Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

die Vorzüge der Form, wenn solche vorhanden sind, nicht be-einträchtigen.

Solche Sätze kann nur der wagen, der auch nicht eineAhnung von der Psycho-Physiologie des ästhetischen Gefühlshat. Jeder, der sich nur eine Sekunde lang mit diesem Gegen-stände beschäftigt hat, weiß, daß inan zwei Arten des Schönenunterscheidet, das Sinnlich-Schöne und das Geistig-Schöne. Alssinnlich-schön empfinden wir die Erscheinungen, deren Wahr-nehmung durch die Sinnes-Zentren mit Lustgefühl begleitet ist:eine bestimmte Farbe, etwa reines Roth, oder einen Zusammcn-klang, ja selbst einen einzelnen Ton mit seinen nicht besonderserfaßten, aber mitklingenden Obertönen. Die Untersuchungenvon Helmholtzft und Blasernaft haben über die Gründedes Lustgefühls bei gewissen Ton-Wahrnehmungen, die vonBrückeft über den Mechanismus der Lustgefühle bei Gesichts-Eindrücken Licht verbreitet. Es handelt sich um das Erkennenbestimmter einfacher Zahlenverhältnisse in den Schwingungendes Stoffes oder des Aethers durch die Sinncsnerven. Von denUrsachen des Lustgefühls beim Riechen und Tasten wissen wirweniger, doch scheint es sich auch hier um stärkere und schwächereEindrücke, also gleichfalls um Mengen, das heißt um Zahlenzu handeln. Der letzte Grund von allen diesen Gefühlen ist,daß gewisse Schwingnngsformen mit dem Bau der Nerven über-einstimmen, ihnen leicht werden und sie in Ordnung lassen,während andere die Lagerung ihrer Bestandtheile stören, so daß

ft Helmholtz, Die Lehre von den Tonempfindungen. 4. Aufl.Braunschweig, 1877.

ft Pietro Blaserna, Die Theorie des Schalls in Beziehung zurMusik. Zehn Vorlesungen. Leipzig, Internationale wissenschaftlicheBibliothek.

ft E. Brücke, Bruchstücke aus der Theorie der bildenden Künste.Leipzig, Intern, wissensch. Bibl. (Der französischen Ausgabe desBrückeschen Werkes ist auch das einschlägigeI^optigno st la pointuro"von Helmholtz beigefügt.)