Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
140
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abschlachtet? Gewiß nicht, denn bei diesem Bilde ist esnicht mehr möglich, die an sich schöne Kraftentwickelung vonihrem Zwecke zu trennen und ohne Rücksicht ans diesen zugenießen.

Ebenso ist in der Dichtung diese Trennung von Formund Inhalt weit weniger möglich als in den bildenden Künsten.Das Wort an sich, durch sein Laut- oder Form-Bild, kannkaum sinnlich-schön wirken, selbst wenn es rhythmisch geregeltund durch den Reim zum ausdrucksvollem Doppelklang ver-stärkt auftritt. Es wirkt fast nur durch seinen Inhalt, durchdie Vorstellungen, die es wachrnft. Es ist also kaum denkbar,daß man eine dichterische Darstellung verbrecherischer oderlasterhafter Thatsachen hört oder liest, ohne bei jedem Wortedie Vorstellung seines Inhalts, nicht die seiner Form, dasheißt doch wohl seines Klanges, gegenwärtig zu haben, derEindruck kann also in diesem Falle gar nicht mehr ein ge-mischter sein wie beim Anblick der schön gemalten Darstellungeines widerwärtigen Vorganges, sondern nur noch ein unge-mischt häßlicher. Die Bilder des Giulio Romano, zu denenPietro Aretino seineLonetti lussuriosi^ schrieb, mögen vonLiebhabern der weichlichen Malweise des Raphael-Schülersnoch schön gefunden werden; die Sonette sind nur mehr ekel-haft. Wer wird beim Lesen der Schriften des Marquis deSade, des Andrea de Nercia, des Liseux Lustgefühle empfinden?Nur eine Menscheu-Gattung: die der Entarteten mit Verirrungder Triebe. Die Darstellungen des Verbrechens und Lastersin Kunst und Schriftthum haben ihr Publikum. Wir kennenes wohl. Es ist das der Gefängnisse. Die Verbrecher lesenneben öde empfindsamen Büchern nichts so gerne wie Geschichtenvon Unzucht und Gewaltthat^ und die Zeichnungen und Jn-

>1 Henry Joly, Uos Isvtnros änns los prlsons äs ln Loino.Lyon, 1891. S. auch Loinbroso, U'Uoino äslin^usnto, Turin, 1884,S. 36» ff. und 887 ff.