bis zum vollständigen Unsinn übertriebener und in sein Gcgen-theil umgekehrter Gemeinplatz. Volle, sachliche Wahrheit undNatürlichkeit braucht der Kunst nicht erst verwehrt zn werden,sie ist ihr gar nicht möglich. Denn das Kunstwerk versinnlichtVorstellungen des Künstlers, eine Vorstellung ist aber nie dasgenaue Abbild einer Erscheinung der Außenwelt; jede Erschei-nung erfährt vielmehr, ehe sic in einem menschlichen Bewußt-sein zu einer Vorstellung werden kann, zwei sehr wesentlicheVeränderungen; eine erste in den leitenden und empfangendenOrganen der Sinne, eine zweite in den Zentren, welche dieSinneswahrnehmungen in Vorstellungen umarbeiten. DieSinnesnerven und Wahrnehmungszentren verändern die Be-schaffenheit der äußeren Reize ihrer Eigenart gemäß, sie gebenihnen ihre besondere Färbung, wie verschiedene Blaseinstrumente,von demselben Menschen gespielt, unter demselben Hauche ganzverschiedene Klangfarben liefern. Die vorstcllnngbildenden Zen-tren wieder verändern das thatsüchliche Verhältniß der Erschei-nungen zu einander, indem sie einzelne stärker hcrvorhcben undandere vernachlässigen, die in Wirklichkeit glcichwerthig sind.Das Bewußtsein nimmt nicht von allen den zahllosen Wahr-nehmungen Kenntnis;, die ununterbrochen im Gehirn erregtwerden, sondern blos von jenen, auf die es aufmerksam ist.Durch die bloße Thatsache der Aufmerksamkeit sondert es abereinzelne Erscheinungen aus und gibt ihnen eine Bedeutung,welche sie in der ewig gleichen Allbewcgung nicht haben.
Aber wenn das Kunstwerk nie die Wirklichkeit in ihrenrichtigen Verhältnissen wiedergibt, so kann es andererseits — unddas ist ebenfalls ein psychologischer und ästhetischer Gemein-platz — niemals aus anderen Bestandtheilen aufgebaut seinals solchen, die von der Wirklichkeit geliefert sind. Die Art,wie diese Bestandtheile von der Einbildungskraft des Künstlersgemengt und gefügt sind, läßt eine andere Thatsache erkennen,die ebenso wahr und natürlich ist wie irgend etwas, was wir