser Krankheitnie fehlenden Größenwahn ist bei Oswald keine Spur, er istängstlich und niedergeschlagen, während der General-Paralytikersich höchst glücklich fühlt und das Leben überaus rosig sieht,und er ahnt und fürchtet den Ausbruch des Wahnsinns, wasich beim Paralytiker weder selbst je beobachtet noch von irgendeinem Kliniker verzeichnet gefunden habe. Endlich tritt dieGeistesstörung mit einer Plötzlichkeit und Vollkommenheit auf,die man nur bei der akuten Manie kennt, allein die Schilde-rung Oswalds im letzten Auftritte mit seiner Unbeweglichkeit,seinerdumpfen, tonlosen" Sprache und seinem irrsinnig vorsich hin gemurmelten, ein halbes Dutzendmal wiederholtendie Sonne die Sonne" entspricht nicht im Entferntestendem Bilde der akuten Manie.

Der Dichter braucht natürlich von der Pathologie nichts zuverstehen. Aber wenn er vorgibt, wirkliches Leben zu schildern,so soll er ehrlich sein. Er soll nicht mit Genauigkeit und wissen-schaftlicher Beobachtung schwindeln, blos weil diese von der Zeitgefordert oder doch bevorzugt wird. Je unwissender der Dichter

>) Or. R. von Krafft-Ebing, a. a. O. S. 139. Der Verfasserführt hier alle obigen Züge als bezeichnend für das erste Stadiumdes Lähmungs-Wahnsinns an:unzüchtige Reden, Ungenirtheit imVerkehr mit dem andern Geschlecht, Heiratspläne."